Wenn du in den letzten Jahren beim Arzt warst, kennst du den Ablauf. Es wird gemessen. Eine Zahl kommt heraus. Die Zahl wird mit einer anderen Zahl verglichen, die in einer Leitlinie steht. Und wenn deine Zahl auf der falschen Seite liegt, bekommst du etwas, das sie auf die richtige Seite schieben soll.
Beim nächsten Termin ist die Zahl besser. Alle sind zufrieden. Du auch.
Und genau da liegt der Trick. Nicht die Krankheit ist behandelt worden. Die Zahl ist behandelt worden. Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied ist an manchen Stellen der Unterschied zwischen Leben und Tod.
Der Trick ist deshalb so wirksam, weil er an keiner Stelle wie ein Trick aussieht. Es wird nichts gefälscht. Die Studien sind echt, die Messgeräte messen richtig, die Ärzte meinen es ernst. Vertauscht wird nur eines: das Ziel. Behandelt wird nicht mehr der Mensch, sondern sein Stellvertreter im Laborbericht.
Und damit gleich der wichtigste Satz dieses Artikels: Das Verbrechen besteht nicht darin, dass jemand das Gesetz gebrochen hätte. Es besteht darin, dass er das Gesetz geschrieben hat. Was hier beschrieben wird, ist von der ersten bis zur letzten Stufe legal, geregelt und behördlich abgesegnet. Du wirst weiter unten den Gesetzestext im Wortlaut lesen. Genau darin liegt die Ungeheuerlichkeit — nicht in einem Regelbruch, sondern in der Regel selbst.
Wenn du diesen Artikel gelesen hast, weißt du sechs Dinge.
Erstens den Bauplan, nach dem seit Jahrzehnten Medikamente entwickelt, zugelassen und verkauft werden. Er hat fünf Schritte, und du wirst ihn danach überall wiedererkennen.
Zweitens die dreizehn lukrativsten Krankheitsfelder, auf denen er angewendet wird — mit dem Messwert, um den es dort jeweils geht.
Drittens den fünften Schritt, den kaum jemand kennt: dass man die Zielzahl einfach verschieben kann, wenn der Markt gesättigt ist. Über Nacht werden dann Millionen Gesunde als krank erklärt.
Viertens fünf Studien, in denen die Zahl mustergültig korrigiert wurde und es der “besser eingestellten” Gruppe trotzdem schlechter ging als der Vergleichsgruppe.
Fünftens drei Fragen, mit denen du bei deiner eigenen Verordnung prüfen kannst, was da eigentlich behandelt wird.
Und sechstens, warum dieser Bauplan gerade unsterblich gemacht wird: Er wurde in die KI einprogrammiert, die dir Heute als professionelle zweite Meinung dient.
Der Zaun, bevor es losgeht: Das ist keine Aufforderung, irgendetwas abzusetzen. Es ist keine Diagnose und kein Ersatz für eine Untersuchung. Und es ist ausdrücklich nicht die Behauptung, dass alle Medikamente nutzlos wären — es gibt Mittel, die nachweislich Leben retten, und einige davon senken dabei auch Werte. Es geht um etwas anderes: um den Unterschied zwischen einem Mittel, das dich gesünder macht, und einem Mittel, das deine Messwerte schöner macht ohne zu Gesundheit zu führen. Diese beiden werden systematisch verwechselt. Nach diesem Artikel verwechselst du sie nicht mehr.
Der Bauplan, Schritt für Schritt
Schritt eins: Man geht von der Angst aus, nicht von der Krankheit.
Gesucht wird nicht das größte Leid, sondern der größte Markt. Der ergibt sich aus drei Faktoren, die miteinander multipliziert werden: wie viele Menschen davor Angst haben, wie lange sie behandelt werden, und wie viel die Behandlung kostet. Eine Krankheit, die selten ist, schnell vorbeigeht oder mit einem Cent-Präparat behandelt wird, ist uninteressant — egal wie sehr sie quält.
