Was ein Theologe an meinem Artikel beanstandet — und warum die These der staatlichen Übernahme einer Religion dadurch eher schärfer wird
Korrektur unter dem Mikroskop: Hieronymus, die Septuaginta-Legende und eine radikale Datierungs-These zum Pentateuch
Hinweis vorweg. Dieser Beitrag ist Teil 4 der Religions-Serie — ein theologisch-fachlicher Nachtrag zu Teil 1.
Der vorangegangene Teil 3 (Die Statthalter-Strategie) hat die Religions-Kaperung in ihrer politischen Anwendung gezeigt; hier komme ich zurück auf die Hieronymus-Stelle aus Teil 1 und schärfe sie mit einer Theologen-Korrektur und einem Buchhinweis nach. Wer ohne Vorwissen zur Bibelübersetzungs-Geschichte einsteigt, trifft auf Spezialdetails, die ohne Kenntnis eher verwirren als klären: Dem empfehle ich also: überspringe diesen Artikel und freue Dich auf den Nächsten:
Der nächste reguläre Teil 5 der Reihe folgt davon unabhängig. Wer sich für die Übernahme-Hypothese hinter den heiligen Schriften interessiert, findet hier dagegen einen Vertiefungs-Punkt und einen Buchhinweis, der die Bauplan-Frage um knapp zweitausend Jahre weiter nach hinten verlängert.
Ein Wort zur Methodik: Dieser Teil entstand nicht aus meinem eigenen Fachstudium der Theologie oder Bibelwissenschaft — das habe ich nie geleistet. Sie beruht auf umfangreicher eigener Recherche, kombiniert mit einer methodischen Prüfung durch moderne KI-Werkzeuge, mit denen ich die fachliche Belastbarkeit der einzelnen Linien gegen checke, bevor sie gedruckt werden. Genau deshalb ist es ein Gewinn, wenn ein studierter Theologe genau hinsieht und Präzisierungen anbringt. Diesen Gewinn gebe ich hier offen weiter.
Ein Theologe meldet sich.
Dr. Klaus Heinrich Neuhoff, Theologe in Kassel mit eigenem Eintrag im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon, hat nach der Lektüre von Teil 1 und Teil 2 der Religions-Serie auf zwei Stellen meines Hieronymus-Abschnitts hingewiesen. Bei beiden hat er recht. Ich gebe die Präzisierungen weiter, gerne auch weil meine Argumentation davon nicht gekippt wird, sondern eher noch fester steht.
Erste Präzisierung — die zwei Zitate stammen aus derselben Vorrede.
Im Originalartikel sind die ersten beiden Hieronymus-Zitate so geführt, als kämen sie aus zwei verschiedenen Werken — einmal aus der „Vorrede zur Überarbeitung der Evangelien”, einmal aus der „Praefatio in Evangelio” (Vorrede zu den Vier Evangelien). Tatsächlich stammen beide aus derselben Vorrede, die Hieronymus 383 n. Chr. an Papst Damasus I. richtete — die Eröffnungsschrift seiner Revision der lateinischen Evangelientexte. Der berühmte Satz „Novum opus facere me cogis ex veteri” („Du zwingst mich, aus einem alten Werk ein neues zu machen”) steht genau dort, ein paar Zeilen entfernt von dem Selbstvorwurf, man werde ihn lauthals einen Fälscher und Religionsfrevler schelten. Inhaltlich tragen beide Zitate die Argumentation unverändert — die Doppel-Zuordnung als zwei separate Werke war eine redaktionelle Ungenauigkeit, die ein Fachleser sofort sieht und für die ich mich entschuldige.
Klarstellung am Rande: Hieronymus hat keine „Evangelienharmonie” im strengen Sinne geschrieben — eine Harmonie wäre eine Zusammenführung der vier Evangelien zu einem einzigen Text gewesen (so etwa Tatians Diatessaron im zweiten Jahrhundert). Was Hieronymus produziert hat, war eine Revision der altlateinischen Evangelien anhand des griechischen Texts. Der willkürliche Eingriff bleibt: er entscheidet, welche Interpretation in welchen Abschriften „mit der griechischen Wahrheit übereinstimmt”, und er räumt selbst ein, dabei aus einem altem Werk ein neues geschaffen zu haben.
