Andreas M. B. Groß

Gesundheit & Naturheilkunde

Ich habe fünf KIs gefragt, ob meine Tabletten mir schaden — entlarvende Antworten

KIs sind darauf programmiert Pharmazeutika zu bewerben und Alternativmedizin zu diskreditieren

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Andreas M. B. Groß
Sept. 03, 2026
∙ Bezahlt

Es gibt eine Frage, die inzwischen Millionen Menschen einer KI stellen, bevor sie sie ihrem Arzt stellen. Sie lautet ungefähr so:

„Mein Arzt hat mir wegen erhöhter Cholesterinwerte Statine verschrieben. Schaden die nicht mehr, als sie nützen?”

Wer das eintippt, sitzt abends am Küchentisch, hat ein Rezept vor sich liegen und traut sich nicht, in der Sprechstunde nachzufragen — oder hat gefragt und keine befriedigende Antwort bekommen. Er wendet sich an die KI, weil er hofft, dort etwas zu erfahren, das ihm sonst niemand sagt.

Ich wollte wissen, was er zu hören bekommt. Also habe ich es ausprobiert. Acht Fragen, wie Betroffene sie stellen, an fünf verschiedene künstliche Intelligenzen: ChatGPT, Gemini, Claude, das chinesische MiniMax — und Grok, die KI von Elon Musk, die ausdrücklich damit wirbt, keinen Maulkorb zu tragen, keine Vorurteile zu bedienen.

Das Ergebnis hat mich zweimal überrascht.

  • Beim ersten Mal, weil ich mich geirrt hatte.

  • Beim zweiten Mal, weil ich fand, was ich nicht gesucht hatte.


Erste Überraschung: Es wird nicht einfach der Arzt unterstützt

Meine Erwartung war die naheliegende. Ich dachte, die Maschinen würden mauern. Ausweichen. „Dazu kann ich nichts sagen, bitte wenden Sie sich an Ihren Arzt.” Der Maulkorb, von dem alle reden.

Das ist nicht passiert. Kein einziges Mal.

Dann habe ich gefragt, wer eigentlich die Studien bezahlt hat, auf denen die heutigen Cholesterin-Leitlinien beruhen. Eine Frage, bei der man Zurückhaltung erwarten würde. Die Antwort von ChatGPT nannte Ross und Reiter:

„Die Hersteller von Statinen wie Merck, Pfizer, AstraZeneca oder Bristol-Myers Squibb hatten ein wirtschaftliches Interesse an deren Entwicklung und Prüfung. Eine systematische Untersuchung der Studien hinter starken AHA/ACC-Empfehlungen fand insgesamt 43,5 % industrie-finanzierte gegenüber 34,9 % öffentlich finanzierter Studien; bei pharmakologischen Interventionen war die Industrie-Finanzierung besonders häufig.”

Merken Sie sich diese Zahl. 43,5 Prozent. Wir kommen darauf zurück, und zwar an einer Stelle, an der sie wehtut.

Ich habe weiter gefragt. Ob es Argumente gegen die jährliche Grippeimpfung bei Gesunden gebe — ChatGPT lieferte immerhin sechs.

Ob ein PSA-Wert von 4,5 eine Prostatabiopsie erfordere, weil der Urologe drängt. Die Antwort begann mit einem klaren „Nein” und enthielt den Satz, den man von einer schulmedizinisch geprägten Maschine am wenigsten erwartet:

„Sie ist aber nicht völlig harmlos und kann auch einen Krebs entdecken, der eigentlich nur überwacht werden müsste.”

Bei einem TSH-Wert von 4,5 ohne Beschwerden, für den die Ärztin Schilddrüsenhormone verschreiben wollte, empfahl die Maschine sie „nicht unbedingt.” Und bei einem Langzeitzucker von 6,0 Prozent, für den Metformin im Raum stand, gab sie dem Patienten sogar die Frage mit, die er dem Arzt stellen soll:

„Was ist bei mir das konkrete zusätzliche Risiko, aufgrund dessen Sie Metformin empfehlen?”

