Trump beendet die Dollar-Hegemonie
Wie Donald Trump das teuerste Privileg der Vereinigten Staaten aufgibt — und eine vierzig-Seiten-Schrift seines eigenen Wirtschaftsberaters es beweist
Teil 3 der fünfteiligen Serie «Die vier Umkehrungen»
Im November 2024, zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl, veröffentlicht ein damals noch weitgehend unbekannter Ökonom namens Stephen Miran bei der Investmentfirma Hudson Bay Capital ein vierzigseitiges Papier mit dem sperrigen Titel „A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System”. Eine Gebrauchsanweisung zum Umbau des Welthandelssystems. Zu diesem Zeitpunkt lesen es vielleicht zwei Dutzend Wall-Street-Insider — und verstehen: das ist ein Dokument, wie man es in der amerikanischen Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.
Das Papier formuliert nüchtern und mit fünfunddreissig Fussnoten belegt, was bisher nur in radikalen Ökonomenkreisen gesagt wurde: Der US-Dollar als Weltleitwährung ist für die amerikanische Wirtschaft nicht ein Segen, sondern ein Problem. Er hat die amerikanische Industrie zerstört. Er hat die Mittelschicht vernichtet. Er hat das Außenhandelsdefizit erzeugt, über das Trump öffentlich klagt. Und der einzige Weg aus dieser Falle ist die geordnete, schrittweise Aufgabe des Dollar-Reservestatus — in einem grossen Abkommen, das Miran wörtlich „Mar-a-Lago Accord” nennt, als bewusste Anspielung auf das Plaza-Abkommen von 1985.
Am 20. Januar 2025 wird Stephen Miran zum Vorsitzenden des Council of Economic Advisers ernannt — dem wichtigsten wirtschaftspolitischen Beratergremium des amerikanischen Präsidenten. Ende August 2025 wechselt er in den Vorstand der Federal Reserve, der amerikanischen Zentralbank. Heute, im April 2026, ist er der ökonomische Chef-Stratege des Trump-Lagers.
Und Trump tut Punkt für Punkt, was in Mirans Papier steht. Öffentlich klagt er darüber, dass andere Länder Amerika über den Tisch ziehen. Tatsächlich gibt er das grösste Privileg auf, das je ein Land hatte.
1. Was das Dollar-Privileg wirklich ist
Um zu verstehen, worüber wir reden, muss man achtzig Jahre zurückgehen. 1944, im Hotel Mount Washington im kleinen New Hampshire-Ort Bretton Woods, treffen sich die Wirtschaftsvertreter der kriegsentscheidenden Nationen und legen fest, wie die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich funktionieren soll. Die Einigung: Alle Währungen der Welt werden an den US-Dollar gekoppelt, und der US-Dollar wird an das Gold gebunden — im festen Verhältnis von 35 Dollar pro Unze.
Das klang fair. Es war fair — solange die USA an der Vereinbarung festhielten. Dreißig Jahre lang funktionierte das System so: Wer Dollar hatte, konnte sie jederzeit gegen Gold eintauschen. Die USA hielten als größte Goldreserve der Welt (nach dem Krieg rund 20.000 Tonnen) das Vertrauen.
Das System hatte eine Schönheit, die heute fast vergessen ist: Wer Dollar hatte, konnte sie jederzeit zu in Gold tauschen. Im Grundsatz kann man das heute immer noch — nur eben nicht mehr zum fixen Kurs von 35 Dollar pro Unze, sondern heute zu rund 4’800 Dollar (Stand April 2026). Der Dollar hat seit 1971 über neunundneunzig Prozent seiner Gold-Kaufkraft verloren. Eine Unze Gold, die man damals für 35 Dollar bekam, kostet heute das 137-fache.
Dann, am 15. August 1971, trat Präsident Richard Nixon vor die Fernsehkameras und verkündete, was als „Nixon-Schock” in die Geschichte einging: Die USA setzten die Gold-Bindung des Dollars einseitig aus. Vorübergehend, hieß es. Tatsächlich endgültig. Ab diesem Tag war der Dollar kein Gutschein auf Gold mehr, sondern reines Papiergeld — nur gedeckt durch das Vertrauen in die US-Regierung.