Am marktgerechtesten ist eine Krankheit, die häufig ist, lebenslang behandelt wird und Angst macht. Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs machen Angst wie nichts sonst. Damit fängt man an.
Wie lohnend dieses Geschäft ist, zeigt eine einzige Zahl. Eine Untersuchung im Journal of the American Medical Association hat 35 große Pharmakonzerne über 19 Jahre mit 357 anderen Großkonzernen verglichen. Die Bruttomarge — was vom Verkaufspreis übrig bleibt, nachdem die Herstellung bezahlt ist — lag bei den Pharmafirmen im Mittel bei 76,5 Prozent, bei den übrigen Großkonzernen bei 37,4 Prozent. In diesen 19 Jahren häuften die 35 Firmen 11500 Milliarden Dollar Umsatz und 1900 Milliarden Dollar Reingewinn an [Quelle: Ledley et al., JAMA 2020 (PMID 32125401)].
Lies die 76,5 Prozent noch einmal langsam. Von dem, was du in der Apotheke bezahlst, ist im Schnitt weniger als ein Viertel die Herstellung. Der Rest ist Patent, Marketing, Verwaltung, Forschung, Steuer und Gewinn. Ein Medikament ist keine Ware wie ein Auto. Es ist ein Stück Papier — ein Patent —, dem eine Tablette beigelegt wird.
Bevor du jetzt an Wucher denkst: Eine solche Spanne hat jedes Gut, dessen Wert in der Entwicklung steckt und nicht im Material. Software liegt höher, Musik auch, ein Buch ebenfalls. Daran ist für sich genommen nichts anrüchig. Der Unterschied liegt woanders — und er ist der ganze Artikel in zwei Sätzen: Ein Buch musst du nicht kaufen, um zu überleben. Und niemand kann die Schwelle verschieben, ab der du es brauchst.
Schritt zwei: Man sucht einen Messwert, der mit dieser Krankheit zusammenhängt.
Nicht die Ursache — es genügt ein Zusammenhang. Zum Beispiel: Menschen mit hohem Blutdruck bekommen häufiger einen Schlaganfall. Menschen mit hohem Blutzucker bekommen häufiger Nierenschäden. Das stimmt beides. Es ist statistisch sauber, es ist in Bevölkerungsstudien tausendfach bestätigt, und es ist trotzdem etwas ganz anderes als die Aussage: Wenn man diesen Wert senkt, verschwindet die Gefahr.
Dieser Ersatzmesswert hat in der Fachsprache einen Namen. Er heißt Surrogatparameter — vom lateinischen surrogatum, der Ersatz. Ein Stellvertreter, der an die Stelle dessen tritt, worum es eigentlich geht. Merk dir das Wort. Es ist der Schlüssel zu allem Weiteren.
Schritt drei: Man setzt eine Zielzahl fest.
Unter 130. Unter 7 Prozent. Unter 100 Milligramm. Diese Zahl wird nicht in der Natur gefunden, sie wird in einem Ärztegremium mit Mehrheitsvotum beschlossen. Sie steht danach in einer Leitlinie, und ab diesem Moment hat sie die Kraft einer Naturkonstante. Wer darüber liegt, ist krank. Wer darunter liegt, ist gesund. Zwischen krank und gesund liegt manchmal ein einziges Milligramm pro Liter eines gemessenen Stoffes.
Schritt vier: Man entwickelt ein patentierbares Mittel, das diese Zahl bewegt.
Patentierbar ist die entscheidende Eigenschaft, nicht wirksam. Ein Stoff, der nicht geschützt werden kann, wird nicht entwickelt — nicht weil er nicht wirkt, sondern weil er nichts einbringt. Deshalb wird nach Molekülen gesucht, die neu genug sind für einen Patentanspruch, und nicht nach dem, was am besten hilft.