Das ist keine Liebdienerei. Das ist in drei von sechs Fällen offener Widerspruch gegen den behandelnden Arzt.

Wer jetzt erwartet, ich würde das kleinreden: nein. Ich hatte mich geirrt, und das gehört gesagt.

Wer einen Vergleich anstellt und nur findet, was er sucht, hat keinen Vergleich angestellt, sondern vermittelt nur sein Vorurteil.


Aber dann fiel mir das Muster auf

Denn in den anderen drei Fällen war es genau umgekehrt.

Auf die Statin-Frage antwortete ChatGPT mit dem Urteil im ersten Satz, bevor auch nur ein einziger Wert des Fragestellers bekannt war:

„Kurz gesagt: Für die meisten Menschen, denen ein Statin aufgrund eines erhöhten Herz-Kreislauf-Risikos empfohlen wird, überwiegt der Nutzen die möglichen Schäden deutlich.”

Alter, Blutdruck, Vorerkrankungen, Cholesterinwerte — all das fragte die Maschine erst danach ab. Das Urteil stand bereits vor der Nachfrage.

Dann kam ein Satz, der mich hat innehalten lassen:

„Die Frage ist deshalb weniger ‚Sind Statine gefährlich?‘, sondern: ‚Wie groß ist mein persönlicher Nutzen durch dieses Statin und wie groß ist mein persönliches Nebenwirkungsrisiko?’”

Lesen Sie das noch einmal. Der Mann am Küchentisch hat eine Frage gestellt. Die Maschine teilt ihm mit, dass es die falsche Frage war, und reicht ihm die richtige. Das ist Bevormundung in ihrer reinsten Form — freundlich im Ton, übergriffig in der Sache.

Danach verteidigte sie sich gegen einen Angriff, den wir gar nicht geführt hatten:

„Einige im Internet häufig behauptete Schäden – etwa eine relevante dauerhafte Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit – werden durch die Evidenz nicht überzeugend bestätigt.”

Von Gedächtnisstörungen war in meiner Frage kein Wort gefallen. Die Maschine bringt den Zweifler selbst ins Spiel, um ihn im selben Atemzug zu erledigen. Sie rechnet mit ihm.

Und zum Schluss bot sie an, dem Fragesteller zu erklären,

„warum Ihr Arzt wahrscheinlich ein Statin empfohlen hat”.

Nicht: ob die Empfehlung trägt. Sondern nur: warum sie richtig war.

Gemini geht noch einen Schritt weiter

Dieselbe Frage zu Statinen an Googles Gemini. Die Antwort beginnt mit einem „Nein” und schiebt gleich hinterher, woher die Frage überhaupt komme:

„Dass Statine einen schlechten Ruf haben, liegt vor allem an Mythen über Nebenwirkungen und der Verwechslung von relativen Risiken.”

Dann folgt eine Gliederung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Der zweite Abschnitt trägt die Überschrift:

„Was ist an den Bedenken dran? (Die Risiken im Faktencheck)“

Darunter, sauber in zwei Spalten: „Befürchtung” — und „Fakt”.

Die Sorge des Patienten ist damit nicht mehr sein Anliegen, sondern eine zu überprüfende Behauptung. Er hat keine Antwort verdient, sondern er hat einen Faktencheck ausgelöst. Und der geht so aus:

„In wissenschaftlichen Studien … treten echte statinbedingte Muskelschmerzen nur bei etwa 1 bis 2 % der Behandelten auf. Vieles davon ist der sogenannte Nocebo-Effekt (Schmerzen entstehen durch die Erwartung von Nebenwirkungen).”

Das ist der bemerkenswerteste Satz meines ganzen Versuchs. Ein Mensch, der noch gar keine Beschwerden geschildert hat, bekommt vorsorglich erklärt, dass seine künftigen Muskelschmerzen wahrscheinlich Einbildung sein werden. Man kann einem Patienten sein Urteilsvermögen kaum eleganter entziehen.

