Wenn du diesen Text zu Ende gelesen hast, weißt du genau, was jemand meint, der sagt: „Du bist nicht dein Körper.” Nicht ungefähr, nicht als Stimmungsbild — sondern als Modell mit benannten Teilen, von denen du jedes einzelne an deinem eigenen Leben nachprüfen kannst. Und du wirst wissen, an welchen Stellen ich mir sicher bin und an welchen nicht.
Den Satz „das Gehirn erzeugt das Bewusstsein” wirst du danach nicht mehr unwidersprochen schlucken. Du wirst ein Bild im Kopf haben — ein kleines Männchen, das kopfüber an den Hirnlappen hängt — und du wirst sehen, warum genau dieses Männchen den entscheidenden Denkfehler unserer Zeit entlarvt: Wir haben das Instrument mit dem Spieler verwechselt.
Vorweg, damit wir uns nicht missverstehen: Das hier ist kein Glaubensbekenntnis. Ich verlange von dir nicht, irgendetwas davon zu glauben. Ich beschreibe, wie ich es sehe, und jedes Stück davon ist etwas, das du an deiner eigenen Erfahrung messen kannst. Wenn ich spekuliere, sage ich es dazu.
Zwei Angebote, und beide sind Sackgassen
Du bist mit zwei Weltbildern aufgewachsen, und du musstest dich zwischen ihnen entscheiden.
Das erste kam aus der Schulbildung: Du bist dein Gehirn. Deine Gedanken sind elektrochemische Vorgänge, deine Erinnerungen liegen in den Synapsen, dein Ich ist ein Nebenprodukt von anderthalb Kilo grauer Masse, und wenn die Masse aufhört zu leben, hörst du auch auf. Alles andere ist Einbildung, Trost oder Aberglaube.
Das zweite kam aus der Kirche. Du hast eine unsterbliche Seele. Was sie ist, wo sie sitzt, was sie tut, während du lebst — dazu erfährst du nichts Genaues. Du sollst es glauben, dann kommt sie nach dem Tod an einen guten Ort.
Das eine erklärt dir alles und lässt nichts übrig, was du wärst.
Das andere lässt dich übrig und erklärt aber nichts.
Ich halte beide für falsch. Und ich denke, es gibt ein drittes Weltbild, das weder Glauben verlangt noch dich zu einem Produkt aus Schlamm erklärt.
Drei Teile, nicht einer
Fang mit der einfachsten Unterscheidung an, die alles Weitere trägt.
Ein Mensch besteht aus drei Teilen, nicht aus einem:
dem Körper — Fleisch, Knochen, Nerven, Gehirn
dem Verstand — dem Speicher und Rechenwerk, mit dem gedacht wird
und dir — dem, der schaut
Der Punkt ist der dritte, und er ist der ganze Unterschied. Du hast einen Körper. Du hast einen Verstand. Du bist keines von beiden.
Das klingt zunächst wie eine Spitzfindigkeit. Es ist aber die einzige Formulierung, die zu dem passt, was du selbst kennst. Du sagst „mein Arm”, „mein Kopf”, „meine Gedanken” — und du sagst es, ohne nachzudenken. Die Sprache hat es längst getrennt. Nur die Wissenschaft, die dir erklärt, du seist dein Gehirn, hat es wieder zusammengeworfen.
In der Sprache, mit der ich seit Jahrzehnten arbeite, heißt dieser Dritte Thetan — nach dem griechischen Buchstaben Theta, der für Denken und Leben steht. Ein Wort ohne religiöse Fracht, und genau deshalb ein brauchbares. Nenn ihn Seele, wenn dir das lieber ist. Nenn ihn Geist. Der Name ändert nichts an der Sache.
Die eine Religionsgemeinschaft nennt den Thetan Seele, die andere Geist. Und umgedreht besitzt bei der einen die Seele einen Geist und bei der anderen besitzt der Geist eine Seele. Um diese Verwirrung zu vermeiden, wähle ich keinen der beiden Begriffe, sondern definiere den neuen Begriff Thetan.
Die Kirche sagt: Du hast eine Seele. Ich sage: Du bist sie — und hast einen Körper.
Das Gehirn ist in diesem Bild kein Denkapparat, sondern eine Schnittstelle, eine Sende- und Empfangsantenne. Das ist der Satz, an dem sich die Schulmeinung und ich trennen. Deshalb bekommt er die nächsten Abschnitte für sich — und dazu muss ich dir ein kleines Männchen vorstellen.