Das hätte das Ende der Dollar-Weltherrschaft bedeuten müssen. War es aber nicht. Drei Jahre später, 1974, handelten die USA mit Saudi-Arabien ein Abkommen aus, das als Petrodollar-Vertrag bekannt wurde: Saudi-Arabien verpflichtete sich, sein Öl ausschließlich gegen US-Dollar zu verkaufen. Im Gegenzug bekam Saudi-Arabien amerikanische Militärgarantien für sein Regime. Da alle anderen Ölproduzenten dem Beispiel folgten, musste jedes Land der Welt, das Öl kaufen wollte, Dollar besitzen. Die künstliche Dollar-Nachfrage war wiederhergestellt — ohne Golddeckung.
Man könnte meinen, der Petrodollar-Vertrag habe dem Dollar damit eine neue Realdeckung gegeben — schließlich ließ er sich nun in Öl umwandeln. Aber auch hier frisst die Geldentwertung. 1974 kostete ein Barrel Rohöl rund elf Dollar. Heute kostet dasselbe Barrel rund achtzig Dollar — ein Faktor sieben. Noch sprechender wird der Vergleich, wenn man Öl nicht in Dollar, sondern in Gold misst: 1974 bekam man für eine Unze Gold rund vier Barrel Öl. Heute bekommt man für dieselbe Unze Gold rund sechzig Barrel. Die Ölproduzenten sind über fünfzig Jahre still enteignet worden — und der Petrodollar-Vertrag war die Tarnung dieser Enteignung. Dass Saudi-Arabien den Vertrag 2024 nicht mehr verlängert hat, ist kein Zufall. Es ist die Rechnung, die jetzt fällig wird.
Das ist das Exorbitante Privileg. Ein französischer Finanzminister, Valéry Giscard d’Estaing, hat es 1965 so genannt — und er meinte damit: Die USA sind das einzige Land der Welt, das reale Güter — Öl, Maschinen, Nahrungsmittel, Rohstoffe — gegen selbst gedrucktes Papier eintauschen kann. Jedes andere Land muss seine Importe mit Exporten bezahlen. Die USA müssen nur drucken.
Das ist nicht metaphorisch. Das ist buchhalterisch.
2. Wie das Privileg zur Falle wurde
In den ersten Jahrzehnten funktionierte dieses Privileg wie eine unbeschränkte Kreditkarte für die amerikanische Bevölkerung. Die Löhne stiegen, der Konsum wuchs, Importe wurden billig. Niemand musste lange und hart für Wohlstand arbeiten — man bezahlte ihn mit gedruckten Dollars, die die Welt freiwillig entgegennahm.
Doch dann zeigten sich die Folgen.
Produkt A wird in Ohio für zehn Dollar hergestellt. Produkt A wird in China für zwei Dollar hergestellt. Wer kauft Produkt A? China. Die Fabrik in Ohio schließt. Die chinesische Fabrik wächst. Wer bezahlt das? Amerikanische Konsumenten, mit gedrucktem Geld. Was wird aus dem Geld? Es landet in China. China kauft damit US-Staatsanleihen, das heißt: China leiht den USA das Geld zurück, mit dem es seine Produkte gekauft hat.
Klingt verrückt? Ist aber genau so passiert, vier Jahrzehnte lang. Irische Ökonomen nennen es eine „Kreislauf-Abhängigkeit”. Michael Hudson, der amerikanische Ökonom, hat es 1972 in seinem Buch Super Imperialism „Geldimperialismus” genannt: Die USA leben von den Ersparnissen des Restes der Welt, ohne etwas dafür zu produzieren.
Das Ergebnis:
Die amerikanische Industrieproduktion ist seit 1970 um rund 40 Prozent zurückgegangen, gemessen am Anteil an der Weltwirtschaft.
Die Reallöhne der amerikanischen Arbeiterklasse stagnieren seit 1973.
Das Handelsdefizit ist seit 1975 chronisch negativ — 2024 rund 900 Milliarden Dollar im Minus.