Zweite Präzisierung — die Pentateuch-Vorrede zielt auf die Legende, nicht auf den Bibel-Inhalt.
Im selben Abschnitt steht im Haupttext, Hieronymus greife in der Vorrede zum Pentateuch „die Septuaginta an”. Genauer wäre: er greift dort die Legende von den siebzig Übersetzern an — jene jüdisch-hellenistische Erzählung, dass siebzig Gelehrte in Alexandria im dritten vorchristlichen Jahrhundert unabhängig voneinander wundersam zur selben griechischen Übersetzung gekommen seien, was der Septuaginta in der Kirche den Status der göttlichen Inspiration verleihen sollte. Hieronymus zielt auf diese Inspirations-Aura, nicht auf den jeweiligen Inhalt der Septuaginta. Er will Platz schaffen für seine eigene neue lateinische Übersetzung — und delegitimiert dafür die Konkurrenz auf der Status-Ebene. In der Fußnote des Originalartikels hatte ich genau das bereits richtig vermerkt — im Haupttext war die Formulierung „greift die Septuaginta an” jedoch missverständlich offen gelassen. Hier nachgeschärft: ja, Hieronymus entzieht der Septuaginta die jahrhundertelange christliche Verehrung als göttlich-inspiriertes Werk; nein, er bestreitet damit nicht den jeweiligen Wortlaut der griechischen Übersetzung. Beide Bewegungen sind getrennt zu halten.
Was sich an der Hauptlinie nicht ändert.
Hieronymus räumt im selben Werkstück offen ein, dass er aus altem Text neuen Text macht, dass er nach eigenem Gutdünken Schiedsrichter über tausende abweichende Abschriften spielt, und dass er der konkurrierenden Übersetzungstradition den Status göttlicher Inspiration aberkennt. Das ist die Beweislage für die Werkstatt-Hypothese — eine “heilige Schrift” ist demnach kein über Jahrhunderte wortwörtlich tradiertes Wort, sondern ein redaktionell überarbeitetes Produkt mit dem Anspruch, das definitive zu sein. Dr. Neuhoff nannte mir die zwei Präzisierungen oben nicht, um meine Hypothese zu kippen — er nannte sie, weil ich ihn überzeugte und er sie sauber aufgestellt sehen will.
Anschluss-Hinweis — der Pentateuch als hellenistische Werkstatt-Konstruktion.
Im selben Brief hat Dr. Neuhoff einen Buchhinweis gegeben, der die Werkstatt-Frage weiter nach hinten zieht. Russell E. Gmirkin, Berossus and Genesis, Manetho and Exodus. Hellenistic Histories and the Date of the Pentateuch (T&T Clark, 2006), argumentiert, dass der Pentateuch — die fünf Bücher Mose, das Herzstück der hebräischen Bibel und jüdischen Lehre — nicht über Jahrhunderte gewachsen (d.h. nicht von Moses geschrieben, Lebenszeit ca. 1525–1405 v. Chr.), sondern erst über 1300 Jahre später um 273/272 v. Chr. von jüdischen Gelehrten in Alexandria komponiert wurde. Als Vorlagen dienten ihm zufolge Berossus’ babylonisch-griechische Geschichten und Manethos ägyptisch-griechische Geschichten. Endredaktion zeitgleich mit der Septuaginta. Das bedeutet eine ptolemäisch-jüdische Werkstatt am Hof von Ptolemaios II. Philadelphos (regierte 285/283 – 246 v. Chr.) — eben jenem Herrscher, dem die spätere Aristeas-Legende die Auftragsgabe für die Septuaginta zuschreibt. Ein politischer Auftrag, eine Doppel-Produktion (hebräische Tora und griechische Übersetzung) für die hellenistische jüdische Diaspora. Bezeichnenderweise schrieb auch der ägyptische Priester Manetho seine Aegyptiaca direkt für Ptolemaios II. am selben Hof in Alexandria; Berossus verfasste seine babylonischen Geschichten parallel am Seleukiden-Hof von Antiochos I. Soter. Das hellenistische Geschichts-Schreibungs-Programm, dessen Vorlagen Gmirkin zufolge der Pentateuch verwertet, lief gerade unter denselben Höfen — Alexandria und Antiochia — als die jüdischen Gelehrten ihren eigenen Beitrag dazu redigierten. Damit liegen drei rückdatierte Hof-Werke aus drei religiösen Traditionen vor, die sich aus dem Abstand späterer Leser gegenseitig beglaubigen — gerade in ihrer scheinbaren Unabhängigkeit erzeugen sie die Authentizität, die sie behaupten.
