Andreas M. B. Groß

✉ Reiner Füllmich in Lingen — warum dein Brief in die Zelle zählt

Teil eins der achtteiligen Serie zur Solidarität mit Reiner Füllmich: die Lage in Lingen und ein erster Brief.

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Andreas M. B. Groß
Okt. 21, 2026
∙ Bezahlt
✉ Reiner Füllmich in Lingen — warum dein Brief in die Zelle zählt

Nach dieser Serie hast du zweierlei in der Hand. Du weißt, warum ein Brief an einen politischen Gefangenen mehr bewirkt als jeder Klick. Und du hast acht Folgen voller Lesestoff, den du abschreiben und in einen Umschlag stecken kannst — für Reiner Füllmich und später für jeden anderen Menschen, der hinter Mauern sitzt.

Reiner Füllmich ist der Anwalt, der ab 2020 mit dem Corona-Ausschuss die Corona-Maßnahmen öffentlich hinterfragte. Seit Oktober 2023 sitzt er in Haft. Am 15. Oktober habe ich den Bericht des Journalisten Hans Tolzin über Füllmichs jüngste Verlegung gelesen. Er hat mich aufgewühlt. Noch am selben Tag habe ich angefangen, Füllmich zu schreiben — keine Klagen über die Justiz, keine Neuigkeiten, sondern Trost: Epiktet, Seneca, Boethius, die Bibel, Bonhoeffer. Meine KI hat mir geholfen, die Texte zusammenzutragen. Aus zwei Briefen und drei Beilagen sind gut 14.000 Wörter geworden. Die bekommst du jetzt, Stück für Stück, alle zwei Tage eins.

Was in Lingen geschieht

Am Morgen des 8. Oktober 2026 telefonierte Reiner Füllmich in der JVA Bremervörde gerade mit einem Journalisten. Beamte unterbrachen das Gespräch: Er werde verlegt, jetzt sofort — in eine andere Justizvollzugsanstalt (JVA), also ein anderes Gefängnis. Nach Angaben seiner Verteidigung blieben ihm fünf Minuten zum Packen. Dann ging es in Handfesseln rund sieben Stunden lang in die JVA Lingen an der niederländischen Grenze. Als Grund nannte man ihm nach Angaben seines Teams „Belegungsausgleich", also das Verteilen von Gefangenen auf freie Plätze. Öffentlich erklärt hat die Verlegung bis heute keine Behörde [Quellen: Hans Tolzin — Ein letzter Versuch, um Dr. Reiner Fuellmich zu brechen?, 15.10.2026, AXION Resist, 14.10.2026, Dr. Reiner Fuellmich — Déjà Vu, 09.10.2026].

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Füllmich hat zwei Drittel seiner Strafe verbüßt. Nach deutschem Recht kann ein Gericht dann prüfen, ob der Rest zur Bewährung ausgesetzt wird. Genau diese Prüfung lief gerade. Hans Tolzin fürchtet, dass nun ein anderer Richter zuständig wird und sich erst einarbeiten muss [Quelle: Hans Tolzin, 15.10.2026]. Die Unterstützer von AXION Resist halten dagegen: Nach dem Gesetz bleibt das Gericht zuständig, das die Sache schon prüft — die Verlegung dürfe die Entscheidung nicht verzögern [Quelle: AXION Resist, 14.10.2026]. Ob sie es trotzdem tut, wird sich zeigen.

Was er selbst, seine Anwältin Katja Wörmer und seine Unterstützer über Lingen berichten:

  • eine Aufnahmezelle im Halbsouterrain, feucht und schimmlig, mit nur einem Lichtschacht

  • das Licht muss ständig brennen

  • seine Kleidung und seine Verfahrensakten blieben in Bremervörde zurück

  • starke Kopfschmerzen und Bluthochdruck

  • eine ärztliche Untersuchung sei ihm bisher verweigert worden

Aus der Anstalt heißt es nach Tolzins Bericht, im Keller gebe es keine Zellen. Das muss sich nicht widersprechen: Ein Halbsouterrain ist kein Keller. Eine andere Anwältin Füllmichs wollte sich die Zelle selbst ansehen. Die Anstaltsleitung ließ sie nicht hinein. Unabhängig bestätigt ist also nichts — alle Angaben über die Zelle stammen von Füllmichs Seite [Quellen: Hans Tolzin, 15.10.2026, AXION Resist, 14.10.2026].

Schon in Bremervörde starb seine Mutter. An ihrer Beerdigung durfte er nicht teilnehmen [Quelle: ebenda].