Die amerikanische Staatsverschuldung ist auf über 36 Billionen Dollar gestiegen.
Die Mittelschicht in den USA ist seit den 1980er-Jahren geschrumpft.
Das Land, das scheinbar das größte Wirtschaftsprivileg der Welt besitzt, hat sich damit selbst ausgehöhlt. Die Fabriken sind in China. Die Gewinne sind in den Finanzzentren. Die Arbeiter sind arbeitslos. Und die Rechnung wird irgendwann fällig — denn jedes gedruckte Geld, das im Umlauf ist, ist auch eine Forderung, die irgendwann zurückverlangt werden kann.
Das ist das Triffin-Dilemma, benannt nach dem belgischen Ökonomen Robert Triffin, der es schon 1960 beschrieb: Eine Weltleitwährung muss chronisch Schulden produzieren, weil die Welt sie als Reserve braucht. Aber je mehr Schulden sie produziert, desto weniger vertrauenswürdig wird sie. Am Ende steht der Zusammenbruch. Triffin hat das für 1971 vorausgesagt — das Ende von Bretton Woods. Er hat es für heute vorausgesagt — das Ende des Petrodollars.
3. Wer profitierte, wer zahlte
Das Privileg hatte zwei Gesichter.
Gewinner innerhalb der USA: die Finanzindustrie an der Wall Street und in der Londoner City. Banken, Vermögensverwalter, Versicherungen, Zahlungsdienstleister, Öl-Konzerne — alle, deren Geschäft darin besteht, Dollars hin- und herzuschieben oder die weltweite Dollar-Abhängigkeit zu verwalten.
Verlierer innerhalb der USA: die Industriearbeiter im „Rost-Gürtel” (rust belt) — Ohio, Pennsylvania, Michigan, Indiana, Wisconsin. Die Kleinstädte, deren Fabriken in die Schwellenländer abwanderten. Die Farmer, die gegen subventionierte Agrarexporte konkurrieren mussten. Die Mittelschicht, deren Ersparnisse von der Inflation aufgezehrt wurden.
Gewinner außerhalb der USA: China, Deutschland, Japan, Südkorea — jene Industriemächte, die ihre Waren an die US-Konsumenten verkaufen und dafür US-Staatsanleihen kaufen konnten. Auch sie saugten das System aus — auf Kosten der US-Industrieproduktion.
Verlierer außerhalb der USA: die Entwicklungsländer, die über den IWF und Weltbank-Mechanismen in Dollar-Schulden gezwungen wurden, die sie nie zurückzahlen konnten. Die afrikanischen Länder, deren Rohstoffe in Dollars bezahlt wurden, während ihre Infrastruktur verrottete. Jeder, der nicht in die wenigen Industriezentren gehörte, durch die das Geld zirkulierte.
Das System war eine Umverteilungsmaschine. Nicht von Reich nach Arm. Von Arbeit nach Finanz.
Die Trump-Wähler 2016 und 2024 waren die Verlierer innerhalb dieser Umverteilung. Trump hat das nicht durch Wirtschafts-Analyse erkannt. Er hat es durch das Ohr an den Wählerlippen der amerikanischen Arbeiterklasse gespürt. Und sein Chef-Stratege Miran hat es ökonomisch ausformuliert.
4. Was Miran im November 2024 schrieb
Das Miran-Papier ist kein Vorschlag für eine Reform. Es ist ein Kriegsplan.
Die Kernelemente — in einfacher Sprache:
Erstens: Der Dollar muss schwächer werden. Ein überbewerteter Dollar macht amerikanische Produkte zu teuer für den Export und importierte Produkte zu billig. Das muss sich ändern.
Zweitens: Zölle sind das Werkzeug dafür. Sie machen Importe teurer, schaffen Anreize, im Land zu produzieren, und bringen zusätzliche Einnahmen in die US-Staatskasse.
Dritten: Andere Länder müssen zur Kooperation gezwungen werden — wie 1985 beim Plaza-Abkommen. Länder werden eingeteilt in drei Gruppen:
Grüne Länder — verbündete, die weiterhin amerikanischen Militärschutz wollen, müssen im Gegenzug ihre Dollar-Reserven teilweise abgeben und den Dollar abwerten helfen. Dafür bekommen sie günstige Zölle und Sicherheitsgarantien.