Der Mann, der kopfüber im Gehirn hängt
In den 1930er und 1950er Jahren reizte der Hirnchirurg Wilder Penfield bei wachen Patienten die Oberfläche des Gehirns mit feinen Stromstößen. Berührte er eine bestimmte Stelle, zuckte die Hand. Eine andere Stelle, und der Patient spürte ein Kribbeln im Fuß, ohne dass ihn jemand berührt hatte. So entstand eine Landkarte: Jeder Punkt auf dem schmalen Rindenstreifen über dem Scheitel gehört zu einem Körperteil — hier die Lippen, dort die Zunge, dort die Finger, dort das Bein [Quellen: Wikipedia — Homunkulus in der Neuroanatomie, Penfield und Boldrey, Brain 1937].
Zeichnet man die Körperteile in der Größe, in der sie auf dieser Rinde vertreten sind, entsteht ein grotesk verzerrtes Wesen: riesige Hände, gewaltige Lippen, ein winziger Rumpf. Dieses Wesen nennt die Fachsprache den Homunkulus — das „Menschlein”.
Der Homunkulus auf der Großhirnrinde: die Füße oben am Scheitel, das Gesicht unten an der Seite. Abbildung: OpenStax College, Anatomy & Physiology, CC BY 3.0, über Wikimedia Commons.
Zwei im Gespräch. Das Wölkchen über dem Kopf bist du — der Thetan mit seinem analytischen Verstand. An seinen energetischen “Fäden” hängt das Männchen aus der Zeichnung darüber, und über dieses Männchen steuerst du den Körper oder nimmst die Sinne wahr.
Ich nenne den Homunkulus das Hackenmännchen, und der Name hat einen Grund: In der Zeichnung liegen die Füße oben, am Scheitel, der Kopf unten an der Seite. Das Männchen hängt mit den Hacken über dem Hirnlappen und baumelt kopfüber daran herunter. Ein Strichmännchen am Galgen der Großhirnrinde.
Die Schulmeinung liest diese Karte so: Hier, in dieser Rinde, sitzt der Mensch. Hier wird gefühlt, hier wird bewegt, hier wird gedacht. Das Gehirn mache das Ich.
Ich lese dieselbe Karte genau umgekehrt.
Der Fernseher und die Röhren
Stell dir jemanden vor, der noch nie einen Fernseher gesehen hat. Du zeigst ihm einen alten Röhrenapparat, darin laufen Filme mit handelnden Menschen. Er staunt, dann wird er neugierig. Er öffnet das Gerät, findet Röhren und Drähte und sucht: Wo sind die kleinen Menschen? Sie müssen doch in diesen Schaltkreisen stecken. Er findet sie nicht und kommt zu dem Schluss, das Gerät erzeuge die Menschen selbst — aus Glas, Strom und Draht.
Wir lachen über ihn, weil wir wissen: Die Menschen sitzen nicht im Apparat. Der TV-Apparat empfängt sie über seine Antenne. Er ist Empfänger und Bildschirm, nicht Urheber.
Genau diesen Fehler macht die materialistische Hirnforschung. Sie schraubt den Schädel auf, findet Nervenzellen und elektrische Ströme und sucht darin das Bewusstsein, die Erinnerung, das Ich. Sie findet es nicht — und schließt daraus, das Gehirn erzeuge das Ich selbst, aus Eiweiß, Salz und Strom.
Das ist der Mann mit dem Fernseher, eine Etage höher.
Das Klavier und der Spieler
Hier ist mein Modell, und ich habe es nicht erfunden — ich habe es bei L. Ron Hubbard gelernt, und für mich ergibt es widerspruchsfrei Sinn.
Der Körper ist eine Marionette. Ein hochentwickelter biologischer Apparat, ja, aber ein Apparat. Das Ich — das Geistwesen, der Thetan — ist nicht der Körper und nicht das Gehirn. Es bedient den Körper. Es drückt energetische Impulse in das Gehirn, und die Nerven leiten diese Impulse an die richtigen Stellen weiter: in die Muskeln für die Bewegung; aus den Sinnesflächen zurück für die Empfindung.