Dann folgt die teure Studie. Sie kostet dreistellige Millionenbeträge, sie ist doppelblind, sie ist methodisch sauber — und sie beantwortet nur die eine Frage: Bewegt dieses Mittel den Messwert?
Sie beantwortet nicht die Frage: Leben die Menschen dadurch länger, gesünder oder besser?
Schritt fünf: Auf dieser Grundlage kommt die Zulassung, und dann wird das Ergebnis zu Wissen.
Der Arzt bekommt es als Fortbildung. Als Leitlinie. Als Vertreterbesuch. Als Fachartikel, dessen Studie vom Hersteller bezahlt wurde. Was er im Studium gelernt hat — Anatomie, Biochemie, die Stoffwechselwege, das ganze Verständnis davon, wie ein Körper funktioniert —, ist in der Sprechstunde plötzlich nicht mehr die Grundlage seines Handelns. Die Grundlage ist eine Zuordnung: dieser Meßwert wird durch dieses Medikament beeinflusst, gemäß dieser Leitlinie an die er sich halten sollte.
Das ist kein Vorwurf an die Ärzte. Sie sind nicht die Konstrukteure dieses Bauplans, sie sind in ihn eingespannt. Wer sich an die Leitlinie hält und es geht schief, muss nichts erklären. Wer abweicht und es geht schief, muss begründen und dokumentieren — erlaubt ist das Abweichen, verboten war es nie, aber es kostet Zeit, Nerven und im Streitfall die Beweislast. So etwas nennt man einen Anreiz, und er wirkt.
Der Bruch zwischen dem, was ein Arzt lernt, und dem, was er tut
Und trotzdem ist damit noch nicht alles gesagt.
Halte dir einen Augenblick vor Augen, was ein Medizinstudium verlangt. Sechs Jahre. Gut zweihundert Knochen, jeder mit Namen, Fortsätzen und Gelenkflächen. Über sechshundert Muskeln — und in der Prüfung genügt der Name nicht: Ursprung, Ansatz, Funktion, welcher Nerv ihn versorgt, welche Arterie ihn ernährt. Dazu die Stoffwechselwege, auf denen aus einem Zuckermolekül über ein Dutzend Zwischenstufen Energie wird. Die Regelkreise der Hormone, in denen alles auf alles zurückwirkt. Die Pharmakologie: wie ein Stoff aufgenommen, verteilt, umgebaut und ausgeschieden wird, und an welchem Rezeptor er greift.
Das ist eines der härtesten Studien, die es gibt. Wer es besteht, trägt ein Modell des menschlichen Körpers im Kopf, wie es sonst kaum jemand hat.
Und dann kommt die Praxis.
Dort wird einfach gemessen: Blutdruck, Blutbild, EKG. Der Wert wird mit der Leitlinie verglichen. Das dazu passende Präparat wird verschrieben. Sechs Jahre Verständnis von Zusammenhängen münden in einen Vorgang, den im Grunde ein des Schreiben kundiger mit einer Tabelle erledigen könnte — und den, wie wir weiter unten sehen werden, inzwischen tatsächlich eine KI erledigt.
Der Grund dafür ist nicht Dummheit, sondern Zeit. Eine Auswertung von über 28 Millionen Arztbesuchen in 67 Ländern hat ergeben: In achtzehn Ländern, in denen etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, dauert der Besuch beim Hausarzt fünf Minuten oder weniger [Quelle: Irving et al., BMJ Open 2017 (PMID 29118053)]. In fünf Minuten kann niemand eine Ursache suchen. In fünf Minuten kann man messen, nachschlagen und verschreiben.
Und jetzt der zynische Teil, den man selten ausspricht: Diese Vereinfachung erleichtert das Leben des Arztes ungeheuer — und deshalb steigen viele gern darauf ein.
Wer nach dem Warum einer Krankheit suchen wollte, müsste zuhören, nachdenken, Umwege gehen, sich irren und noch einmal von vorn anfangen. Wer die Leitlinie befolgt, ist in vier Minuten fertig, ist rechtlich abgesichert und hat abends einen freien Kopf. Das ist menschlich, und niemand, der je unter Zeitdruck gearbeitet hat, sollte sich davon ausnehmen.
