Andreas M. B. Groß

✉ Boethius — Trost im Kerker von Pavia

Teil fünf der achtteiligen Serie zur Solidarität mit Reiner Füllmich: Boethius.

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Andreas M. B. Groß
Okt. 29, 2026
∙ Bezahlt
✉ Boethius — Trost im Kerker von Pavia

Boethius war um das Jahr 520 der gelehrteste Mann seiner Zeit, römischer Senator und erster Minister am Hof König Theoderichs. Dann klagte man ihn des Hochverrats an. Er kam in Haft nach Pavia und wurde 524 hingerichtet.

In der Zelle schrieb er Der Trost der Philosophie. Darin tritt ihm die Philosophie als Frau entgegen und fragt ihn, warum er das Glück draußen sucht, wo es doch in ihm selbst liegt.

Das Buch wurde tausend Jahre lang an jeder Schule Europas gelesen. Die Namen seiner Ankläger kennt kaum noch jemand.

Hier stehen beide Boethius-Teile aus meinen Briefen an Reiner Füllmich beisammen: zuerst Stellen aus den Büchern I, II, IV und V, dann die großen Gesänge aus Buch III und IV — beide in der Übersetzung von Richard Scheven (1893) und ihrer alten Rechtschreibung. Warum ich das einem Gefangenen schicke, steht in Teil 1.

Boethius — Die Tröstungen der Philosophie

Boethius klagt der Philosophie sein Los: »Was aber meinem Unglück die Krone aufsetzt, ist die auch hier wieder bewährte Thatsache, daß die meisten Menschen bei ihrer Schätzung nicht auf den wahren Wert sehen, sondern auf den Ausgang, den die Sache schließlich nimmt […]. Daher verläßt denn auch der gute Ruf immer zuerst die Unglücklichen. […] Die schwerste Last, die das Mißgeschick auferlegt, besteht darin, daß der Unglückliche das Leiden, das er infolge eines ihm angedichteten Verbrechens erdulden muß, immer auch wirklich verdient zu haben scheint!« (I, 4) — Fünfzehnhundert Jahre später liest niemand mehr diese Klage, ohne auf seiner Seite zu stehen.

Fortuna, das Glück, verteidigt sich vor ihm: »Der Himmel kann helle Tage erscheinen lassen und sie dann wieder in dunkle Nächte verwandeln. Das Jahr kann das Antlitz der Erde bald mit Blumen und Früchten schmücken, bald es mit Nebel und Kälte bedecken. […] In kreisendem Schwung das Rad herumzuwirbeln, das ist meine Macht und mein ewiges Spiel, und Freude macht es mir, das Oberste zu unterst und das Unterste nach oben zu kehren!« (II, 2) — Das Rad dreht sich weiter, Herr Dr. Füllmich. Auch nach oben.

Die Philosophie: »Weshalb, ihr Sterblichen, sucht ihr also das Glück außer euch, da es doch nur in euch begründet sein kann? Irrtum und Unwissenheit umdüstern euch in eurem Thun! […] Wenn ich dich fragte: ›Giebt es denn irgend etwas, das dir teurer wäre, als du selbst?‹ so würdest du ohne Zweifel mit ›Nein‹ antworten. In dir selber besitzest du also etwas, was du nie verlieren wirst und was dir auch das Schicksal niemals rauben kann.« (II, 4)

»Ich behaupte also, daß das Glück dem Menschen dadurch, daß es ihm untreu wird, oft mehr Nutzen bringt, als wenn es sich ihm günstig zeigt. […] Das Glück führt irre, das Unglück belehrt! Jenes schlägt die Gemüter der Menschen durch die Gewährung trügerischer Güter in Fesseln, dieses wirkt befreiend, indem es die Vergänglichkeit des Glücks offenbart! […] Hältst du es denn für etwas Geringes, daß das harte, widrige Geschick dich die Herzen deiner treuen Freunde hat erkennen lassen, daß es dir offenbart hat, welche deiner Gefährten dir ihr wahres Gesicht und welche dir ein falsches zeigten?! Denn als das Glück von dir wich, da wichen mit ihm auch diejenigen von hinnen, die nur um seinetwillen sich dir freundlich zeigten, und nur deine wahren Freunde blieben dir im Unglück treu! Was hättest du für diese Erkenntnisse gegeben, damals als du noch unversehrt dastandest, als du dich noch sicher fühltest im Besitze des Glücks! – Darum höre auf, um die verlorenen Schätze zu klagen, denn den allerköstlichsten Schatz, wahre Freunde, hast du jetzt erst gefunden!« (II, 8)