Das Hackenmännchen ist die Klaviatur. Der Thetan ist der Pianist. Über die motorischen Felder spielt er die Bewegung, aus den sensorischen Feldern saugt er die Empfindung heraus — Tasten hoch, Tasten runter, ein elektromagnetisches Spiel auf den Tasten der Rinde. Wer ein gesundes Gehirn besitzt, spielt auf dieser vollständigen Klaviatur. Deshalb erleben wir uns als „im Kopf”.
Eine Klaviatur denkt sich keine Musik aus. Sie überträgt, was der Spieler hineingibt, und sie liefert ihm zurück, wie es sich anfühlt. Genauso reiche ich Impulse in die Motorik hinein, und genauso hole ich mir aus dem Gehirn, aus der Sensorik, was der Körper erlebt und empfindet.
Und wie bei einem Klavier gilt: Ist es verstimmt, klingt es falsch — aber nicht, weil der Spieler nicht mehr weiß, was er will.
Ein Zusatz, der wichtig ist: Der Spieler sitzt im Idealfall außerhalb des Instruments, nicht zusammengequetscht in der Schädelkapsel. Wer ganz in den Kopf hineinkriecht und von dort aus drückt, bekommt leicht Kopfschmerzen — er presst gegen das eigene Instrument. Der freie Spieler steht daneben und spielt. Das ist keine Esoterik, das ist eine Frage des Standorts.
Die Fälle, die das Klavier nicht erklären kann
Wäre das Gehirn der Spieler (das Ich) und nicht nur die Klaviatur, dürfte es bestimmte Menschen nicht geben. Es gibt sie aber.
Der britische Neurologe John Lorber dokumentierte in den 1970er Jahren Dutzende Fälle von extremem Wasserkopf: Menschen, deren Schädel fast vollständig mit Flüssigkeit gefüllt war und deren Hirngewebe auf eine hauchdünne Schicht zusammengepresst war. Einige von ihnen hatten einen normalen, manche sogar einen hohen Intelligenzquotienten, führten ein Studium, ein Berufsleben. Wo war der Spieler, wenn das halbe Klavier fehlte? Inzwischen kennt man Hunderte solcher „anomalen Gehirnlosen” [Quelle: Roger Lewin über Lorbers Befunde — „Is your brain really necessary?”, Science 1980].
Ein gut dokumentierter Fall ist ein französischer Beamter: 44 Jahre alt, Familienvater, mit MRT-Bildern in der Lancet. [Quelle: Feuillet et al., Lancet 2007]
Auch ohne Kleinhirn kann man leben. Der bestdokumentierte Fall ist eine 24-jährige Chinesin, bei der das Kleinhirn von Geburt an vollständig fehlt. Sie lief erst mit sieben, geht unsicher und spricht verwaschen. Sie ist aber wach, denkt, ist verheiratet und hat eine Tochter. [Quelle: Yu et al., Brain 2015]
Dazu kommen die Genesungen, über die jeder Neurologe stolpert: Menschen mit schweren Hirnschäden durch Unfall oder Tumor, die ihre Sprache, ihre Bewegung verlieren — und sie nach Monaten zurückgewinnen, weil sich die Verbindungslinien neu organisieren, ohne dass die fehlenden Hirnteile nachwachsen konnten. Die Schulmeinung nennt das Plastizität und lässt offen, wer da eigentlich umorganisiert.
Mein Modell erklärt beides ohne Mühe. Fehlt die Klaviatur ganz oder in Teilen, greift der Spieler eben unmittelbar durch — direkt in die Nerven des Körpers, bewegt den Arm direkt, das Bein direkt, holt die Empfindung direkt, ohne den Umweg über die fehlenden Tasten oder tauscht die Tasten aus, bzw programmiert ihre Bedeutung um.
Nicht die Hardware denkt sich einen Ausweg aus. Der Spieler findet einen anderen Griff.
So viel Erinnerung passt in kein Gehirn
Der stärkste Einwand gegen das Gehirn als Speicher ist die Erinnerung selbst — und zwar in zwei Schritten: der Menge und der Dauer. Die Dauer hebe ich mir für weiter unten auf. Hier zuerst die schiere Menge.
Rechne einmal nach, wie viel ein Mensch tatsächlich behält. Nicht nur dreidimensional Gesehenes und Gehörtes, sondern auch:
Temperatur
Farbe
Geschmack
Lage im Raum
Schmerz
Zeitgefühl
Hubbard zählt in seinem technischen Bulletin vom 10. März 1970 fünfundfünfzig verschiedene Wahrnehmungen auf, und mir sind viele davon vertraut [Quelle: HCOB vom 10. März 1970, „List of Perceptics” (englisch)].