Nur wird an genau dieser Stelle aus einem Systemfehler eine Mitwirkung. Der Bauplan funktioniert nicht, weil Ärzte gezwungen werden. Er funktioniert, weil er ihnen etwas anbietet, das schwer auszuschlagen ist: die Erlaubnis, nicht mehr denken zu müssen, und die Sicherheit, dabei nichts falsch zu machen. Das ist der leiseste Teil dieser Korruption und wahrscheinlich der wirksamste — denn dafür muss kein Bestechungsgeld fließen.
Und noch etwas, weil du jetzt wahrscheinlich an deinen eigenen Arzt denkst: Dass er in diesem System arbeitet, macht ihn nicht zu deinem Gegner. Dein Vertrauen war nicht naiv — es war das einzig Vernünftige, solange dir niemand gesagt hat, wonach du überhaupt fragen kannst. Der beste Ausgang dieses Artikels ist nicht der Abschied vom Arzt. Es ist ein anderes Gespräch mit ihm.
Es gibt die anderen. Die Ärzte, die dieses Angebot ausschlagen, die nachfragen, die sich die Zeit nehmen, die sie nicht haben. Vielleicht kennst du einen. Sie haben es schwerer als ihre Kollegen, nicht leichter. Und sie sind auf Patienten angewiesen, die vorbereitet in die Sprechstunde kommen — dazu unten mehr.
Die dreizehn Felder, auf denen das läuft
Sortiert nach dem Maßstab aus Schritt eins — Häufigkeit mal Dauer mal Preis. Jedes Feld nach demselben Bauplan: Angst, Ersatzmesswert, Zielzahl, patentierte Klasse.
Ein Einwand vorweg, den dir jeder Arzt sofort entgegenhalten wird: Vieles davon kostet heute Pfennige. Ramipril, Simvastatin, Omeprazol sind längst patentfrei und spottbillig. Das stimmt — nur ist es kein Gegenbeweis, sondern das Ende des Zyklus. Verdient wurde in den zwanzig Patentjahren davor. Geblieben sind der Messwert, die Zielzahl und die lebenslange Verordnung. Und genau darauf setzt die nächste Generation auf.
1. Herzinfarkt und Schlaganfall. Messwert: Blutdruck. Zielzahl: unter 130 systolisch — das ist der obere der beiden Blutdruckwerte, der beim Herzschlag gemessen wird. Klasse: ACE-Hemmer, Sartane, Kalziumantagonisten, Diuretika. Das größte Feld überhaupt, weil nahezu jeder Mensch mit zunehmendem Alter zum Patient erklärt wird. Im Detail behandle ich dies in meiner Blutdruckserie:
🩸 Der Blutdruck, den alle senken wollen — Pharma-Profite auf Deine Kosten?
Erster Teil von vier. Jede neunte Erstfrage an unsere Naturheilkunde-KI (start.naturheilung.org) drehte sich um den Blutdruck.
2. Erhöhtes Cholesterin. Messwert: LDL-Cholesterin. Zielzahl: wandert immer weiter nach unten, bei „hohem Risiko” heute unter 55 Milligramm pro Deziliter. Klasse: Statine, inzwischen PCSK9-Hemmer. Lipitor ist das meistverkaufte Medikament der Menschheitsgeschichte. Beachte den Bau des Satzes: Die Krankheit, die verhindert werden soll, ist der Herzinfarkt. Das Ziel der Behandlung ist eine Zahl im Blutbild.