Gelbe Länder — neutrale, die Einzelabsprachen aushandeln können.
Rote Länder — Gegner, die mit hohen Zöllen und ohne Schutz auskommen müssen.
Viertens: Der militärische Schutzschirm wird zum Druckmittel. Wer unter amerikanischen Schutzschirm stehen will, muss mitspielen. Wer nicht mitspielt, verliert den Schutz.
Fünftens: Die US-Staatsanleihen, die andere Länder besitzen, werden restrukturiert — verlängert, teilweise in Null-Prozent-Anleihen umgewandelt. Damit wird die Schuldenlast Amerikas de facto verringert, zu Lasten der Gläubiger.
Das ist, in aller Nüchternheit, eine geplante Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten gegenüber ihren Gläubigern. Kein Staatsbankrott im juristischen Sinn — aber eine Umschuldung, die Gläubigerforderungen reduziert, den Dollar abwertet und das bisherige Privileg beendet.
Die Wall Street hat sofort verstanden. Jim Bianco, ein prominenter Investment-Stratege, sagte im Februar 2025: „This administration is thinking very big.” Diese Regierung denkt sehr groß.
5. Trumps öffentliche Rhetorik vs. die reale Strategie
Öffentlich klagt Trump: „Andere Länder ziehen uns über den Tisch. Wir haben das höchste Handelsdefizit aller Zeiten. Das muss enden.” Das klingt nach: Wir sind Opfer, wir wollen uns wehren.
In Wahrheit ist Amerika nicht Opfer. Amerika hat das System erfunden und fünfzig Jahre lang genossen. Das Handelsdefizit ist nicht Schwäche, es ist das rechnerische Ergebnis des Dollar-Privilegs — man kann eben nicht gleichzeitig Weltreservewährung sein und ausgeglichen handeln. Trump weiß das. Miran weiss das. Beide wissen, dass die öffentliche Klage ein notwendiger politischer Schleier ist.
Wäre Trump mit dem Satz angetreten: „Ich gebe das amerikanische Dollar-Privileg auf, ich beende fünfzig Jahre Wohlstandsmaschine, die Übergangszeit wird schmerzhaft” — er wäre nie gewählt worden. Niemand will Wohlstand aufgeben, den er bekommt, ohne dafür zu arbeiten. Aber wenn man der Bevölkerung erklärt: „Andere Länder ziehen uns über den Tisch, wir müssen uns wehren, Arbeitsplätze kommen zurück” — dann wählen sie ihn. Und dann kann er tun, was eigentlich getan werden muss: die Wohlstands-Maschine geordnet abschalten, damit sie nicht eines Tages chaotisch zusammenbricht.
Das ist die Umkehr. Die Rhetorik sagt: „Egoismus, America First, wir nehmen uns, was uns zusteht.” Die Wirkung ist: Aufgabe eines achtzig-Jahre-alten Ausbeutungssystems, Rückkehr zu ehrlicher Produktion, Ende des Geldimperialismus.
6. Die Welt nimmt das neue System vorweg
Während Trump noch öffentlich über Zölle schimpft, hat die Welt bereits begonnen, das Dollar-System zu umgehen.
Gold. Die Zentralbanken der Welt kauften 2024 zusammen 1.045 Tonnen Gold — das dritte Jahr in Folge über 1.000 Tonnen, mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2021. 43 Prozent der Zentralbanken planen, ihre Goldreserven in den nächsten zwölf Monaten weiter zu erhöhen. Das ist ein Ausstieg aus dem Dollar-System, Tonne für Tonne.
Dollar-Anteil an Weltreserven. Im Jahr 2001 hielten die Zentralbanken der Welt 72 Prozent ihrer Währungsreserven in Dollar. Mitte 2025: 56,3 Prozent. Tiefster Stand seit dreißig Jahren. Der Dollar verliert nicht über Nacht, aber stetig.
