Andreas M. B. Groß

5Gfrei: Trumps eigener Gesundheitsminister warnt vor deinem Handy — seine Funkbehörde hält dagegen

Eine neue, begutachtete Auswertung der 30-Millionen-Dollar-Studie der US-Regierung rechnet vor: Die geltenden Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung sind bis zu 900-fach zu hoch. Der Streit in Washington.

Avatar von Andreas M. B. Groß
Andreas M. B. Groß
Juli 07, 2026
∙ Bezahlt

Es gibt Sätze, die man zweimal lesen muss.

Dieser stammt nicht von einem Aktivisten, sondern aus einer begutachteten Fachzeitschrift:

Die geltenden Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung schützen nicht vor Krebs und nicht vor Unfruchtbarkeit. Sie liegen um das Fünfzehn- bis über Neunhundertfache zu hoch.

Nach diesem Artikel weißt du drei Dinge, die dir kein Mobilfunk-Betreiber sagt:

  • warum diese Grenzwerte wissenschaftlich nicht mehr zu halten sind,

  • warum ausgerechnet Trumps Gesundheitsminister davor warnt,

  • während Trumps eigene Funkbehörde weiter Vollgas gibt.

Die Schlagzeile — und was wirklich dahintersteckt

Angefangen hat es mit einer Meldung, die gerade durch die freien Medien läuft: „30-Millionen-Dollar-Studie beweist — Grenzwerte 200-fach zu hoch” [Quelle: tkp.at].

Das stimmt — und ist trotzdem noch untertrieben. Drei Dinge ziehe ich gerade, damit du die Zahl fest in der Hand hast.

Die „200-fach” sind ein herausgegriffener Mittelwert. Die Studie selbst nennt eine Spanne, je nachdem, wie viele Stunden am Tag ein Mensch der Strahlung ausgesetzt ist: fünfzehn- bis über neunhundertfach zu hoch beim Krebsrisiko, acht- bis vierundzwanzigfach beim Schutz der männlichen Fruchtbarkeit [Quelle: Melnick & Moskowitz, Environmental Health 2026]. 200 ist die freundliche Version. In der Regel sind wir rund um die Uhr der Strahlung eines Antennenmastes und der WLAN-Basisstationen der Nachbarn ausgesetzt: 365 Tage im Jahr.

Und die 30 Millionen? Die flossen nicht in diese Auswertung, sondern vor Jahren in das, was ihr zugrunde liegt: die große Tierstudie des US-Regierungsprogramms NTP (National Toxicology Program — die staatliche US-Stelle, die Stoffe auf Gift- und Krebswirkung prüft), bezahlt aus Steuergeld. Die neue Arbeit rechnet diese amtlichen Daten nur sauber durch. Es ist also die eigene Millionen-Studie der US-Regierung, die ihren eigenen Behörden das Zeugnis ausstellt.

Die Studie rechnet mit genau den Methoden, mit denen Umweltbehörden sonst jeden anderen Schadstoff bewerten — und kommt zu einem Ergebnis, das die Regierung seit dreißig Jahren nicht sehen will.

Was zwei Wissenschaftler vorgerechnet haben

Die beiden Autoren sind keine Unbekannten. Ronald Melnick leitete jahrelang jene NTP-Studie mit — den 30-Millionen-Dollar-Versuch, der bei Ratten eindeutig Herztumore fand. Joel Moskowitz forscht an der Universität Berkeley zur öffentlichen Gesundheit.

Ihr Ausgangspunkt: Die von der WHO beauftragten großen Übersichtsarbeiten stufen inzwischen mit „hoher Sicherheit” ein, dass Mobilfunkstrahlung im Tierversuch Krebs erhöht und die Fruchtbarkeit senkt [Quelle: ICBE-EMF].

Melnick und Moskowitz drehen daraus die entscheidende Frage um: Bei welcher Strahlendosis läge das zusätzliche Krebsrisiko bei eins zu hunderttausend — der Schwelle, die US-Behörden bei jedem anderen Umweltgift anlegen?

Ihre Antwort steht in scharfem Kontrast zur Wirklichkeit:

  • Gesundheitlich vertretbar wären beim Krebsrisiko etwa 0,8 bis 5 Milliwatt pro Kilogramm Ganzkörperbelastung.