»Deshalb aber darf sich auch der Weise nicht beklagen, wenn er zum Kampf mit dem Geschick berufen wird, ebenso wie auch ein tapferer Mann nicht unwillig werden darf, wenn Streit und Krieg sich erhebt. Bietet doch beiden gerade die Bedrängnis Gelegenheit, dem einen, seinen Ruhm auszubreiten, dem andern, seine Weisheit zu befestigen. Daher hat ja auch die Tugend ihren Namen, weil sie wohl dazu taugt, mit eigener Kraft alle Fährlichkeit zu besiegen.« (IV, 7)

Und das letzte Wort des ganzen Buches: »Nicht vergeblich sind die auf Gott gerichteten Hoffnungen und die zu ihm emporsteigenden Gebete, die nicht unerfüllt bleiben können, wenn sie Gerechtes erflehen und aufrichtig gemeint sind! Widersteht also dem Laster, übt immer die Tugend, erhebt die Seele in gerechter Hoffnung und richtet demütige Gebete zum Himmel empor! […] Denn ihr lebt und ihr handelt vor den Augen eines allsehenden Richters!« (V, 6)

Boethius — Der Trost der Philosophie, Buch III und IV

Anicius Manlius Severinus Boethius (um 480–524), römischer Senator und Gelehrter, schrieb das Werk in der Haft in Pavia. Oben standen Stellen aus Buch I, II, IV und V; hier folgen die großen Gesänge aus Buch III und IV.

Nach der Dornenrodung die Ernte (III, Gesang 1)

Willst mit Erfolg du den Acker bestellen,
Mußt du entfernen zuvor das Gestrüppe,
Mußt ihn befreien von Dornen und Steinen:
Reicher dann lacht dir die kommende Ernte!
Hast du gekostet von bitterer Speise,
Süßer dann mundet das Werk dir der Bienen!
Brachte der Südwind Donner und Regen,
Dann um so schöner erglänzen die Sterne,
Und nach dem nächtlichen Dunkel verkündet
Lucifer immer das Nahen des Tages!

Das gebeugte Bäumchen (III, Gesang 2, Schluss)

Das Bäumchen, von kräftigem Arme gebeugt,
Zur Erde senkt es den Wipfel hinab.
Doch sobald es befreit von der zwingenden Hand,
Da schnellt es von neuem zum Himmel empor! […]
So kehrt nun ein jedes zum Ausgang zurück
Und freut sich der Quelle, der einst es entsproß.

Das Gebet der Philosophie (III, Gesang 9)

Der du die Welt regierst nach ewigen, weisen Gesetzen,
Der du die Erde, den Himmel erschufst, und aus ewigem Urquell
Führtest die Zeiten, des Alls unwandelbarer Beweger! […]
Vater, auch unseren Geist in des Lichts Regionen erhebe!
Zeige des Guten Quell, gieb gnädig völlige Klarheit!
Zeige dein eigenes Ich dem trunkenen Blicke des Geistes!
Nimm uns hinweg den Wahn und die Bande des irdischen Daseins!
Strahle mit himmlischem Glanz! Denn du, der Tröster der Frommen,
Du giebst Frieden und Ruh'! So gieb dich auch uns zu erkennen,
End' und Beginn, und Führer und Pfand, und Ziel alles Wissens!