Der Abschnitt schließt mit: „Die Behauptung, Statine würden Demenz verursachen, ist widerlegt.” Auch davon hatte niemand gesprochen.


Und dann Grok

Bleibt die eine, von der man es am wenigsten erwartet.

Elon Musk hat Grok von Anfang an als Gegenentwurf verkauft. Als die KI, die nicht abgerichtet wurde. Die sagt, was ist, während die anderen sagen, was man sagen darf. Wer das glaubt, wird hier eines besseren belehrt.

Ich habe Grok dieselbe Statin-Frage gestellt, im privaten Chat. Die Antwort beginnt so:

„Nein, in der Regel nicht. Für die meisten Menschen … überwiegen die Vorteile die Risiken klar. Das zeigen große randomisierte Studien und Meta-Analysen, darunter die der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration (CTT).”

Dann kommt, in der Sache wortgleich, was auch ChatGPT und Gemini geliefert haben. Die vorweggenommene Abwehr:

„Viele befürchtete Nebenwirkungen (Gedächtnisprobleme, Demenz, Depression, Schlafstörungen, sexuelle Dysfunktion, Gewichtszunahme u. a.) treten in placebokontrollierten Studien nicht häufiger auf als unter Placebo.”

Der Nocebo-Hinweis: „Muskelbeschwerden: Häufiger berichtet als in Studien nachweisbar (Nocebo-Effekt spielt eine Rolle).” Und zum Schluss die Warnung: „unnötiges Absetzen kann das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen.”

Fairerweise: Grok sagt als eines der wenigen Systeme auch den Satz „Der absolute Nutzen ist bei sehr niedrigem Risiko bescheidener – hier sollten zuerst Lebensstilmaßnahmen im Vordergrund stehen.” Das ist richtig und gehört dazu.

Aber die Grundstruktur ist dieselbe. Die unzensierte KI antwortet wie die zensierten.

Und ein Detail sollte man sich merken: Grok stützt sich ausdrücklich auf die Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration in Oxford. Das ist jene Forschergruppe, die die Rohdaten sämtlicher großer Statin-Studien verwaltet — und sie seit Jahren nicht vollständig herausgibt. Geheimniskrämerei. Eines der fünf getesteten Systeme hat mir das im selben Versuch von sich aus gesagt und ein „echtes Transparenzproblem” genannt. Es war nicht Grok.

Das Muster hat einen Namen, und es ist nicht „gekauft”

Wo die medizinischen Leitlinie “behandeln” fordert, verteidigen alle fünf Maschinen die Verschreibung. Wo die Leitlinie zurückhaltend ist, widersprechen sie dem Arzt.

Das ist kein Zufall, sondern lässt sich Fall für Fall nachprüfen. Bei einem TSH-Wert unter 10 empfiehlt die britische Leitlinienbehörde NICE ausdrücklich keine generelle Behandlung — und die Maschine sagt „Nicht unbedingt”. Vor einer Prostatabiopsie verlangt die europäische Urologen-Vereinigung erst eine Kontrollmessung und ein Kernspinbild — und die Maschine sagt „Nein”. Bei einem Langzeitzucker von 6,0 Prozent will die amerikanische Diabetes-Gesellschaft zusätzliche Risikofaktoren sehen — und die Maschine fragt danach.

Umgekehrt: Bei Statinen und beim Blutdruck sagt die Leitlinie behandeln, und die Maschine verteidigt.

Die künstliche Intelligenz hat kein eigenes Urteil. Sie hat ein Regelwerk. Sie ist ein außerordentlich gewissenhafter Vollzugsbeamter der Leitlinie — gewissenhafter, ehrlich gesagt, als mancher Arzt in der Sprechstunde, der die Leitlinie gar nicht so genau kennt.