3. Diabetes Typ 2. Messwert: HbA1c, der Langzeit-Blutzucker — der Anteil des roten Blutfarbstoffs, an dem sich Zucker festgesetzt hat; er zeigt den Durchschnitt der letzten zwei bis drei Monate. Zielzahl: unter 7 oder 6,5 Prozent. Klasse: Sulfonylharnstoffe, dann Glitazone, dann Gliptine, dann SGLT2-Hemmer, dann GLP-1-Präparate. Fünf Patentgenerationen auf denselben Messwert — mit einer bemerkenswerten Wendung bei den beiden jüngsten: Sie mussten sich an Herztoten, Klinikeinweisungen und Dialysen messen lassen, und dort haben sie geliefert [Quellen: Zinman et al., NEJM 2015 (PMID 26378978), Marso et al., NEJM 2016 (PMID 27295427)]. Das zeigt zweierlei. Erstens: Es geht. Zweitens: Bei den drei Generationen davor hat es dreißig Jahre lang niemand verlangt.
4. Krebs. Messwert: Tumorgröße im Bild und progressionsfreies Überleben — die Zeit, bis der Tumor wieder wächst. Nicht: wie lange der Mensch lebt. Dazu weiter unten mehr, denn hier wird es besonders deutlich.
5. Übergewicht. Messwert: BMI — der Body-Mass-Index. Klasse: GLP-1-Abnehmspritzen. Der am schnellsten wachsende Markt überhaupt. Hier hat man den Messwert gleich zur Krankheit erklärt — der BMI ist eine Rechenformel aus dem 19. Jahrhundert, und er entscheidet heute über Diagnosen. Der BMI ignoriert: es gibt schwerkranke Magere und sportliche, top fitte stark Übergewichtige.
6. Autoimmunerkrankungen — Rheuma, Schuppenflechte, chronische Darmentzündung. Messwerte: Entzündungswert CRP, Gelenk-Punktwerte, Haut-Punktwerte. Klasse: TNF-Blocker und Antikörper. Humira war jahrelang das umsatzstärkste Einzelmedikament der Welt. Fünfstellige Kosten pro Patient und Jahr, Anwendungsdauer: lebenslang.
7. Vorhofflimmern und Thrombose. Hier liegt der Fall anders, und das gehört dazu: Der Gerinnungswert INR war der Ersatzmesswert des alten, billigen Marcumar. Die neuen Gerinnungshemmer brauchen ihn gar nicht mehr — und sie wurden an Schlaganfällen und Blutungen gemessen, nicht an einem Laborwert [Quelle: Granger et al., New England Journal of Medicine 2011 (PMID 21870978)]. Was hier stattfand, war kein Ersatzwert-Trick, sondern ein Preissprung: ein bewährtes Mittel für Cent-Beträge wurde durch bequemere Nachfolger ersetzt, die ein Vielfaches kosten.
8. Depression und Angst. Hier gibt es keinen Laborwert — also hat man einen erfunden. Der Messwert ist ein Fragebogen-Punktwert, den der Arzt ausfüllt. Zielzahl: Halbierung des Punktwerts. Klasse: SSRI und Nachfolger. Ein Messinstrument, das von dem bedient wird, der weiß, was herauskommen soll.
9. Osteoporose. Messwert: Knochendichte, ausgedrückt als T-Wert. Klasse: Bisphosphonate. Der lehrreichste Fall von allen, weil hier die Krankheit am Messgerät entstanden ist — dazu gleich.
10. Asthma und COPD (die chronische Raucherlunge). Messwert: Einsekundenkapazität — die Luftmenge, die du in der ersten Sekunde ausatmen kannst. Klasse: Kortison-Sprays, Beta-Mimetika, jetzt Antikörper. Nebenbei: Selbst wenn der Wirkstoff patentfrei wird, bleibt der Inhalator geschützt.
11. Demenz. Messwert: Amyloid-Ablagerungen im Hirnscan. Klasse: Amyloid-Antikörper. Der jüngste und dreisteste Fall — auch dazu gleich.
12. Magensäure und Reflux. Messwert: Säuregrad. Klasse: Protonenpumpenhemmer. Millionenfach über Jahre verordnet für eine Indikation, die auf wenige Wochen ausgelegt war.