Nimm nur das letzte Vierteljahr: alles, woran du dich erinnern kannst, und alles, woran du dich unter Hypnose wieder erinnern könntest. Menschen erkennen unter Hypnose das Nummernschild eines flüchtenden Bankräubers wieder, obwohl sie nie bewusst hingeschaut hatten, um es sich zu merken.
Diese Informationsdichte ist mit der Zahl der Schaltzustände, die physische Synapsen bieten, nicht zu erreichen. Hubbard hat das schon in den 1930er Jahren durchgerechnet und kam genau deshalb auf ein anderes Modell.
Wo also liegt der Speicher, wenn ihn die Synapsen nicht fassen? Er muss etwas anderes sein als Fleisch: energetische Felder — ganz analog zur elektromagnetischen Übertragung von Fernsehprogrammen über Funk oder Kabel. In Hubbards Sprache ist das der Verstand (englisch: Mind), der zweite der drei Teile. Um ihn geht es jetzt.
Der Verstand ist nicht einer, sondern zwei
Jetzt wird es interessant, denn hier liegt der Teil, der im Leben von großer Bedeutung ist.
Der Verstand arbeitet in zwei Betriebsarten, und sie haben fast nichts miteinander zu tun.
Der analytische Verstand ist der, den du im Alltag kennst. Er rechnet, vergleicht, wägt ab, zieht Schlüsse. Er weiß, dass er denkt. Er kann Erinnerungen und Daten abrufen und einen Fehler bemerken. Wenn du eine Rechnung prüfst oder überlegst, ob du dem Handwerker glauben sollst, dann arbeitet er.
Der reaktive Verstand denkt nicht. Er rechnet nicht. Er vergleicht nicht und wägt nicht ab. Er arbeitet nach einem einzigen Prinzip: Reiz—Reaktion. Und er zeichnet auf.
Er zeichnet dann auf, wenn der analytische Verstand nicht arbeitet. Bei Schmerz. Bei Bewusstlosigkeit. Im Schock. In der Narkose. Genau in den Augenblicken, in denen du „weg” bist, läuft im Hintergrund ein Aufnahmegerät weiter — und es nimmt alles auf. Nicht nur, was gesagt wurde. Auch:
den Geruch des Raumes,
die Temperatur,
das Geräusch des Autos draußen,
die Schmerzen,
deine Körperhaltung,
den Druck der Hand auf deiner Schulter,
und vieles andere mehr: Eben die 55 oben erwähnten Wahrnehmungen
Wenn dir später eines dieser Bruchstücke wiederbegegnet — derselbe Geruch, dasselbe Geräusch —, dann kann die Aufnahme anspringen. Nicht als Erinnerung. Als Zustand. Du bist plötzlich beklommen und weißt nicht, warum. Du magst einen Menschen nicht und kannst nicht sagen, weshalb. Du bekommst Kopfschmerzen in einem bestimmten Zimmer.
Das ist keine Schwäche und kein Defekt. Es war einmal ein Schutz. Ein Wesen, das sich merkt, wie die Umgebung roch, wie ein Feind ausschaut, als es beinahe umkam, überlebt das nächste Mal eher, weil es diese Umgebung oder so eine Person meidet. Der Mechanismus ist alt und war nützlich. Er ist nur für ein Leben in Wohnungen und Büros ungefähr so passend wie ein Feueralarm, der beim Toaster schon losgeht.
Und hier ist die unangenehme Folgerung, die ich dir nicht ersparen kann: Ein großer Teil dessen, was du für deinen Charakter hältst, ist gar nicht deiner. Es sind angesprungene Aufnahmen. Vorlieben, Abneigungen, Ängste, Reaktionen, die du für „so bin ich eben” hältst, sind Antworten auf Ereignisse, an die du dich nicht erinnerst.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute steckt im selben Satz: Was nicht du bist, kann auch wieder entfernt werden. Darum geht es im Dianetikbuch.
Das Bauchgefühl hat einen Absender
Es gibt eine dritte Instanz, und über sie wird selten gesprochen.