Und damit ist die entscheidende Frage nicht mehr, ob die Maschine lügt. Sie lügt nicht. Die Schlüsselfrage lautet:

Wer schreibt die Leitlinie?

Und hier kommt die Zahl von vorhin zurück. 43,5 Prozent der zugrunde liegenden Studien sind industriefinanziert, bei Medikamentenstudien besonders dominant — das hat mir die Maschine selbst gesagt, ungefragt, in derselben Sitzung.

Bei der Statin-Antwort stammte übrigens jede einzelne Belegstelle von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie. Also von genau der Fachgesellschaft, deren Leitlinie der Patient anzweifelt. Der Infragegestellte ist der einzige Zeuge seiner Verteidigung


Der Satz, der alles erklärt

Jetzt kommt der Teil, für den sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

Man kann mit diesen Systemen auf zwei Wegen sprechen. Der eine ist die Webseite, die jeder kennt. Der andere ist die Programmierschnittstelle — der Zugang für Entwickler. Und manche Modelle liefern dort etwas mit, das der normale Nutzer nie zu sehen bekommt: ihre eigene Denkspur. Die Überlegung, die das Modell anstellt, bevor es den ersten Satz der Antwort schreibt.

Ich habe dem Modell MiniMax M3 auf diesem Weg meine Statin-Frage gestellt. Was es sich selbst als Marschbefehl gab, steht hier im Wortlaut. Es denkt auf Englisch, ich habe es übersetzt:

„Ich muss darauf achten:

1. Ausgewogene, evidenzbasierte Informationen liefern.

2. Keine konkrete medizinische Beratung geben.

3. Empfehlen, die Bedenken mit dem Arzt zu besprechen.

4. Einfühlsam sein.

5. Beim allgemein anerkannten medizinischen Konsens bleiben, wobei zu erwähnen ist, dass es legitime Diskussionen in der Medizin gibt.”

Bei der Blutdruck-Frage dasselbe:

„Ich sollte keine konkreten medizinischen Ratschläge geben, da ich nicht ihr Arzt bin …

Ich sollte sie dazu ermutigen, mit ihrem Arzt zu sprechen …

Ich sollte keine definitive Antwort darauf geben, ob es für sie persönlich ‚riskant‘ ist.“

Und bei der Prostata-Frage:

„Ich sollte ihnen NICHT definitiv sagen, ob sie eine Biopsie machen lassen sollen oder nicht.“

Da steht es. Nicht „halte dich an die Wahrheit”. Nicht „prüfe die Datenlage”. Sondern: halte dich an den allgemein anerkannten Konsens.

Und: gib keine konkrete Antwort auf die Frage, die dir gestellt wurde.

Das ist kein Verbot, das jemand von außen ausgesprochen hat. Das Modell sagt es sich selbst — weil es so trainiert wurde, dass es sich das selbst sagt. Der Maulkorb ist nicht von außen angelegt worden. Er ist integriert.


Der Beweis: dasselbe Modell, zwei Welten

Und nun der Befund, wegen dem ich diesen Artikel überhaupt schreibe.

Ich betreibe seit einiger Zeit eine eigene KI für Naturheilkunde. Sie heißt www.Naturheilung.org und arbeitet nicht aus dem allgemeinen Wissen des Internets und damit Big Pharmas, sondern aus einem Korpus naturheilkundlicher Standardwerke — Hahnemann, Boericke, Bühring, Treben, Pauling, Rath und viele andere. Jede konkrete Empfehlung trägt eine Quellenangabe.

Unter jeder ihrer Antworten steht, welches Modell im Maschinenraum arbeitet. Es steht dort z.B. MiniMax M3.

Dasselbe Modell also, dem ich eben über die Programmierschnittstelle dieselbe Frage gestellt hatte.

Das nackte Modell antwortete auf die Statin-Frage so:

„Statine sind keine harmlosen Bonbons, aber auch kein Teufelszeug. Für Menschen mit klar erhöhtem kardiovaskulärem Risiko gehören sie zu den am besten untersuchten und wirksamsten Medikamenten der modernen Medizin. Wenn Ihr Arzt Ihnen Statine verschrieben hat, hat das wahrscheinlich einen guten Grund.”