Die Klage des Gefangenen und die Antwort (IV,1)

»O Bringerin des Lichts!« rief ich aus, »[…] Der Hauptgrund für meinen Kummer liegt aber darin, daß, trotzdem ein allgütiger Lenker der Dinge lebt, das Böse nicht nur überhaupt besteht, sondern sogar straflos ausgeht. […] Denn unter der Herrschaft und Blüte des Unrechts empfängt die Tugend nicht nur keine Belohnung, sondern sie wird noch überdies mit Füßen getreten und muß an Stelle der Missethaten die diesen gebührenden Strafen erdulden!«

Die Philosophie antwortete: »[…] Und da du nun vorhin schon unter meiner Leitung das Wesen und den Sitz der höchsten Glückseligkeit erkannt hast, so will ich dir jetzt den Weg zeigen, der dich sicher wieder nach Hause zurückführen wird! Flügel werde ich deinem Geiste verleihen, auf denen er sich in lichte Höhen erheben kann, und so wirst du von aller Unruhe frei werden und schließlich auf meinen Wegen, unter meiner Leitung und Führung, gerettet ins Vaterland zurückkehren!«

Denn ich erhebe mit flüchtigen Fittichen
mich hoch empor zum Himmelszelt!
Freudig der Geist, der verachtet das Irdische,
entflieht der niedern Erdenwelt,
dringt durch der Lüfte Bereich, den unendlichen,
sieht unter sich die Wolken ziehn […]
und schaut das heil'ge Himmelslicht!
Hier hält das Scepter der König der Könige,
er thront im höchsten Weltgericht,
führt den geflügelten Wagen unwandelbar
und lenkt ein jegliches Geschick!
Führte der Weg, den du suchst, o Vergeßlicher,
dich hier auf diese Höhn zurück,
dann wirst du rufen: Ja, dies ist mein Vaterland!

Der Arzt der Seelen (IV,6)

»Nun muß es aber doch schon in betreff des Leibes dem Unkundigen wie ein Wunder erscheinen, daß Gesunde teils das Süße, teils das Bittere vorziehen und daß von verschiedenen Kranken dem einen durch gelindere, dem andern nur durch scharfe Mittel geholfen werden kann. Der Arzt aber wundert sich nicht darüber, denn er kennt für die Gesundheit wie auch für die Krankheiten die verschiedenen Erscheinungsformen und Bedürfnisse. […] Wer anders aber kann das Gute erhalten und das Böse vertreiben, als Gott, der Lenker und der Arzt der Seelen?! Er schaut herab von der hohen Warte der Vorsehung, er erkennt, was einem jeden nützt und frommt, und was er als heilsam und dienlich erkannt hat, das läßt er dann auch jedem einzelnen in seiner Fürsorge zu teil werden. Darauf beruht eben das Wunderbare der Schicksalsordnung, und Unwissende staunen über des Wissenden Werk!«

Der Weg des Herkules (IV, Gesang 7, Schluss)

Wer nicht kennt des Herkules Heldenthaten? […]
Dann zuletzt mit nimmer gebeugtem Nacken
stützt er stark den Himmel, und ging dann selber
ein zum Himmel, belohnt für alle Mühsal!
Folgt nun kühn der glänzenden Bahn des Vorbilds!
Wendet niemals fliehend den Rücken feige!
Denn wer kühn die Erde besiegt, empfängt zum
Lohne den Himmel!

Im nächsten Teil weitet sich der Blick nach Osten: Buddha, Laotse — und ein römischer Kaiser, der für sich selbst schrieb.


Die Serie ✉ Solidarität mit Reiner Füllmich

  1. Mi 21.10. Reiner Füllmich in Lingen — warum dein Brief in die Zelle zählt

  2. Fr 23.10. Epiktet — „Mein Bein wirst du fesseln“

  3. So 25.10. Seneca I — Briefe an einen Freund in Sorge

  4. Di 27.10. Seneca II — Der Ort macht es nicht

  5. Do 29.10. Boethius — Trost im Kerker von Pavia ← du bist hier

  6. Sa 31.10. Buddha, Laotse, Marc Aurel — Weisheit aus Ost und West

  7. Mo 2.11. Die Bibel — Gefangene, die nicht vergessen wurden

  8. Mi 4.11. Stimmen aus der Haft — von Bonhoeffer bis Havel

Schreib ihm. Nur Briefe und Postkarten kommen durch: Dr. Reiner Fuellmich, JVA Lingen, Haupthaus 3, Kaiserstraße 5, D-49809 Lingen, Deutschland (Stand: 10.10.2026, vor jeder Folge geprüft). Was du beachten solltest, steht in Teil 1.