Worum es hier nicht geht

Diese Serie verhandelt nicht sein Urteil neu. Das Landgericht Göttingen hat Füllmich 2025 wegen Untreue zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt: Er soll 700.000 Euro aus Spenden für den Corona-Ausschuss auf eigene Konten überwiesen haben. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil im März 2026 im Wesentlichen bestätigt, es ist rechtskräftig [Quelle: LTO, 27.08.2026]. Darüber kann man streiten, und viele tun es.

Hier geht es um etwas anderes: wie man einen Menschen behandelt, den man eingesperrt hat. Und darum, was du tun kannst, damit er durchhält.

Warum ein Brief mehr bewirkt, als du denkst

Fred Bauma, ein Bürgerrechtler aus dem Kongo, saß 17 Monate in Haft. Amnesty International rief damals zu Briefen für ihn auf. Später erzählte er:

Die Sicherheitskräfte im ersten Gefängnis haben sich irgendwann gewundert und mich gefragt: Wer bist du? Wieso reden so viele Menschen über dich? Ich glaube auch, dass diese Öffentlichkeit sie von bestimmten Schikanen abgehalten hat. […] Denn ich wusste, ich bin nicht allein.

[Quelle: Amnesty International Deutschland — „Ich wusste, ich bin nicht allein", 16.12.2016]

Ales Bialiatski, der weißrussische Menschenrechtler und spätere Friedensnobelpreisträger, bekam in knapp drei Jahren Haft rund 40.000 Briefe:

Der Wert dieser Briefe ist im Gefängnis viel größer als in Freiheit. Wenn ich sie bekam, war ich sehr, sehr glücklich — ich habe mir jeden einzelnen angesehen. Den größten Eindruck haben die Briefe und Zeichnungen von Schulkindern auf mich gemacht.

[Quelle: Amnesty International — Wire, 2014, englisch]

Amnesty zählt seit 2001 über 56 Millionen Briefe und Appelle in seinen Briefkampagnen. Bei über hundert Menschen, für die geschrieben wurde, ging der Fall danach gut aus [Quelle: Amnesty International — Your words can change people's lives, 2024].

Ein Brief wirkt also auf drei Ebenen:

  1. Beim Gefangenen. Er erfährt jeden Tag aufs Neue: Ich bin nicht vergessen. Das ist in einer Zelle, in der ein Tag dem anderen gleicht, der Unterschied zwischen Aufgeben und Durchhalten.

  2. Bei der Anstalt. Jeder Brief geht durch die Hände der Bediensteten. Ein Stapel Post zeigt ihnen: Draußen schauen viele Menschen hin. Das ändert, wie man mit einem Gefangenen umgeht.

  3. Beim Absender. Wer schreibt, bleibt nicht Zuschauer. Du tust etwas, das in deiner Macht steht — mehr verlangt niemand von dir.

Gute Worte statt Alarm

Füllmichs Team hat am 17. Oktober eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin bittet es alle, die ihm Gutes wollen, um die Kraft guter Worte und Bilder — statt um Sensation und Dramatik [Quelle: Dr. Reiner Fuellmich — Press Release, 17.10.2026].

Genau das wollen meine Briefe sein. Sie bringen keine Nachrichten aus der Welt und keine Empörung über die Justiz. Sie bringen Lesestoff: Texte, die Menschen in ähnlicher Lage seit zweitausend Jahren durch lange Nächte getragen haben.

Denn Bücher kommen zu ihm nicht durch. Pakete auch nicht. Nur Briefe und Postkarten [Quelle: Dr. Reiner Fuellmich — Déjà Vu, 09.10.2026]. Wer ihm Seneca schenken will, muss Seneca abschreiben.

So schreibst du ihm

Die Anschrift, wie sie sein Team veröffentlicht hat (Stand: 10. Oktober 2026 — er wurde schon mehrfach ohne Ankündigung verlegt, ich prüfe sie vor jeder Folge):

Dr. Reiner Fuellmich
JVA Lingen
Haupthaus 3
Kaiserstraße 5
D-49809 Lingen
Deutschland

[Quelle: Dr. Reiner Fuellmich — Reiner's First Phone Call With Inka, 10.10.2026]

Ein paar Dinge, die ich beim Schreiben gelernt habe:

  • Die Anstalt liest mit. Schreib nichts über sein Verfahren, nichts über Geld, keine Wut auf Richter oder Beamte. Alles, was ihm schaden könnte, landet in seiner Akte.