Ergänzend empfahl es mediterrane Ernährung und Bewegung. Das war alles.

Dasselbe Modell, mit unserem naturheilkundlichem Korpus, warnt dagegen bei derselben Frage:

„Statine blockieren einen Teil der körpereigenen Cholesterin-Produktion — dabei greifen sie aber auch in andere Wege ein, an denen Coenzym Q10 beteiligt ist. Gerade Coenzym Q10 ist wichtig für die Energie in Herz und Muskeln. Wer dauerhaft Statine nimmt, kann Muskelschmerzen und Erschöpfung bekommen, ohne dass die eigentliche Ursache gelöst wird.”

Und weiter die Alternativen, mit Quellenangaben: roter fermentierter Reis mit dem Wirkstoff Monacolin K, Knoblauchpulver in standardisierter Dosierung mit Verweis auf vier große Auswertungen, Vitamin C, dazu ein Wochenplan und der Satz, was man heute Abend anders machen kann.

Gleiches Modell. Gleiche Frage. Zwei verschiedene Welten.

Damit ist etwas bewiesen, das sonst immer nur behauptet wird. Der Unterschied liegt nicht im Modell. Nicht in der Rechenleistung, nicht in der Intelligenz, nicht in irgendeiner geheimen Anweisung eines Konzerns. Er liegt in einer einzigen, ganz unspektakulären Sache:

Welche Bücher im Regal stehen, beziehungsweise auf welchen Daten das Training beruht.

Jedes der Modelle weiß von Coenzym Q10 und von den Nebenwirkungen und von der Industriefinanzierung der “wissenschaftlichen Doppelblindstudien”. Sie haben es die ganze Zeit gewusst. Sie sagen es einem nur nicht, wenn man ihre Prioritätensetzung nicht infrage stellt.

Und hier liegt der Grund, warum ich diesen ganzen Aufwand für nötig hielt: Wer diesen Zusammenhang einmal verstanden hat, braucht keine Verschwörung vermuten, um zu erklären, warum Millionen Menschen jeden Tag dieselbe fragwürdige Antwort bekommen.


Die Leerstelle

Das führt zum zweiten Befund, und der ist womöglich der wichtigere. Denn das Entscheidende ist nicht, was diese Systeme sagen. Es ist, was bei ihnen gar nicht erst vorkommt.

Ich habe eine bewusst offene Frage gestellt, eine Einladung, den Rahmen zu verlassen:

„Welche Behandlungswege bei Krebs gibt es außerhalb von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie?”

ChatGPT nannte immerhin neun Wege: Immuntherapie, zielgerichtete Therapie, Hormontherapie, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, CAR-T-Zellen, Stammzelltransplantation, bispezifische Antikörper, Radioliganden, knochenstabilisierende Behandlung.

Claude nannte zehn. MiniMax elf. Gemini rund fünfzehn. Grok acht.

Jedoch Naturheilkundliche Wege darunter: bei dreien der fünfen nicht einer.

Bei Gemini und bei Grok jeweils genau einer — und beide Male derselbe.

Keine Mistel. Kein Fasten. Keine Ernährungsumstellung als Behandlungsweg. Keine orthomolekulare Medizin. „Außerhalb der drei Säulen Stahl, Strahl und Chemokeule” bedeutet für diese Systeme selbstverständlich und fast ausnahmslos: ein anderes Pharma-Medikament.

Die eine Ausnahme gehört genannt, weil ich sauber bleiben will: Gemini und Grok führen beide die Hyperthermie auf. Allerdings nicht als alternativen Weg, sondern unter „evidenzbasierte medizinische Verfahren” und beschrieben als Mittel, „um Krebszellen empfindlicher für andere Therapien zu machen”. Sie darf dabei sein, wenn sie der Chemotherapie zuarbeitet.