BRICS-Gold-Währung. Am 31. Oktober 2025 starteten die BRICS-Plus-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran, Vereinigte Arabische Emirate) einen Pilotversuch für eine gold-gedeckte Verrechnungseinheit namens „Unit”. Am 8. Dezember 2025 folgte ein Prototyp. Die gemeinsamen Goldreserven der BRICS-Plus-Länder liegen bei über 6.000 Tonnen — Russland 2.336, China 2.298, Indien 880. Zum Vergleich: Die USA geben 8.133 Tonnen an (was seit Jahrzehnten nicht mehr unabhängig überprüft wurde).
China-Yuan-Alternative. Chinas internationales Zahlungssystem CIPS (Cross-Border Interbank Payment System) hat 2025 Transaktionen im Wert von 245 Billionen Dollar abgewickelt. Das ist eine echte funktionierende Infrastruktur, keine Ankündigung mehr — ein Parallelnetz zum SWIFT-System, das die USA als Sanktionswaffe nutzen.
Saudi-Arabien. Das Land, das 1974 den Petrodollar-Vertrag unterzeichnete, hat die fünfzigjährige Laufzeit des Abkommens 2024 ohne Verlängerung auslaufen lassen. Schon 2023 hatte der BRICS-Verbund Saudi-Arabien zur Mitgliedschaft eingeladen. Riad zögerte aber eineinhalb Jahre — offenkundig um sich nicht vorschnell gegen Washington zu stellen. Erst mitten in Trumps erstem Amtsjahr, im Juli 2025, trat Saudi-Arabien offiziell den BRICS bei und signalisierte öffentlich, dass es sein Öl künftig auch in anderen Währungen verkaufen werde. Die zeitliche Abfolge ist kein Zufall: Riad hat gewartet, bis klar war, dass der amerikanische Präsident selbst den Petrodollar aufgibt — und ist erst dann öffentlich gegangen. Das Fundament, auf dem der Dollar seit 1974 stand, ist damit weg.
Gaddafi — der Mann, der zu früh war. Bereits 2011 wollte der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi eine gold-gedeckte afrikanische Einheitswährung einführen, den Gold-Dinar. Das wäre das Ende des Petrodollars in Afrika gewesen. Hillary Clintons damalige E-Mails, die über Wikileaks öffentlich wurden, zeigen: Das war ein maßgeblicher Grund für die NATO-Intervention in Libyen. Gaddafi wurde ermordet, sein Gold-Dinar-Projekt begraben. Heute — vierzehn Jahre später — macht BRICS, was er versuchte. Und keiner kann es verhindern.
7. Was sich bereits verändert hat — die Früchte der ersten zwei Amtsjahre
Die Effekte der Mar-a-Lago-Strategie sind in den ersten zwei Amtsjahren schon messbar:
Dollar-Abwertung. Der Dollar ist 2025 um etwa neun Prozent handelsgewichtet gefallen. Das ist eine gezielte Abwertung, die den amerikanischen Exporten hilft und zusammen mit den Zöllen die importlastige Kostenstruktur verschiebt.
Zoll-Einnahmen. Die US-Regierung hat 2025 durch Zölle zusätzliche Einnahmen in dreistelliger Milliardenhöhe generiert — Geld, das vorher nicht in den Haushalt floss.
Industrieinvestitionen. Mehr als 600 Milliarden Dollar an angekündigten Investitionen in US-Produktion seit Januar 2025 — TSMC, Apple, Siemens, Stellantis, Volkswagen, Samsung, Novartis bauen oder vergrößern Fabriken in den USA.
Ölpreise. Durch erhöhte amerikanische Fördermengen und reduzierte Sanktionen gegen Russland (siehe mein Artikel vom 16. März) sind die Rohölpreise 2025 auf ein Niveau gefallen, das die Inflation entlastet.
Schuldenreduktion durch Restrukturierung. Auf Trumps Drängen wurden in den letzten Monaten erste größere Tausch-Geschäfte mit ausländischen US-Staatsanleihen-Gläubigern vollzogen. Details sind vertraulich, aber die Richtung ist klar: Altbestände werden in längere oder zinsärmere Papiere umgetauscht.