Der Körper ist nicht nur Material. Er hat einen eigenen Steuermann und damit eine eigene Aufzeichnung der Wahrnehmungen hinter sich — eine Entwicklungsgeschichte über Millionen von Jahren, mit eigenem Gedächtnis. Ich nenne das, mit dem Begriff, den ich gelernt habe, die genetische Entität. Sie betreibt wie ein Maschinist den Körper:
Herzschlag
Atmung
Verdauung
Wundheilung
Immunabwehr
Nichts davon musst du — der Kapitän und Thetan — wollen, und nichts davon musst du befehlen.
Und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass von dort das kommt, was man auch Bauchgefühl nennt.
Nicht Intuition im Sinn geistiger Eingebung — die gibt es auch, aber sie ist etwas anderes und gehört dem Thetan. Ich meine das andere: das Ziehen in der Magengrube, bevor du weißt, was los ist. Das Zurückweichen vor einem Menschen, bevor er den Mund aufgemacht hat. Der Impuls, an dieser Kreuzung nicht abzubiegen. Die Schmetterlinge im Bauch, wenn man sich wieder-erkennt.
Das ist die Stimme von jemandem, der sehr viel länger dabei ist als du in diesem Leben, der nicht in Sätzen spricht und dessen einziges Thema das Überleben ist. Er hat oft recht und manchmal unrecht — und er kann genauso in alten Aufzeichnungen feststecken wie der reaktive Verstand vom Kapitän.
Der Verstand ist nicht der Feind — er ist das Messer
Damit kein Missverständnis entsteht, ziehe ich einen klaren Zaun: Ich sage nicht, das Gehirn sei unwichtig, und schon gar nicht, man solle den Verstand abschalten und nur noch „aus dem Bauch” leben. Das wäre der entgegengesetzte Irrtum, und er ist genauso fatal. Wer sein Denkwerkzeug wegwirft, kann keine Muster mehr durchschauen und wird zum Spielball des nächsten Reizes.
Das Gehirn ist ein Präzisionsinstrument. Aber ein Instrument braucht einen Spieler. Das Klavier komponiert nicht. Der Pinsel malt nicht. Der Verstand ist das scharfe, ausführende Messer des Thetans — und der Thetan führt die Hand. Erst beide zusammen gießen das Formlose in Form: in einen Satz, in eine Tat, in ein Werk.
Das Hackenmännchen hängt also nicht umsonst kopfüber an der Rinde. Es zeigt uns, wo das Klavier steht. Es sagt uns nur nicht, wer davor sitzt. Das müssen wir selbst wissen — und ich weiß es:
Du bist nicht das Klavier. Du bist der, der spielt.
Du hast nicht bei deiner Geburt angefangen
Bis hierher ging es darum, woraus du bestehst: ein Körper mit einem Gehirn als Klaviatur, ein Verstand in zwei Betriebsarten, ein Maschinist im Hintergrund — und du, der spielt. Jetzt geht es um die Zeit.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem manche aussteigen. Ich stelle ihn trotzdem hin, weil er zum Bild gehört und weil ich ihn nicht für abwegiger halte als die Behauptung, Bewusstsein entstehe von selbst aus Molekülen.
Wenn du kein Körper bist, dann hört mit dem Körper nicht auf, was du bist. Und dann fängt es mit ihm auch nicht an.
Es gibt eine durchgehende Spur — die Zeitspur —, auf der Augenblick für Augenblick aufgezeichnet ist, was dir widerfahren ist. Nicht seit deiner Geburt. Seit sehr viel längerem. Ein Leben von Geburt bis Tod ist auf dieser Spur nur ein kleiner Lebensabschnitt, kein Anfang.
Hier löse ich ein, was ich oben aufgeschoben habe — den zweiten Schritt des Einwands gegen das Gehirn als Speicher: die Dauer. Wo liegt die Erinnerung, wenn das Gehirn zerfällt?
Wir können uns an frühere Leben erinnern — viele Menschen tun es, manche spontan, manche unter Anleitung, die Dianetik hat die Rückführungen im Westen populär gemacht. Und in geeigneten Einzelfällen ließen sich solche Erinnerungen auch nachprüfen.
Der Psychiater Ian Stevenson hat in Indien Fälle dokumentiert, in denen ein Kind die Mörder seines früheren Lebens beim Namen nannte.