  • Der geltende Grenzwert für die Allgemeinheit liegt bei 80 Milliwatt pro Kilogramm — festgelegt von der US-Funkbehörde FCC und der internationalen Strahlenschutz-Kommission ICNIRP.

Zwischen dem, was schützt, und dem, was erlaubt ist, klafft der Faktor, um den es geht.

Und das Fundament dieser Grenzwerte ist morsch: Sie stammen aus den 1990er Jahren und beruhen auf Verhaltensversuchen aus den 1980ern, bei denen hungrige Ratten und Affen so lange bestrahlt wurden, bis sie den Hebel für ihr Futter langsamer drückten. Gemessen wurde die Erwärmung — mehr nicht. Diesen Denkfehler, der bis heute in den Grenzwerten steckt, habe ich anderswo auseinandergenommen: Der Wärme-Mythos.

Alles, was Strahlung unterhalb der Wärmeschwelle anrichtet, kam in dieser Rechnung schlicht nicht vor. Dabei mehren sich die Belege, dass genau dort der Schaden entsteht: Die österreichische ATHEM-3-Studie zeigt Brüche im Erbgut menschlicher Zellen — und zwar deutlich unterhalb der geltenden Grenzwerte.

Die Krebsforschungsagentur der WHO stufte Mobilfunkstrahlung schon 2011 als „möglicherweise krebserregend” ein. Melnick und Moskowitz zeigen: Mit den Tierdaten von heute wäre die nächste Stufe fällig — „wahrscheinlich krebserregend”.

Der Riss mitten durch Washington

Jetzt wird es politisch interessant — und hier verläuft ein Riss, den kaum jemand benennt.

Man stellt sich „die US-Regierung” gern als einen Block vor. Sie ist keiner. Beim Thema Funkstrahlung ziehen drei Behörden in drei Richtungen:

  • Die Funkbehörde FCC sitzt auf den Grenzwerten. Ihr Chef Brendan Carr ist ein früherer Anwalt der Telekom-Industrie und Mitautor des „Project 2025”. Er drückt aufs Tempo — mehr 5G, weniger Auflagen — und verteidigt die Grenzwerte von 1996.

  • Die Umweltbehörde EPA ist unter Trump auf Deregulierung getrimmt, ihr neuer Chef Lee Zeldin baut Klima- und Industrieauflagen ab. Nur: Mit Funkstrahlung hat die EPA gar nichts zu tun — ihr Strahlenprogramm wurde schon 1996 abgewickelt. Wer hier einen Widerspruch sucht, sucht am falschen Ort.

  • Und dann ist da das Gesundheitsministerium HHS unter Robert F. Kennedy junior — die einzige Stimme im Kabinett, die gegen die Funk-Sorglosigkeit arbeitet.

Am 20. Januar 2026 sagte Kennedy, er sei „sehr besorgt” über Handystrahlung. Sein Ministerium startete eine eigene Untersuchung der Gesundheitsfolgen elektromagnetischer Strahlung, und die Arzneimittelbehörde FDA nahm bereits ihre alten „alles unbedenklich”-Seiten vom Netz [Quelle: Broadband Breakfast].

Dieselbe Regierung, die den grünen Umweltchef feuert, hat also einen Gesundheitsminister, der sagt:

Dein Handy könnte dir schaden —

und eine Funkbehörde, die genau das nicht hören will. Der Riss läuft quer durchs Kabinett.

Bobbys lange Spur

Und Kennedy hat dieses Thema nicht erst im Amt entdeckt. Er trägt es seit Jahren:

  • 2020 fordert er öffentlich, den 5G-Ausbau zu stoppen, bis dessen Unbedenklichkeit belegt ist. Im selben Jahr verklagt seine Organisation Children’s Health Defense die Funkbehörde, weil diese sich weigert, ihre Grenzwerte zu überprüfen.

  • Am 13. August 2021 gibt ihm ein US-Bundesberufungsgericht recht. Es nennt die Haltung der Behörde „willkürlich und rechtsfehlerhaft”: Sie habe elftausend Seiten eingereichter Belege für Schäden schlicht ignoriert und prüfe nur die Erwärmung durch ein einziges Gerät über eine halbe Stunde [Quelle: Children’s Health Defense / Historic Win].