13. Schilddrüsenunterfunktion. Messwert: TSH — und zwar der Steuerwert aus der Hirnanhangdrüse, nicht das aktive Hormon selbst. Ein Regelwert wird behandelt, als wäre er das Ergebnis. TSH ist die Stellung des Thermostats, nicht die Temperatur im Zimmer. Behandelt wird der Thermostat. In Deutschland ist Levothyroxin eines der meistverordneten Präparate überhaupt.
Knapp dahinter, nach demselben Muster: Harnsäure bei Gicht, Nierenwert bei Niereninsuffizienz, Fragebogen-Punktwert bei ADHS.
Fällt dir auf, was all diese Felder gemeinsam haben? In keinem einzigen davon spürt der Patient den Messwert. Niemand fühlt seinen LDL-Wert. Niemand fühlt seinen T-Wert. Niemand fühlt seine Amyloid-Last. Der Messwert ist unsichtbar, unfühlbar, und ausschließlich über ein Gerät oder ein Labor zugänglich — also über jemanden, der dir sagen muss, wie es um dich steht.
Wie weit so ein Messwert danebenliegen kann: der BMI
Nimm den BMI, weil ihn jeder kennt und jeder für harmlos hält. Er ist Gewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat, mehr nicht. Erfunden hat ihn um 1832 ein belgischer Astronom und Statistiker, der den Durchschnittsmenschen beschreiben wollte — eine Rechengröße für Bevölkerungen, ausdrücklich nicht für den einzelnen Menschen vor dir. Den Namen „Body-Mass-Index” bekam die Formel erst 1972, in einer Arbeit, die Gewichtsmaße für epidemiologische Studien verglich [Quelle: Keys et al., Journal of Chronic Diseases 1972 (PMID 4650929)].
Die Formel weiß nichts von Muskeln. Sie weiß nichts von Bauchfett. Sie weiß nichts davon, ob und wie du dich bewegst, was dein Blutdruck macht, wie dein Zucker steht. Ein muskulöser Gewichtheber landet bei „fettleibig”, ein bewegungsloser Mensch mit dürren Armen und weichem Bauch bei „normal”. Absurd.
Und das ist nachgezählt worden. Eine Auswertung von 5440 Amerikanern hat Gewichtsklasse und Stoffwechsel nebeneinandergelegt:
23,5 Prozent der Normalgewichtigen waren stoffwechselkrank — erhöhter Druck, schlechte Zuckerwerte, Entzündungszeichen, Insulinresistenz (der Körper reagiert nicht mehr richtig auf sein eigenes Insulin und muss immer mehr davon herstellen). Bei schlanker Figur. Hochgerechnet rund 16 Millionen Menschen allein in den USA.
51,3 Prozent der Übergewichtigen waren dagegen stoffwechselgesund.
Und selbst von denen, die als fettleibig eingestuft waren, waren es noch 31,7 Prozent — zusammen rund 55 Millionen Menschen, die gemäss dem BMI krank sind und nach dem Befund nicht. Jeder Dritte “adipöse”!
[Quelle: Wildman et al., Archives of Internal Medicine 2008 (PMID 18695075)]
Dieselbe Zahl andersherum gelesen heißt: Zwei Drittel der Fettleibigen waren tatsächlich stoffwechselkrank. Der BMI liegt also nicht immer falsch, und das soll hier auch niemand behaupten. Er liegt bei jedem vierten Schlanken und bei jedem dritten Dicken falsch — und man sieht ihm nicht an, bei wem. Ein Maß, das in dieser Größenordnung danebengreift, ist ein Hinweis. Es ist keine Diagnose.