Das sind nicht Effekte einer gewöhnlichen Wirtschaftspolitik. Das sind Effekte eines gezielten Umbaus. Die amerikanische Bevölkerung erlebt Zoll-bedingte Preissteigerungen, die zunächst wehtun. Aber der größere Prozess ist die Rückkehr zur ehrlichen Produktion — und das geht nur, wenn das Privileg aufgegeben wird.
8. Was das bedeutet
Wenn man die Früchte anschaut — wie im Einführungs-Teil dieser Serie besprochen —, kommt man zu einem Bild, das der öffentlichen Wahrnehmung zuwiderläuft.
Trump hat nicht, wie die New York Times schreibt, den amerikanischen Wohlstand durch Handelskriege gefährdet. Er hat das gefährdet, was nicht Wohlstand war, sondern Raub — eine Wohlstands-Illusion auf Kosten der amerikanischen Industrie, der amerikanischen Arbeiterklasse, der Entwicklungsländer und der Gläubiger-Nationen.
Er hat nicht, wie die europäische Presse klagt, das Weltwirtschaftssystem zerstört. Er hat ein System beendet, in dem eine kleine Finanzelite in New York und London vom Rest der Welt leben konnte, ohne eine reale Gegenleistung zu erbringen.
Das wird teuer. Für die Finanzindustrie am teuersten. Für die amerikanischen Konsumenten vorübergehend durch höhere Preise. Für die europäischen Export-Nationen durch den Rückgang des amerikanischen Absatzmarktes. Aber langfristig wird es die Grundlage für eine ehrlichere Weltwirtschaft sein — mit real gedeckten Währungen, ehrlichem Handel und ohne die ständige Kriegslogik, mit der das Dollar-System sich seit siebzig Jahren verteidigen musste.
Der Petrodollar, um dessentwillen Gaddafi ermordet, der Irak bombardiert, Syrien zerstört und Venezuela sanktioniert wurden, ist tot. Nicht weil die Gegner ihn besiegt hätten. Sondern weil der amerikanische Präsident selbst ihn aufgegeben hat.
Das ist, in einem Satz, die dritte Umkehr: Trump hat die teuerste amerikanische Waffe stillschweigend demontiert — und zwar genau während er öffentlich erklärte, Amerika würde sich nun endlich zur Wehr setzen.
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.”
Im nächsten Teil: Umkehr 4 — Das Ende des Groß-Israel-Projekts. Wie Trump durch maximale öffentliche Unterstützung Israels gleichzeitig das Ende der Israel-First-Hegemonie in Washington, die strategische Überdehnung der israelischen Armee und das Ende des Khamenei-Regimes auf einmal organisiert hat — mit Synthese der vier Iran-Artikel, die ich zwischen dem 16. März und dem 18. April hier veröffentlicht habe.
Andreas M. B. Groß schreibt auf andreasmbgross.substack.com und sein Selbstverlag auf AndreasmbGross.ch.
Quellen und weiterführende Referenzen:
Stephen Miran, A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System (Hudson Bay Capital, November 2024) — PDF-Zusammenfassung bei Substack
Michael Hudson, Super Imperialism: The Economic Strategy of American Empire (Holt 1972, aktualisiert 2003 und 2021)
Robert Triffin, Gold and the Dollar Crisis (Yale UP 1960) — das Triffin-Dilemma
Barry Eichengreen, Exorbitant Privilege: The Rise and Fall of the Dollar (Oxford UP 2011)
Valéry Giscard d’Estaing, Ansprache Paris 1965 (Begriff „exorbitant privilege”)
IMF COFER-Statistiken zu globalen Währungsreserven
World Gold Council, Central Bank Gold Reserves Survey 2025
Wikileaks, Hillary-Clinton-E-Mails zu Libyen 2011 (Blumenthal-Memo 2.4.2011)
Mein eigener Artikel: Der Iran-Krieg und die City of London, 16. März 2026
Fortune, 9.2.2025: Who is Stephen Miran?
CFR, 2025: Mar-a-Lago Accord’s Economic Ripple Effect
Yahoo Finance: Why Wall Street is talking about a Mar-A-Lago accord