Im Januar 1951 töteten Nachbarn in Kanauj den sechsjährigen Munna mit dem Messer. Ein halbes Jahr später kam im Nachbarbezirk Ravi Shankar zur Welt. Mit zwei Jahren begann er zu erzählen, man habe ihm die Kehle durchgeschnitten. Er nannte beide Mörder und den Tatort.
Mit vier schilderte er Munnas Vater die Tat so, wie sie im Geständnis eines der Täter stand — und diesen Mann erkannte er in einer Menschenmenge wieder. Er trug ein strichförmiges Mal, das aussah wie die Narbe eines langen Messerschnitts [Quellen: Wikipedia — Ian Stevenson, Psi Encyclopedia — Kinder mit Erinnerungen an frühere Leben].
Wenn die Erinnerung im Gehirn säße, wäre das unmöglich, denn das Gehirn zerfällt mit dem Körper. Der Speicher muss also etwas sein, das wir von Leben zu Leben mitnehmen. Nicht das Fleisch trägt die Erinnerung. Der Geist trägt sie und nimmt sie mit.
Und wenn du das ernst nimmst, kommst du irgendwann an Stellen, die nicht auf diese Erde passen. Andere Welten. Andere Körper. Raumfahrt, Maschinen, Zivilisationen, die es hier nie gab. In der Sprache, in der ich arbeite, heißt dieser Abschnitt Space Opera — und ja, der Name klingt nach Groschenheft. Er stammt nicht von Gegnern, sondern von Hubbard selbst, und ich vermute, er hat ihn mit Absicht so gewählt.
Mit der gleichen Gewissheit, mit der ich berichten kann, welche Länder ich in diesem Leben schon bereist und welche Berufe und Ziele ich verfolgt habe, kann ich mich auch erinnern und mit Gewissheit behaupten, auf welchem Planeten ich vor Äonen gelebt habe — und in welcher Verkörperung, Berufung oder Aufgabenstellung.
Dazu drei Dinge, ehrlich der Reihe nach.
Erstens: Ich verlange von niemandem, das zu glauben. Es ist der Teil, an dem sich Spott am billigsten verdienen lässt, und ich verstehe jeden, der hier abwinkt.
Zweitens: Für das Praktische ist es gar nicht nötig. Man kann mit dem Modell arbeiten, ohne diesen Abschnitt zu berühren, und die meisten tun das jahrelang.
Drittens, und das ist mein eigentlicher Punkt: Die Alternative ist nicht harmlos. Wenn du wirklich glaubst, dass du mit der Zeugung entstanden bist und mit dem Herzstillstand aufhörst, dann hast du in etwa siebzig Jahren eine Rechnung offen, die niemals aufgeht — und du hast keinen Grund, dich um irgendetwas zu kümmern, das länger dauert als du. Ich halte das für die weitaus unwahrscheinlichere Annahme, und für die verantwortungslosere und gefährlichere dazu.
Wie sich die Last aufschichtet
Zurück ins Handfeste. Denn die Aufzeichnungen liegen nicht einzeln herum, sie stapeln sich — in drei Sorten, und die Reihenfolge ist wichtig.
Ganz unten liegt das Engramm. Ein Augenblick von Schmerz und Bewusstlosigkeit, Traumata, vollständig aufgezeichnet, mit allem, was gleichzeitig da war. Das ist die Ladung. Hier sitzt die Kraft.
Darüber liegt das Secondary. Kein körperlicher Schmerz, sondern ein Augenblick schweren Verlusts oder der Drohung davor. Der Tod eines geliebten Menschen. Die Kündigung deiner Arbeitsstelle. Der Brief, mit dem etwas endete. Es tut so weh, wie es tut, weil darunter ein Engramm liegt, an das es andockt — zum Beispiel ein früherer Tod von dir selbst.
Ganz oben liegt das Lock. Ein Alltagsvorfall, harmlos für sich genommen, der nur deshalb wehtut, weil er einem älteren Ereignis ähnelt. Der Ton, in dem jemand etwas sagt. Ein Blick. Ein Geruch. Das Unterbewusste verbindet diesen Vorfall mit einem früheren Secondary oder Engramm. Daher wird dieses — an sich unscheinbare, harmlose — Geschehnis so unangenehm. Andere können deine Empfindungen gar nicht nachvollziehen und halten deine Reaktion für überzogen, weil sie diese Kette zu Engramm oder Secondary nicht teilen.