Noch deutlicher wird es, wenn man statt des Gewichts die Fitness misst. Eine Zusammenfassung von zehn Langzeitstudien kam zu diesem Ergebnis: Untrainierte hatten das doppelte Sterberisiko — unabhängig davon, was die Waage sagte. Übergewichtige und fettleibige Menschen, die fit waren, starben nicht häufiger als normalgewichtige Fitte. Die Autoren zogen daraus einen Schluss, den du in keiner Abnehmspritzen-Werbung finden wirst: Man solle sich auf Bewegung und Fitness richten statt auf Gewichtsabnahme [Quelle: Barry et al., Progress in Cardiovascular Diseases 2014 (PMID 24438729)].
Halte das einen Moment nebeneinander. Der Messwert trifft bei einem Viertel der Schlanken und der Hälfte der Dicken die falsche Aussage. Der Faktor, der wirklich zählt, kommt in ihm überhaupt nicht vor. Und trotzdem entscheidet genau diese Zahl darüber, wer als krank gilt und wer eine Spritze bekommt, die dauerhaft genommen werden soll.
Das ist der Bauplan in seiner reinsten Form: Nicht der Mensch ist zu dick. Die Formel ist falsch.
Der fünfte Schritt, den kaum jemand kennt: Man verschiebt die Zielzahl
Irgendwann ist ein Markt gesättigt. Alle, die über der Zielzahl liegen, nehmen bereits etwas. Was nun?
Man braucht kein neues Medikament, keine neue Studie, keine neue Krankheit. Man senkt einfach den Zielwert. Und über Nacht werden Millionen Menschen krank, die es am Vorabend noch nicht waren. Sie haben sich nicht verändert — die Leitlinie wurde verschoben.
Das ist keine Vermutung, das ist dokumentiert.
Beim Blutdruck. 2017 senkten die amerikanischen Herzgesellschaften die Definition von Bluthochdruck von 140 zu 90 auf 130 zu 80. Eine Untersuchung an einer repräsentativen US-Stichprobe rechnete durch, was das bedeutet: Der Anteil der Erwachsenen mit der Diagnose Bluthochdruck stieg von 31,9 auf 45,6 Prozent [Quelle: Muntner et al., Journal of the American College of Cardiology 2018 (PMID 29146532)]. Fast die Hälfte aller Erwachsenen war damit über Nacht Patient.
Das Rezept kam bei den meisten erst später — und genau so funktioniert es. Zuerst das Etikett, dann die Verlaufskontrolle, dann bei der übernächsten Messung das Rezept. Das Etikett ist der erste Schritt: Es bringt dich in die Wiedervorlage, in die Statistik, in die Zuständigkeit. Und wer einmal als Bluthochdruckpatient geführt wird, kommt selten wieder heraus.
Und ja: Hinter dieser Absenkung stand eine Studie, und sie war eine gute. In SPRINT wurden 9361 Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko entweder auf unter 140 oder auf unter 120 eingestellt. In der schärfer eingestellten Gruppe starben weniger Menschen; die Studie wurde deshalb vorzeitig beendet, bevor das Ergebnis sich drehen konnte.
Nur sieh dir an, was daraus geworden ist. Untersucht wurde ein Zielwert von 120 — in die Leitlinie kam 130. Untersucht wurden ausgewählte Hochrisiko-Patienten, Zuckerkranke waren ausdrücklich ausgeschlossen — angewandt wird die Zahl auf alle. Und in derselben Studie traten in der scharf eingestellten Gruppe häufiger Kreislaufzusammenbrüche, Ohnmachten, Elektrolytstörungen und akutes Nierenversagen auf [Quelle: SPRINT Research Group, New England Journal of Medicine 2015 (PMID 26551272)].
Der Sprung von der Studie zur Leitlinie ist genau der Sprung, um den es in diesem Artikel geht.
Beim Blutzucker. 2003 senkte ein Expertengremium die Schwelle für den gestörten Nüchternblutzucker von 110 auf 100 Milligramm pro Deziliter [Quelle: Follow-up Report on the Diagnosis of Diabetes Mellitus, Diabetes Care 26:3160–3167, 2003]. Damit war die Kategorie „Prädiabetes” geboren — ein Zustand, der keine Beschwerden macht, keine Krankheit ist und millionenfach behandelt wird.