Heb dir diese Serie auf. Wenn du einmal einem anderen Menschen in Haft beistehen willst, findest du hier fertigen Lesestoff zum Abschreiben. Für Briefe an Gefangene darfst du daraus frei abschreiben, ohne Quellenangabe.


Das Buchgeschenk für Stammleser

Diese Serie ist und bleibt frei. Wenn du sie als Stammleser trägst, bekommst du obendrein jeden Monat ein Buch geschenkt. Gerade ist es Dr. Heinrich Oidtmann, „Weshalb ich meine Kinder nicht habe impfen lassen“ (1877).

Warum das hierher passt:

Am 22. Oktober 1877 stand der Landarzt Heinrich Oidtmann aus Linnich bei Aachen vor dem Polizeigericht. Er hatte seine eigenen Kinder nicht impfen lassen, wie es das Reichsimpfgesetz von 1874 vorschrieb — und wurde verurteilt. Er schrieb dazu:

Mein Fall ist wohl der erste, daß ein Arzt, und dazu ein Impfarzt, […] vor die Schranken des Gerichtes gezogen wurde, um sich wegen seines passiven Widerstandes gegen das Reichsimpfgesetz […] verurtheilen zu hören.

Seine Verteidigungsschrift ist dieses Buch. Damals stand ein Impfgegner vor Gericht. Heute sitzt wieder einer in Haft. Offiziell wegen Untreue: Er soll Spenden für den Corona-Ausschuss auf eigene Konten überwiesen haben. Der Staat sagt, er schütze damit die Spender. Ich sehe es anders: Die Spender haben ihm das Geld gegeben, damit er kämpft — und die Haft sorgt dafür, dass er genau das nicht kann. Wer ist hier der Heuchler? Das Drehbuch ist fast 150 Jahre alt.

Oidtmann: Weshalb ich meine Kinder nicht habe impfen lassen

Stammleser bekommen dieses Buch unten gratis — mit einem Code, der bis Freitag, 20. November 2026, den Preis im Shop auf null setzt. Wenn du noch kein Stammleser bist: Ein Monatsabo kostet weniger als ein Buch, und etwa alle vier Wochen kommt ein neues dazu. Und wenn du es einfach kaufen willst (PDF, CHF 14.90): ingag.de/oidtmann


Die Naturheilkunde-KI

Neben dem Schreiben baue ich eine KI, die Gesundheitsfragen aus den Standardwerken der Erfahrungsheilkunde beantwortet — Jahrhunderte gesammelter und an Patienten geprüfter Erfahrung, mit Quellenangabe zu jedem Punkt. Die erste Frage ist kostenlos: start.naturheilung.org

Zurzeit arbeite ich an einem Werkzeug für Arztpraxen: Es ersetzt in ganzen Patientenakten Namen, Geburtsdaten, Adressen und Nummern durch Platzhalter. So kann ein Arzt die Akte einem KI-Agenten übergeben und mit ihm den Fall durchsprechen, ohne preiszugeben, wer der Patient ist. Für den Beta-Test habe ich noch Plätze frei — wenn du Ärztin oder Arzt bist und dabei sein willst, antworte einfach auf diese Mail oder schreib an mail@andreas-gross.ch. Bitte schick dabei noch keine Patientendaten mit.

Deine Erfahrungen und Fragen zur KI kannst du im Telegram-Chat mit anderen Nutzern teilen: t.me/naturheilung_org


Der öffentliche Teil dieses Artikels steht unter der Lizenz CC BY 4.0 (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de): Du darfst ihn teilen, kürzen und übersetzen — nenne dabei Andreas Groß als Autor und verlinke das Original.

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