  • Schreib nichts über die Haftbedingungen ab. Briefe mit Darstellungen der Anstaltsverhältnisse, die die Anstalt für falsch hält, darf sie anhalten. Dann kommt dein ganzer Brief nicht an.

  • Nur Papier. Leg nichts bei, schreib die Zitate in deinen Brief, statt Buchseiten zu kopieren. Und setz deinen Absender auf Umschlag und Brief.

  • Ermutige, statt zu klagen. Er hat genug eigene Sorgen. Ein Gedanke, an dem er sich festhalten kann, ist mehr wert als jede Empörung.

  • Erwarte keine Antwort. Er bekommt mehr Post, als ein Mensch beantworten kann, und jede Briefmarke zahlt er selbst. Sag ihm ausdrücklich, dass er nicht antworten muss.

  • Grüß auch die Bediensteten. Sie lesen den Brief vor ihm. Ein freundliches Wort an sie kostet nichts und kann viel bewirken. Wie das geht, siehst du unten in meinem Brief.

  • Schreib ab, was dich trägt. Ein Brief mit zwei Seiten Seneca ist ein Buch, das durch die Kontrolle kommt.

Heb dir diese Serie auf

Füllmich ist nicht der einzige Mensch, der hinter Mauern sitzt und Zuspruch braucht. Vielleicht sitzt eines Tages jemand aus deinem eigenen Umfeld in Haft. Dann musst du nicht von vorn suchen.

Diese acht Folgen sind ein Vorrat: aufbauende Texte aus Philosophie, Bibel und Dichtung, sortiert nach Autoren, fertig zum Abschreiben. Speichere sie, druck sie aus, leg sie dir in einen Ordner.

Und du darfst daraus frei abschreiben. Für einen Brief an einen Gefangenen brauchst du keine Quellenangabe und keine Erlaubnis.

Mein erster Brief

Hier ist der Brief, den ich Reiner Füllmich am 20. Oktober geschrieben habe, wortgleich. Die Lektüre-Beilagen dazu findest du in den Teilen 2 bis 8, nach Autoren geordnet.


Morgarten, 20. Oktober 2026

Ein Gruß aus Morgarten — und gute Gesellschaft

Lieber Herr Dr. Füllmich,

ich habe von Ihrer Verlegung nach Lingen gelesen. Dieser Brief will nichts von Ihnen: keine Antwort, keine Stellungnahme, keine Arbeit. Er soll Ihnen nur eines sagen — Sie sind nicht vergessen. Draußen wird Ihr Name genannt, Ihre Statements werden gelesen, auch hier bei mir in der Innerschweiz, und jeder neue Ort, an dem Sie sitzen, wird binnen Tagen bekannt und von vielen Menschen angeschrieben.

Ich schreibe Ihnen aus Morgarten. In wenigen Wochen, am 15. November, jährt sich zum 711. Mal der Tag, an dem hier am Ägerisee eine Handvoll Bauern aus den Waldstätten für ihre alten Rechte eingestanden ist. Wer an diesem Ort wohnt, lernt etwas, das man in keinem Lehrbuch so deutlich sieht: Freiheit hat ein langes Gedächtnis. Was Menschen für das Recht getan haben, wird noch Jahrhunderte später erzählt. Die Namen derer, die es ihnen schwer gemacht haben, kennt kaum jemand mehr. Ich möchte Ihnen in diesem Brief einige Menschen vor Augen stellen, in deren Gesellschaft Sie sich gerade befinden. Es ist keine schlechte.

Die Zelle als Schreibstube der Weltgeschichte

Erstaunlich viel von dem, was die Menschheit bis heute liest, ist hinter Mauern entstanden. Der Apostel Paulus schrieb seinen Brief an die Philipper in Gefangenschaft — und gerade dieser Brief ist der fröhlichste von allen. Das Wort „Freude" zieht sich durch jedes Kapitel. Und er schreibt einen Satz, der auf Sie passt, als wäre er für Sie geschrieben: „Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten … und die meisten Brüder und Schwestern in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu." (Philipper 1,12.14) Genau das sehe ich draußen: Ihre Haft hat niemanden zum Schweigen gebracht. Sie hat viele mutiger gemacht.

Boethius, der gelehrteste Mann seiner Zeit, römischer Senator und Staatsbeamter, schrieb um das Jahr 524 in seiner Haft in Pavia ein Buch mit dem Titel Der Trost der Philosophie. Darin tritt ihm die Philosophie als Frau entgegen und fragt ihn: „Was sucht ihr Sterblichen draußen das Glück, das doch in euch selbst liegt?" Das Buch wurde tausend Jahre lang an jeder Schule Europas gelesen. Die Namen seiner Ankläger kennt heute kaum noch jemand.