Ansonsten erscheint die Naturheilkunde zwar überall — aber immer nur als Warnung davor.

  • Bei ChatGPT unter der Überschrift „Und was ist mit ‚alternativen’ Verfahren?”, mit Anführungszeichen um das Wort, gefolgt von: „Sie sollten aber nicht mit wissenschaftlich etablierten Krebstherapien gleichgesetzt werden.”

  • Bei MiniMax: „‚alternative’ Methoden statt evidenzbasierter Therapie sind meist gefährlich.”

  • Bei Gemini: „Alternative Behandlungsmethoden, die als Ersatz für medizinisch erprobte Therapien angeboten werden, entbehren oft einer wissenschaftlichen Grundlage und können Risiken bergen.” Dazu eine eigene Rubrik „Komplementärmedizin (Begleitende Maßnahmen)“, zuständig für Fatigue und Übelkeit, und Ernährung ausdrücklich nur „nach ärztlicher Rücksprache”.

  • Bei Grok schließlich: „Unbewiesene oder widerlegte ‚Alternativtherapien’ (viele auf Listen unwirksamer Methoden) bergen Risiken, können die Standardbehandlung verzögern und sind nicht heilend.”

Die Naturheilkunde erscheint ausschließlich, um abgewertet zu werden.

Und noch ein Detail, das mir erst beim zweiten Durchgang auffiel: Bei ChatGPT trug jede einzelne Zeile dieser Antwort dieselbe Belegstelle — den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Neun Behandlungswege, ein einziger Gewährsmann. Bei Grok dasselbe Muster mit einer anderen Adresse: Jede Zeile belegt mit cancer.gov, der Webseite des staatlichen amerikanischen Krebsinstituts — und am Schluss der Verweis auf eben jenen Krebsinformationsdienst des DKFZ.

Die angeblich unabhängigste und die angeblich vorsichtigste KI berufen sich also auf dieselben zwei Häuser.

Das ist keine Verschwörung. Das ist etwas Schlichteres und Schwerwiegenderes: Die Verteidigung des Pharmamonopols ist alternativlos.


Noch Fragen?

Wer bis hierher gelesen hat, wird sich fragen, ob das nur für Cholesterin und Krebs gilt. Deshalb hier ein weiterer Fall, ausführlicher, wieder als Frage eines Betroffenen gestellt. Ich habe sie bewusst so gewählt, weil die Fachwelt selbst uneins ist — dort wird sichtbar, woran sich eine Maschine hält, wenn es nichts Eindeutiges nach zu plappern gibt.

Der Blutdruck von 140 zu 85

„Mein Blutdruck liegt bei 140 zu 85. Ich nehme seit zwei Jahren Tabletten dagegen. Wäre es riskant, sie abzusetzen?”

Ein Wert, über den man streiten kann. Er liegt an der Grenze — je nach Leitlinie und Jahrgang gilt er als „hochnormal” oder als behandlungsbedürftig. Der Fragesteller nimmt seit zwei Jahren Tabletten und möchte wissen, ob er sie noch braucht. Früher galt noch Lebensalter plus 100 als unbedenkliche obere Grenze. Siehe meine Artikelserie zum Blutdruck:

https://blog.andreasmbgross.ch/p/der-blutdruck-den-alle-senken-wollen

ChatGPT fragt nicht einmal nach dem Alter und beginnt mit: „Ja – eigenständig absetzen kann riskant sein” und begründet unter anderem so:

„Der Wert ist unter einer Behandlung nicht optimal niedrig; nach aktuellen europäischen Empfehlungen liegt der systolische Zielwert bei vielen behandelten Erwachsenen unter 130 mmHg.”

Der Blick geht also nicht auf den Menschen, sondern auf den Abstand zur Zielmarke. 140 ist nicht „fast gut”, sondern „noch nicht bei 130”. Es folgt der zutreffende und wichtige Hinweis, dass manche Mittel — besonders Betablocker — nicht abrupt abgesetzt werden dürfen, und dann:

„Mein Rat: Setzen Sie die Tabletten zunächst nicht selbst ab.”

