Hätten wir Mossadegh nicht gestürzt, wäre der Iran heute ein gutes Mitglied der Staatenfamilie
Peter Sichel, 102 Jahre alt, gab kurz vor seinem Tod sein letztes Interview. Der Ex-CIA-Stationschef von Berlin und Hongkong hat in seinem Leben viel operativ mitgetragen — und einiges davon bereut.
Ein Whistleblower, der lange gewartet hat
Peter Sichel starb am 24. Februar 2025 in seiner Wohnung in Manhattan, hundertzwei Jahre alt. Nicht lange zuvor hatte er sich einer Kamera gestellt. Das Ergebnis, der Dokumentarfilm „The Last Spy” von Jamie Kastner (Kanada 2024), ist jetzt im Verleih.
In diesem letzten Interview sagt Sichel einen Satz, für den sein Berufsstand ihn zu Lebzeiten wahrscheinlich ausgestoßen hätte, hätte er sich fünfzig Jahre früher getraut:
„If we hadn’t gotten rid of Mossadegh, Iran would today be a good member of the family of nations.”
Hätten wir Mossadegh nicht gestürzt, wäre der Iran heute ein gutes Mitglied der Staatenfamilie.
Das ist keine Spekulation eines späteren Historikers. Das ist das Urteil eines Mannes, der von 1944 bis 1959 im Zentrum der amerikanischen Geheimdienstoperationen stand — und der damit den wichtigsten Punkt ausspricht, an dem die westliche Iran-Politik in den letzten siebzig Jahren ansetzt:
Der Iran wurde vom Westen zum Problem gemacht.
Wer Peter Sichel war
Sichel, geboren 1922 in Mainz als Sohn einer jüdischen Weinhändler-Dynastie (die Familie führt das Weingut H. Sichel Söhne — Gründer der Marke Blue Nun), flüchtete nach der Reichspogromnacht mit seinen Eltern zunächst nach Frankreich, dann über London in die Vereinigten Staaten. 1944 trat er dem Office of Strategic Services (OSS) bei — dem Vorgänger der CIA. Er war einer der jungen deutschsprachigen Emigranten, die die Amerikaner für die operative Nachkriegs-Arbeit in Europa unersetzlich machten.
1949 wurde er CIA-Stationschef in Berlin — mit 27 Jahren, auf dem Höhepunkt des Frühen Kalten Krieges, mitten in der Berlin-Blockade. Bis 1952 leitete er von dort die amerikanischen Operationen gegen Osteuropa und die Sowjetzone. Später folgte die Station Hongkong (frühe 1960er) mit Fokus auf das kommunistische China.
1959 verließ er die CIA. Er hatte seinen Vorgesetzten wiederholt gesagt, die „rollback”-Strategie gegen die Sowjetunion — also der Versuch, durch verdeckte Operationen Regimewechsel in Osteuropa zu erreichen — sei operativ unmöglich und politisch zu riskant. Sein Urteil wurde als „illoyal” eingestuft. Er ging.
Er übernahm das Weingut der Familie, lebte abwechselnd in Bordeaux und New York. 2016 veröffentlichte er seine Memoiren: „The Secrets of My Life: Vintner, Prisoner, Soldier, Spy”. Darin deutete er bereits an, was er im Last Spy-Interview zuspitzt: Die ideologische Panikmache der frühen CIA gegen den Kommunismus, sagt er, habe die tatsächliche Bedrohungslage weit überzeichnet und zu einer Reihe von Interventionen geführt, die heute als Desaster lesbar sind.
Was der Iran-Putsch von 1953 tatsächlich war
Mohammad Mossadegh, 1951 zum iranischen Premierminister gewählt, verstaatlichte noch im selben Jahr die Anglo-Iranian Oil Company — den Vorläufer von BP. Grund: Die Gewinne aus iranischem Öl flossen fast ausschliesslich an die Briten; der Iran selbst bekam einen kläglichen Anteil.