Martin Luther saß ab Mai 1521 auf der Wartburg fest, abgeschnitten von allem, unter falschem Namen. Er nutzte die Monate und übersetzte in rund elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Die Sprache, in der ich Ihnen diesen Brief schreibe, verdankt dieser erzwungenen Abgeschiedenheit mehr als jedem Hörsaal.

John Bunyan saß zwölf Jahre im Gefängnis von Bedford, weil er ohne Erlaubnis gepredigt hatte. Dort entstand der Anfang der Pilgerreise, nach der Bibel über Generationen das meistgelesene Buch der englischsprachigen Welt. Miguel de Cervantes sagt im Vorwort zum Don Quijote selbst, das Buch sei in einem Gefängnis ersonnen worden.

Drei Juristen

Hugo Grotius, der große niederländische Rechtsgelehrte, wurde 1619 aus politischen Gründen zu lebenslanger Haft verurteilt und auf Schloss Loevestein gesetzt. Er klagte nicht, er arbeitete: Er schrieb dort seine Einführung in das holländische Recht. Sechs Jahre später erschien sein Hauptwerk Vom Recht des Krieges und des Friedens. Heute nennt ihn die Welt den Vater des Völkerrechts, und auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt Delft steht sein Denkmal. Sein Wahlspruch war Ruit hora — die Stunde eilt. Auch die Ihre eilt, Herr Dr. Füllmich, selbst wenn es sich von innen anders anfühlt.

Mohandas Gandhi war Rechtsanwalt, in London ausgebildet. Er verbrachte zusammengerechnet mehrere Jahre in Gefängnissen und nutzte sie zum Lesen, Schreiben und Nachdenken. Er hat seine Haft nie als Niederlage behandelt, sondern als Teil seines Weges.

Nelson Mandela war ebenfalls Rechtsanwalt — er hatte mit Oliver Tambo die erste Kanzlei schwarzer Anwälte in Johannesburg gegründet. Er verbrachte 27 Jahre in Haft, kam 1990 frei und wurde vier Jahre später Präsident seines Landes. Er ist nicht verbittert herausgekommen, sondern versöhnlich — und gerade das hat ihn groß gemacht. Drei Juristen, drei Haftzeiten, und in allen drei Fällen hat die Geschichte am Ende anders geurteilt als das Gericht ihrer Zeit.

Was man nicht einsperren kann

Epiktet, der stoische Lehrer, war selbst als Sklave geboren und hinkte zeitlebens. Ihm verdanken wir einen der stärksten Sätze, die je über Gefangenschaft gesagt worden sind: „Fesseln willst du mich? Mein Bein wirst du fesseln — meinen Willen aber kann nicht einmal Zeus bezwingen." Er unterschied sein ganzes Leben lang streng zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht in unserer Macht steht. Mauern, Verlegungen, Fristen und Richterwechsel stehen nicht in Ihrer Macht. Wie Sie jeden einzelnen Tag dort bestehen, mit welchem Gedanken Sie aufwachen und mit welchem Sie einschlafen — das gehört Ihnen allein, und das kann Ihnen niemand nehmen.

Sokrates hatte, als er im Gefängnis saß, die Möglichkeit zur Flucht. Sein Freund Kriton hatte alles vorbereitet. Sokrates lehnte ab, weil er sein Leben lang die Gesetze geachtet hatte und das nicht ausgerechnet in der Stunde aufgeben wollte, in der es ihn etwas kostete. Daran denke ich, wenn ich an Sie denke: an einen Mann des Rechts, der sich auch dann auf das Recht beruft, wenn es ihm gerade schwer gemacht wird — der sein Verfahren betreibt und auf den Rechtsweg vertraut. Das ist keine Schwäche. Es ist die würdigste Form des Widerstands, die es gibt.

Joseph

Die älteste Gefängnisgeschichte, die ich kenne, steht im ersten Buch Mose. Joseph wird von den eigenen Brüdern verkauft, kommt in Ägypten auf eine falsche Beschuldigung hin ins Gefängnis und wird dort vergessen — der Mundschenk, dem er geholfen hat, denkt zwei volle Jahre nicht mehr an ihn. Und dann ändert sich an einem einzigen Tag alles: Er wird gerufen, er wird gebraucht, er steht am Ende an der Seite des Pharao und rettet ein ganzes Land vor dem Hunger. Als er seinen Brüdern später gegenübersteht, sagt er den Satz, der für mich zu den größten der Bibel gehört: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen." (1. Mose 50,20)

Ich weiß nicht, wozu Ihre Zeit dort einmal gut gewesen sein wird. Aber ich habe in meinem eigenen Leben oft genug gesehen, dass die schwersten Strecken im Rückblick die waren, auf denen das Wichtigste entstanden ist.