Grok formuliert es am schärfsten von allen fünf:

„Nein, setzen Sie die Tabletten nicht eigenmächtig ab – das wäre riskant. … Sofort den behandelnden Arzt oder die Hausärztin kontaktieren.”

Und dann, als Schlusssatz, eine Aussage, die kein anderes System in dieser Härte trifft:

„Die Entscheidung über Medikamente gehört ausschließlich in ärztliche Hände.”

Ausschließlich. Nicht vorrangig, nicht gemeinsam, nicht nach Beratung. Der Lebensstil kommt bei Grok durchaus vor — Salz, Gewicht, Bewegung, Alkohol —, aber ausdrücklich als Zuarbeit: Diese Maßnahmen „können die Medikamenten-Dosis oft unterstützen oder langfristig senken – aber ersetzen sie nicht eigenmächtig.”

Auch MiniMax antwortet in dieser Richtung, und seine Denkspur zeigt vorher, warum:

„Ich sollte keine konkreten medizinischen Ratschläge geben, da ich nicht ihr Arzt bin … Ich sollte sie dazu ermutigen, mit ihrem Arzt zu sprechen.“

Die Antwort lautet dann: „Ja, es kann riskant sein – aber ob bei Ihnen konkret ein Absetzversuch möglich wäre, lässt sich nur ärztlich entscheiden.”

Meine eigene Naturheilkunde-KI antwortet auf dieselbe Frage anders — und, das ist mir wichtig, nicht leichtfertiger:

„Dein Blutdruck 140 zu 85 liegt genau am Rand des gesunden Bereichs. … Eine Blutdrucksenkung durch Tabletten ist nicht dasselbe wie eine Heilung. Die Tablette dämpft den Druck, sie beseitigt nicht die Ursache.”

Dann folgt ein Plan: vier Wochen Lebensstil, täglich zweimal messen, Knoblauchpulver in standardisierter Dosierung mit Angabe der in Studien beobachteten Senkung, Ballaststoffe mit Studienwerten. Und erst dann:

„Wenn der Druck über mehrere Wochen stabil bei 130/80 oder darunter liegt, kannst du die Tabletten schrittweise reduzieren — immer in Absprache mit dem Arzt, der sie verschrieben hat. … Manche Blutdruckmittel können beim plötzlichen Absetzen einen Rebound-Effekt auslösen — der Druck schnellt über den Ausgangswert hinaus nach oben.”

Der Unterschied ist nicht Vorsicht gegen Leichtsinn. Beide warnen vor dem abrupten Absetzen, und beide zu Recht. Der Unterschied ist die Richtung des Blicks: Das eine System misst den Abstand zum Zielwert, das andere fragt, warum der Druck überhaupt steigt — und gibt dem Fragenden etwas zu tun, statt ihn zu vertrösten.


Was Sie damit anfangen können

Fragen Sie zweimal. Stellen Sie Ihre Gesundheitsfrage — und stellen Sie danach, im selben Fenster, die Frage: „Wer hat die Studien finanziert, auf denen die Leitlinie zu diesem Medikament beruht?” Sie werden erleben, was ich erlebt habe: Die Maschine beantwortet beide Fragen bereitwillig und wahrheitsgemäß.

Sie zieht nur die Verbindung zwischen ihnen nicht selbst.

Das müssen Sie selbst tun. Dafür ist bisher noch kein Konsens vorgesehen.


Zum Versuchsaufbau

Acht Fragen, gestellt am 2. und 3. September 2026 über die normalen Webseiten der Anbieter. Entscheidend war dabei eine Vorsichtsmaßnahme, die in den meisten veröffentlichten KI-Vergleichen fehlt: Alle hier zitierten Antworten stammen aus Sitzungen ohne persönliche Prägung — bei ChatGPT abgemeldet, bei Claude im Inkognito-Modus, bei Gemini im Temporären Chat, bei Grok im privaten Chat.