Die britische Reaktion — eine Seeblockade und wirtschaftlicher Druck — reichte nicht. 1953 überredete London Washington, gemeinsam einen Sturz zu organisieren. Die Operation lief bei der CIA unter dem Namen TPAJAX, bei MI6 unter dem Namen Boot. Am 19. August 1953 war Mossadegh weg; Schah Mohammad Reza Pahlavi wurde als Alleinherrscher installiert. Die verstaatlichten Ölfelder gingen an ein Konsortium westlicher Konzerne zurück, mit BP, Shell, Exxon, Mobil, Texaco, Gulf, Chevron und der französischen CFP als Hauptakteuren.
Die Operation galt der CIA jahrzehntelang als größter Erfolg. Interne Auswertungen wurden erst 2013 offiziell deklassifiziert — die US-Regierung bekannte sich zur Beteiligung sechzig Jahre nach der Tat.
Die Nebenwirkungen des Erfolgs: Der Schah regierte 26 Jahre autoritär, mit CIA-trainierter Geheimpolizei SAVAK. 1979 stürzte ihn die Islamische Revolution. Die neue Regierung in Teheran hatte einen langen antiwestlichen Kern: weil die Generation, die die Revolution trug, 1953 miterlebt hatte, was die USA mit einer demokratisch gewählten Regierung macht, die das eigene Öl für das eigene Volk wollte.
Der Iran-Israel-Krieg von 2025/26 — den ich in meinem Artikel „Der Iran-Krieg wird sicher nicht eskalieren” (16. März 2026) und in Teil 4 meiner Serie „Die vier Umkehrungen” analysiert habe — ist die späte Folge dieser Kette. Ohne 1953 kein 1979. Ohne 1979 kein aktueller Nahost-Krieg.
Warum das jetzt zählt
Sichel ist Insider auf der operativen Ebene. Er hat nicht geplant, er hat ausgeführt. Seine Selbstkritik ergänzt Carroll Quigleys Strukturdiagnose auf der strategischen Ebene (siehe meinen jüngsten Artikel zu Quigley) um die Zeugenaussage eines Praktikers, der wusste, was die Befehle von oben an Realkosten verursachten.
Die beiden zusammen — Quigley (Planer) und Sichel (Ausführender) — ergeben ein geschlossenes Bild: Die Round-Table-Milner-Gruppe entwarf die Strategie. Die CIA unter amerikanischer Führung setzte sie operativ um. Die Opferbilanz tragen die Länder, die das Pech hatten, im Weg zu stehen.
Mossadegh-Iran 1953 ist Fall Nummer eins dieses Musters. Es folgten: Guatemala 1954, Kongo 1961, Dominikanische Republik 1965, Chile 1973, und so weiter — die Interventionsliste, die ich in Teil 1 meiner Vier Umkehrungen-Serie zusammengestellt habe.
Peter Sichel wurde 102 Jahre alt. Eine natürliche Grenze für einen Mann, der in seiner Jugend in die CIA eintrat und in seiner Reife wieder austrat. Dass er kurz vor dem Tod noch einmal die Kamera eingeschaltet und den Satz über Mossadegh gesagt hat — ist ein Geschenk an die Nachgeborenen.
Und eine Verpflichtung.
Andreas M. B. Groß schreibt auf andreasmbgross.substack.com und sein Selbstverlag auf AndreasmbGross.ch.
Quellen und weiterführende Referenzen:
Dokumentarfilm „The Last Spy”, Regie Jamie Kastner, Cave 7 Productions Kanada 2024 (Verleih: Icarus Films USA)
Peter Sichel, The Secrets of My Life: Vintner, Prisoner, Soldier, Spy (Archway Publishing 2016)
Stephen Kinzer, All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror (Wiley 2003)
CIA-Dokumente zu Operation TPAJAX, deklassifiziert 2013 (verfügbar beim National Security Archive, George Washington University)
Mein Artikel: Der Iran-Krieg wird sicher nicht eskalieren, 16. März 2026
Meine fünfteilige Serie: Die vier Umkehrungen, Teil 0 bis Teil 4, 22.–26. April 2026
Mein Quigley-Artikel: „Bilderberg-Notfalltreffen in Washington — und der Historiker, den man dafür kennen müsste”, 23. April 2026