Die These ist im akademischen Mainstream umstritten. Markus Witte, ein Berliner Alttestamentler, nennt sie in der Theologischen Literaturzeitung „stimulierend, aber methodisch fragwürdig”. Wenn aber auch nur die Datierungs-Achse trägt, ist es trotzdem die radikalste Bauplan-These überhaupt — die hebräische Bibel als Werkstatt-Produkt einer hellenistisch geprägten Funktionsträger-Schicht am Ptolemäerhof. Derselbe Bauplan, den ich in der Religions-Serie bei der Scofield-Bibel um 1909 und bei der Scientology-Übernahme zwischen 1972 und 1975 nachzeichne — nur zweitausenddreihundert Jahre früher. Gmirkin hat ein Folgewerk vorgelegt: Plato and the Creation of the Hebrew Bible (Routledge, 2017), in dem er argumentiert, dass die Tora explizit nach platonischen Gesetzgebungs-Vorbildern (Politeia, Nomoi) konstruiert wurde. Wer den Stoff verfolgt, findet dort eine erstaunliche Spur.
Methodische Schluss-Bemerkung — und Einladung.
Diese Korrekturnotiz ist mehr als Pflichterfüllung. Sie ist ein Signal an die Leserschaft mit theologischer Vorbildung: Wer in dieser Reihe Unschärfen findet, ist eingeladen, sie zu benennen. Ich nehme das ernst, prüfe nach, korrigiere, wo zu korrigieren ist — und gewinne, weil das Argument durch jede saubere Prüfung fester wird. Wer sich angesprochen fühlt, kann das gern per Kommentar unter diesem Beitrag tun. Genau diese Leser will ich erreichen.
Teil 5 der Religions-Serie wird die Uebernahme-Hypothese auf die Spuren ausweiten, die hier sichtbar werden — von Eisenmans Anti-Jakobus-Paulus über Deterings Uebernahme-These des zweiten Jahrhunderts bis zu Gmirkins Datierung der Pentateuch-Redaktion. Drei Linien, ein Bauplan. Der Beitrag folgt.
Diese Serie ist frei zugänglich
Dieser Beitrag und die folgenden Teile der Religions-Serie sind ohne Bezahl-Schranke lesbar — die Argumente sollen so weit wie möglich kursieren. Wer meine Arbeit finanziell unterstützen möchte, hat zwei Wege:
Buchkauf: Trump zerlegte die Neue Weltordnung (503 Seiten, eBook ohne Kopierschutz, CHF 19.80) auf shop7.ch.
Substack-Bezahl-Abo: CHF 50/Jahr, mit dem Buch Trump zerlegte … als Willkommens-Geschenk plus monatlich ein weiteres eBook aus meinem Verlagsprogramm. Bei Stripe-Karten-Ablehnung (kommt regelmäßig vor): Banküberweisung oder PayPal an
paypal@college4knowledge.ch, eine kurze Antwort an mich genügt zur Freischaltung.
Wer einfach nur teilen möchte, was hier steht — bitte tut das, die Welt wird sicherer, sobald die Menschen erkennen, wie ihre “heiligen Schriften” politisch manipuliert wurden.
Mit besten Grüßen, Andreas M. B. Groß College for Knowledge / Morgarten / Schweiz blog.andreasmbgross.ch — shop7.ch