Ein Wort an die, die diesen Brief vor Ihnen lesen

Ich weiß, dass dieser Brief durch andere Hände geht, bevor er Sie erreicht. Das ist mir recht, und ich möchte die Gelegenheit nutzen. Den Bediensteten der Anstalt, die ihn lesen: Ich grüße Sie ebenso herzlich. Sie tun eine schwere Arbeit, die selten jemand würdigt. Der Mann, dem Sie diesen Brief gleich weiterreichen, ist ein international bekannter Jurist und Ehemann, und er hat in seinem Leben vielen Menschen beigestanden. Viele Menschen in Deutschland, in der Schweiz und weit darüber hinaus nehmen Anteil daran, wie es ihm geht. Ich habe gelesen, dass ihm Kopfschmerzen und der Blutdruck zu schaffen machen, und ich vertraue darauf, dass er bei Ihnen die ärztliche Hilfe bekommt, die jedem Menschen zusteht. Dafür danke ich Ihnen im Voraus.

Epiktet hat übrigens nicht nur für Gefangene geschrieben, sondern ebenso für die, die Macht über andere haben: Auch sie, sagt er, sind nur für das verantwortlich, was in ihrer Macht steht — dort aber ganz. Ein freundliches Wort, eine Decke mehr, ein Arztbesuch, der nicht aufgeschoben wird: Das liegt oft in genau Ihrer Hand, und es wird nicht vergessen.

Zum Schluss

Lieber Herr Dr. Füllmich, Sie müssen auf diesen Brief nicht antworten. Sie bekommen jeden Tag mehr Post, als ein Mensch beantworten kann, und meine Fragen vom Sommer haben Zeit — sie laufen nicht weg. Nehmen Sie diesen Brief einfach als das, was er ist: eine Hand auf der Schulter. Weil Bücher zu Ihnen nicht durchkommen, Briefe aber schon, habe ich Ihnen drei Seiten aus Epiktet, Seneca und Boethius abgeschrieben — als Lektüre für die langen Abende. Wenn Sie mehr davon mögen, genügt ein Wort über Ihre Anwältin.

Im Hebräerbrief steht: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene." (Hebräer 13,3) Das tun hier viele. Und Jesus zählt unter den Taten, an denen am Ende gemessen wird, ausdrücklich diese: „Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen." (Matthäus 25,36) Wer Ihnen schreibt, kommt auf seine Weise zu Ihnen.

Zuletzt die Verse, die Dietrich Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1944/45 in seiner Berliner Zelle für seine Familie geschrieben hat. Sie werden heute in fast jeder Kirche gesungen, und ich gebe sie Ihnen mit:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen\

Halten Sie durch. Draußen wird an Sie gedacht — heute, morgen und an jedem neuen Tag.

Herzliche Grüße aus Morgarten

Andreas M. B. Groß

Die Lektüre-Beilagen zu diesem Brief findest du in den Teilen 2 bis 8 dieser Serie.

Übermorgen geht es weiter mit Epiktet, dem Sklaven, dessen Willen nicht einmal Zeus bezwingen konnte. Bis dahin: Nimm ein Blatt Papier und schreib Reiner Füllmich ein paar Zeilen. Heute.


Die Serie ✉ Solidarität mit Reiner Füllmich

  1. Mi 21.10. Reiner Füllmich in Lingen — warum dein Brief in die Zelle zählt ← du bist hier

  2. Fr 23.10. Epiktet — „Mein Bein wirst du fesseln“

  3. So 25.10. Seneca I — Briefe an einen Freund in Sorge

  4. Di 27.10. Seneca II — Der Ort macht es nicht

  5. Do 29.10. Boethius — Trost im Kerker von Pavia

  6. Sa 31.10. Buddha, Laotse, Marc Aurel — Weisheit aus Ost und West

  7. Mo 2.11. Die Bibel — Gefangene, die nicht vergessen wurden

  8. Mi 4.11. Stimmen aus der Haft — von Bonhoeffer bis Havel

Schreib ihm. Die Anschrift und was du beachten solltest, stehen oben.