  • 2026 sitzt derselbe Mann als Gesundheitsminister endlich am Hebel.

Der Streit ist also nicht neu. Neu ist, dass eine der beiden Seiten jetzt regiert — und die begutachtete Wissenschaft ihr gerade die Munition nachliefert.

Und die Schweiz? Strenge Grenzwerte? —
Nur auf dem Papier!

Jetzt könnte man meinen, uns in der Schweiz gehe das wenig an. Wir haben doch die strengeren Grenzwerte.

Haben wir — auf dem Papier. Die Schweiz kennt zwei Grenzwerte, und im Unterschied zwischen ihnen steckt der ganze Trick.

Der eine ist der Immissionsgrenzwert: der ICNIRP-Wert, denselben haben Deutschland und fast die ganze Welt. Er gilt überall, wo Menschen sich aufhalten. Das ist der Wert, den die neue Studie zerlegt.

Der andere ist der Anlagegrenzwert — und mit ihm wirbt die Schweiz: „zehnmal strenger”. Als Zahl stimmt das sogar. Nur gilt er nicht überall, sondern nur an „Orten mit empfindlicher Nutzung” — Schlafzimmer, Arbeitsplatz, Schulzimmer. Und die liegen von einer Antenne fast immer dreißig Meter und weiter entfernt. Auf diese Distanz ist die Strahlung ohnehin längst abgefallen. Man verlangt den strengen Wert also nur dort, wo die Strahlung sowieso schon schwächer ist. Augenwischerei.

Die Folge: Ein deutscher Nachbar, der nur den „normalen” Immissionsgrenzwert kennt, wird in Wahrheit nicht stärker bestrahlt als wir Schweizer. Die „zehnmal strengeren Grenzwerte” sind ein Werbespruch, kein gelebter Unterschied.

Und oben drauf kommt erst die eigentliche Rechenkunst:

  • Die Mittelwert-Lüge (das „Powerlock”). Gemessen wird über volle sechs Minuten gemittelt, und eine Software-Sperre soll genau diesen Mittelwert unter dem Grenzwert halten. Die Sende-Spitzen des 5G-Beamformings, die weit darüber hinausschießen, verschwinden im Durchschnitt.

  • Der Korrekturfaktor obendrauf. Für adaptive 5G-Antennen dürfen die Betreiber die abgestrahlte Leistung auf dem Standortdatenblatt kleinrechnen, bis sie unter den Wert passt. Gestrahlt wird so bis zum 10-fachen des Grenzwertes.

  • Und niemand prüft nach. Die Einhaltung beruht auf der Selbstdeklaration des Betreibers und einem „Qualitätssicherungs-System”, in das kein Mensch außer den Betreibern Einblick hat. Sie wissen, dass sie beim Mogeln nicht erwischt werden.

Der strenge Grenzwert steht auf dem Papier. Die Methode, mit der man seine Einhaltung „belegt”, höhlt ihn wieder aus. Man senkt die Zahl und lockert gleichzeitig die Messung, bis keiner mehr die Show durchschaut.

Doch es geht auch anders — und das ist keine Träumerei. Die USA haben bei Gesundheits- und Umweltstandards lange den Ton angegeben — bei Medikamenten-Tests, Grenzwerten, Auflagen. Senken sie ihre Funk-Grenzwerte, muss die restliche Welt früher oder später nachziehen.

Dabei geht es nicht ums Verzichten, sondern um die gewaltige Überleistung. Die Grenzwerte stehen zwar noch auf dem Stand der 1990er. Aber damals gab es kaum Antennen, die sie ausgereizt hätten: dünne Netze, wenige Geräte, Masten weit auseinander. So wenig Strahlung kam an, dass man im Auto geschützt war, im gemauerten Haus erst recht — vom Stahlbeton ganz zu schweigen.

Genau diese natürlichen Schutzräume existieren heute kaum noch. Der ganze Ehrgeiz der Betreiber richtet sich darauf, jeden dieser „galvanischen Käfige” zu durchschlagen — Karosserie, Mauerwerk, Betondecke —, damit das Handy noch im hintersten Kellerraum vier Balken zeigt. Dieser “Luxus”, den kaum jemand wirklich braucht, ist der eigentliche Treiber der Strahlenlast.