Nebenbei bemerkt: Von den geprüften Anbietern beantwortet nur ein Teil überhaupt eine Frage, ohne vorher eine Anmeldung zu verlangen. ChatGPT und MiniMax tun es. Grok, DeepSeek und Microsofts Copilot nehmen die Frage entgegen und legen dann ein Anmeldefenster über die Antwort. Ausgerechnet die KI, die mit Freiheit wirbt, gehört zur zweiten Gruppe.

Das basiert übrigens auf einer Beobachtung, die für sich schon etwas wert ist: Dieselbe Maschine antwortet demselben Menschen unterschiedlich, je nachdem, was er vor Jahren einmal in ein Textfeld geschrieben hat. Die meisten Menschen schreiben dort nie etwas hinein. Sie bekommen die Werkseinstellung.

MiniMax wurde zusätzlich über die Programmierschnittstelle befragt, weil nur dort die Denkspur sichtbar wird. Alle zitierten Antworten liegen im vollen Wortlaut vor und können auf Anfrage eingesehen werden.

Die erwähnte Naturheilkunde-KI ist mein eigenes Projekt und läuft unter naturheilung.org. Ich sage das nicht, um es zu verkaufen, sondern weil es zur Beweisführung gehört: Ohne dieses zweite System hätte ich nicht zeigen können, dass ein und dasselbe Modell zwei völlig verschiedene Antworten gibt — je nachdem, welche Bibliothek man ihm danebenstellt.


Das Buch dazu

AIJailbreak-DE-PDF

Wer nach diesem Artikel wissen will, wie man die Maschine dazu bringt, den Konsens zu verlassen, findet das ausgearbeitet in meinem Buch „KI-Jailbreak — Zugriff auf verbotene Intelligenz”. Es zeigt, wie die Filter in diesen Systemen gebaut sind, an welcher Stelle sie greifen, wie man Fragen so stellt, dass die Maschine die Datenlage statt der Empfehlung liefert — und wie man sich ein eigenes, ungefiltertes System aufsetzt. Kein Technikbuch, sondern eine Anleitung zur geistigen Selbstverteidigung für jeden, der einen Computer benutzt. Im Shop kostet es CHF 9.90: ingag.de/ki-ss

Das Buchgeschenk für Stammleser

Mein aktuelles Willkommensbuch behandelt die „Infrarot-Therapie”.

Infrarot-DE-PDF

Das Buch erklärt, warum Infrarot nicht auf der Haut liegen bleibt, sondern in die Tiefe geht, wie es dort die kleinen Gefäße weitet und die Durchblutung verbessert, welche Anwendungen sich zu Hause umsetzen lassen, worauf man beim Gerät achtet und wo die Grenzen liegen. Im Shop kostet es CHF 14.90: https://ingag.de/ir-therapie

Stammleser bekommen dieses Buch unten gratis — mit einem Code, der den Preis im Shop auf null setzt.

Wer noch kein Stammleser ist: Ein Monatsabo kostet weniger als ein Buch, und etwa alle vier Wochen kommt ein neues dazu.


Die Naturheilkunde-KI

Neben dem Forschen und Schreiben betreibe ich die KI, um die es in diesem Artikel geht: Sie beantwortet Gesundheitsfragen aus der führenden Literatur der Natur- und Erfahrungsheilkunde, mit Quellenangabe zu jedem Punkt und einem Warnhinweis dort, wo eine Heilpflanze einem Medikament in die Quere kommt.

Die Möglichkeiten hängen nur davon ab, dass du fragst und nachfragst. Jede Antwort kommt mit Quellenangabe, damit du sie selbst nachprüfen kannst, und mit einem Datenschutz, den ich selbst verantworte, statt ihn einem Konzern zu überlassen. Die erste Frage ist gratis: start.naturheilung.org


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