Heb dir diese Serie auf. Wenn du einmal einem anderen Menschen in Haft beistehen willst, findest du hier fertigen Lesestoff zum Abschreiben. Für Briefe an Gefangene darfst du daraus frei abschreiben, ohne Quellenangabe.


Zwei Buchgeschenke für Stammleser

Diese Serie ist und bleibt frei. Wenn du sie als Stammleser trägst, bekommst du obendrein jeden Monat ein Buch geschenkt — und gerade überschneiden sich zwei. Wer jetzt einsteigt, bekommt beide.

1. Dr. Eugen Bilfinger, „Impfzwang – Eine ernste Volksgefahr“ (1909) — noch bis Mittwoch, 28. Oktober 2026. Reiner Füllmich hat ab 2020 mit dem Corona-Ausschuss öffentlich gefragt, mit welchem Recht der Staat Menschen zu Maßnahmen und zur Impfung drängt. Bilfinger, Sanitätsrat und Naturarzt, stellte dieselbe Frage hundert Jahre früher — dreißig Jahre lang, gegen die Impfpflicht seiner Zeit — und dokumentierte, wie Ärzte und Behörden jeden Einwand dagegen abtaten.

Bilfinger: Impfzwang – Eine ernste Volksgefahr

2. Dr. Heinrich Oidtmann, „Weshalb ich meine Kinder nicht habe impfen lassen“ (1877) — neu, bis Freitag, 20. November 2026. Warum es hierher passt:

Am 22. Oktober 1877 stand der Landarzt Heinrich Oidtmann aus Linnich bei Aachen vor dem Polizeigericht. Er hatte seine eigenen Kinder nicht impfen lassen, wie es das Reichsimpfgesetz von 1874 vorschrieb — und wurde verurteilt. Er schrieb dazu:

Mein Fall ist wohl der erste, daß ein Arzt, und dazu ein Impfarzt, […] vor die Schranken des Gerichtes gezogen wurde, um sich wegen seines passiven Widerstandes gegen das Reichsimpfgesetz […] verurtheilen zu hören.

Seine Verteidigungsschrift ist dieses Buch. Damals stand ein Impfgegner vor Gericht. Heute sitzt wieder einer in Haft. Offiziell wegen Untreue: Er soll Spenden für den Corona-Ausschuss auf eigene Konten überwiesen haben. Der Staat sagt, er schütze damit die Spender. Ich sehe es anders: Die Spender haben ihm das Geld gegeben, damit er kämpft — und die Haft sorgt dafür, dass er genau das nicht kann. Wer ist hier der Heuchler? Das Drehbuch ist fast 150 Jahre alt.

Oidtmann: Weshalb ich meine Kinder nicht habe impfen lassen

Stammleser bekommen beide Bücher unten gratis — mit je einem Code, der den Preis im Shop auf null setzt. Wenn du noch kein Stammleser bist: Ein Monatsabo kostet weniger als ein Buch, und etwa alle vier Wochen kommt ein neues dazu. Und wenn du sie einfach kaufen willst (je PDF, CHF 14.90): ingag.de/impfzwang und ingag.de/oidtmann


Die Naturheilkunde-KI

Neben dem Schreiben baue ich eine KI, die Gesundheitsfragen aus den Standardwerken der Erfahrungsheilkunde beantwortet — Jahrhunderte gesammelter und an Patienten geprüfter Erfahrung, mit Quellenangabe zu jedem Punkt. Die erste Frage ist kostenlos: start.naturheilung.org

Zurzeit arbeite ich an einem Werkzeug für Arztpraxen: Es ersetzt in ganzen Patientenakten Namen, Geburtsdaten, Adressen und Nummern durch Platzhalter. So kann ein Arzt die Akte einem KI-Agenten übergeben und mit ihm den Fall durchsprechen, ohne preiszugeben, wer der Patient ist. Für den Beta-Test habe ich noch Plätze frei — wenn du Ärztin oder Arzt bist und dabei sein willst, antworte einfach auf diese Mail oder schreib an mail@andreas-gross.ch. Bitte schick dabei noch keine Patientendaten mit.

Deine Erfahrungen und Fragen zur KI kannst du im Telegram-Chat mit anderen Nutzern teilen: t.me/naturheilung_org


Der öffentliche Teil dieses Artikels steht unter der Lizenz CC BY 4.0 (creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de): Du darfst ihn teilen, kürzen und übersetzen — nenne dabei Andreas Groß als Autor und verlinke das Original.

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