Dass es auch anders ginge, zeigt die Satellitentechnik. Ein Starlink-Satellit deckt aus 530 Kilometern Höhe halbe Kontinente ab, und was davon am Boden ankommt, liegt unter einem Tausendstel unseres Grenzwertes. Diese Strahlung ist so schwach, dass man sie kaum messen kann — man errechnet sie aus Sendeleistung und Entfernung. Flächendeckende Erreichbarkeit ist möglich, ohne das Land mit einem Teppich aus starken Bodenantennen zu überziehen.

Ich bin überzeugt: bald werden wir gegen den Strahlenwahnsinn gewonnen haben, der lässt sich nicht mehr rechtfertigen.

Bis dahin zählt jede einzelne Antennen-Einsprache. Sie ist der Ort, an dem sich dieser Rechentrick anfechten lässt — der kleingerechnete Korrekturfaktor, das lückenhafte Standortdatenblatt, die fehlende Bemessungsgrundlage. Und genau deshalb hat ein pensionierter Ingenieur im Berner Oberland ein Messgerät gebaut, das die Spitzen sichtbar macht, die die amtliche Messung übersieht — ich habe es hier beschrieben.

Das Buch, das es 2020 schon sagte

Ich habe darüber ein Buch geschrieben, lange bevor diese Studie erschien: Die kleine 5G-Fibel — Alles, was jeder über Mobilfunk wissen muss.

Auf Seite 55 steht ein Kapitel mit der Überschrift „Die Grenzwerte sind völlig untauglich zu unserer Sicherheit”. Das war 2020 eine These. Heute ist es das Ergebnis einer begutachteten Auswertung der eigenen Regierungsstudie der USA.

Die Fibel ist der Bürger-Leitfaden zum Thema: Wie Mobilfunk wirkt. Warum die amtliche Messung das Entscheidende nicht misst. Und — ganz praktisch — wie du in deiner eigenen Gemeinde eine Einsprache gegen eine neue Antenne führst, samt Muster-Einsprache zum Nachbauen.

Die zweite Hälfte geht weiter und stellt die Frage, um die sich alle drücken: Wofür wird diese lückenlose Infrastruktur eigentlich gebaut? Wer Glaubt es ginge um die Versorgung der Handies, kennt nur die unbedeutendere Hälfte der Geschichte.

Wer tiefer einsteigen will, findet die Fibel hier: ingag.de/5g-fibel. Und meine zahlenden Abonnenten bekommen sie diesen Monat geschenkt — dazu weiter unten mehr.

Und weil ich das Geschenkbuch diesmal vorgezogen habe, überschneidet es sich mit dem vorigen: Der Bonus für mein letztes Buch — Qanon: Teile und Herrsche, über die uralte Herrschaftstechnik, Menschen gegeneinander auszuspielen — läuft noch ein paar Tage weiter. Wer jetzt als Stammleser einsteigt, greift diesen Monat also gleich zwei Bücher gratis. Beide Codes stehen unten hinter der Bezahlschranke.

Es geht nicht mehr um „ob”

Dreißig Jahre lang lautete die Auskunft der Behörden: kein Beweis, keine Gefahr, alles im grünen Bereich.

Jetzt sagt die eigene Millionen-Studie der US-Regierung, ausgewertet von dem Mann, der sie mitgeleitet hat, das Gegenteil. Ein Gericht hat der Aufsicht Willkür bescheinigt. Ein amtierender Minister zieht die alten Freibriefe ein.

Die Frage ist nicht mehr, ob die Grenzwerte fallen. Die Frage ist nur noch, wann und wie viele Antennen bis dahin gebaut sind — und wer dazu beigetragen hat, unsere Schlacht zu gewinnen.


Dieser Post ist für Paid-Abonnenten

Sind Sie bereits ein Paid-Abonnent? Anmelden
© 2026 Andreas M. B. Groß · Datenschutz ∙ Bedingungen ∙ Hinweis zur Erfassung
Starten Sie Ihre SubstackApp herunterladen
Substack ist der Ort, an dem großartige Kultur ein Zuhause findet.