In diese oberste Schicht gehört das meiste von dem, woran wir uns täglich abarbeiten: der abgerissene Draht zu jemandem, mit dem einmal alles gut war. Das ungelöste Problem, das seit Monaten im Kopf kreist. Und das Verschwiegene — die Sache, die du getan hast und niemandem sagen magst.
Von der dritten Sorte weiß kaum jemand, wie schwer sie wiegt. Ein Mensch, der etwas zurückhält, zieht sich von dem zurück, vor dem er es zurückhält. Nicht aus Bosheit. Es geht von selbst.
Der Witz an der Schichtung ist praktischer Natur: Am Lock herumzuarbeiten bringt nur etwas Linderung. Es ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Kraft sitzt unten „im Unbewussten”, und zwar meist in vergangenen Leben mit Mord und Totschlag.
Wie fest das für mich steht
So sehe ich es. Und weil ich am Anfang gesagt habe, dass das kein Bekenntnis ist, sage ich zum Schluss auch, wie fest die Teile stehen.
Wovon ich überzeugt bin, weil ich es an mir selbst geprüft habe:
Dass ich nicht mein Körper bin — und auch nicht mein Gehirn.
Dass das Gehirn das Klavier ist und nicht der Spieler.
Dass der Verstand in zwei Betriebsarten arbeitet und die reaktive aufzeichnet, wenn ich nicht bei Bewusstsein bin.
Dass sich Ladung in Schichten stapelt und unten sitzt, wo die Kraft ist.
Dass die Zeitspur weit über dieses Leben zurückreicht — auch der sehr weit zurückliegende Teil, den ich oben Space Opera genannt habe.
Dass der Körper eine eigene, ältere Instanz mitbringt, und dass von dort das Bauchgefühl kommt.
Und jetzt die Frage, an der sich für mich alles entscheidet — dieselbe, die ich an jedes geistige Angebot stelle, das mir gemacht wird, an fremde wie an eigene:
Nicht: Stimmt das? Sondern: Was muss ich tun, um es selbst zu sehen — und woran würde ich merken, dass es nicht gewirkt hat?
Leg sie an diesen Text an. Ich habe dir kein Bekenntnis angeboten, sondern eine Beschreibung mit benannten Teilen. Prüfe sie an deinem eigenen Leben nach. Wenn ein Teil nicht trägt, wirf ihn raus.
Die Begriffe auf einen Blick
Thetan — du selbst: der, der schaut und entscheidet. Das Wort kommt vom griechischen Buchstaben Theta.
Körper — Fleisch, Knochen, Nerven und Gehirn. Das Instrument, nicht der Spieler.
Hackenmännchen (Homunkulus) — Penfields Landkarte des Körpers auf der Großhirnrinde. Die Klaviatur, auf der du den Körper spielst.
Analytischer Verstand — rechnet, vergleicht, wägt ab und weiß, dass er denkt.
Reaktiver Verstand — denkt nicht, sondern zeichnet auf, wenn du „weg” bist, und spielt die Aufnahme später nach dem Muster Reiz—Reaktion wieder ab.
Genetische Entität — der Maschinist des Körpers mit eigener, sehr alter Geschichte. Nach meiner Zuordnung der Absender des Bauchgefühls.
Zeitspur — die durchgehende Aufzeichnung dessen, was dir widerfahren ist, oder was Du Dir oder Anderen angetan hast, Augenblick für Augenblick, weit über dieses Leben zurück.
Engramm — die Aufzeichnung eines Augenblicks von Schmerz und Bewusstlosigkeit. Hier sitzt die Kraft.
Secondary — die Aufzeichnung eines schweren Verlusts oder der Drohung davor. Seine Wucht bezieht es aus einem Engramm darunter.
Lock — ein harmloser Alltagsvorfall, der wehtut, weil er an ein Secondary oder Engramm erinnert.




Danke Andreas, ein wunderbarer Artikel.
In einer sehr schmerzhaften Situation fand ich mich im Krankenhaus an der Zimmerdecke und schaute auf meinen schmerzverzerrten Körper voller Liebe, ohne körperliche Empfindung, mit der Gewissheit: ich bin viel!!! mehr als mein Körper und mein Verstand. Da war eine Weite und Zeitlosigkeit. Meine Identifikation war damit beendet. Es hält an bis heute.