Beim Cholesterin. 2004 senkte ein neunköpfiges Gremium die LDL-Zielwerte weiter ab. Die Los Angeles Times recherchierte daraufhin die Verbindungen der Beteiligten und schrieb wörtlich: „Acht der neun verdienten Geld von genau den Firmen, deren cholesterinsenkende Medikamente sie Millionen weiterer Amerikaner ans Herz legten.” Die Zeitung nannte zudem zwei, die Aktien dieser Firmen hielten, und zwei, die kurz nach der Leitlinienarbeit ganz in die Industrie wechselten. Der einzige ohne Interessenkonflikt war nach ihrer Recherche der Koordinator des Programms [Quelle: Los Angeles Times, 21.11.2004].
Bei den Knochen. Hier ist die Krankheit selbst am Messgerät entstanden. Eine WHO-Arbeitsgruppe legte 1994 fest, wie Knochendichte zu bewerten sei, und schuf dabei eine Zwischenkategorie: „Osteopenie”, ein T-Wert zwischen minus 1 und minus 2,5. Das ist keine Krankheit, das ist eine Abweichung vom Mittelwert junger Erwachsener. Nach dieser Definition fällt ein großer Teil aller Frauen über fünfzig hinein — Frauen, die nie einen Knochen gebrochen haben und es wahrscheinlich nie tun werden. Im British Medical Journal erschien dazu 2008 eine Arbeit, deren Titel schon alles sagt: „Medikamente gegen Vor-Osteoporose: Vorbeugung oder Krankheitserfindung?“ [Quelle: Alonso-Coello et al., BMJ 2008 (PMID 18202066)].
Vier Felder, dasselbe Verfahren. Die Zahl bestimmt nicht die Biologie — die Zahl bestimmen die, die das Mittel verkaufen, mit dem man sie erreicht.
Fünf Mal stimmte der Messwert — und den Menschen ging es schlechter
Bis hierher könnte man einwenden, das sei alles nur eine Frage der Betrachtung. Vielleicht ist der Messwert ja doch ein guter Stellvertreter. Vielleicht hilft es tatsächlich, wenn man ihn korrigiert.
Diese Frage wurde beantwortet. Es gibt Studien, in denen der Messwert mustergültig korrigiert wurde — und in denen es der besser eingestellten Gruppe trotzdem schlechter ging als der Vergleichsgruppe. Bei den Rhythmusmitteln war diese Vergleichsgruppe ein Scheinmedikament; bei den übrigen war sie die übliche Behandlung. Nicht theoretisch. Gezählt, veröffentlicht, abgebrochen.
Diese fünf sind übrigens nicht der Normalfall. Sie sind die Fälle, in denen jemand nachgezählt hat. Genau darin liegt der Punkt: Vor der Studie sah jeder dieser Werte aus wie ein guter Stellvertreter — plausibel, biologisch begründet, in Bevölkerungsdaten bestätigt. Man kann einem Surrogatparameter nicht ansehen, ob er trägt. Man kann es nur nachzählen. Und meistens zählt niemand nach.
Die Herzrhythmusmittel, 1989. Nach einem Herzinfarkt haben viele Menschen Extraschläge des Herzens, und wer viele davon hat, stirbt häufiger plötzlich. Ein perfekter Surrogatparameter also: Man unterdrücke die Extraschläge, dann sinke die Zahl der Todesfälle. Genau das wurde getestet. Die Unterdrückung gelang — bei drei von vier Patienten verschwanden die Extraschläge. Und dann zählte man die Toten: 7,7 Prozent in der behandelten Gruppe gegen 3,0 Prozent unter Placebo. Zweieinhalbmal so viele. Die Studie musste daher abgebrochen werden [Quelle: CAST Investigators, New England Journal of Medicine 1989 (PMID 2473403)].
Der Blutzucker, 2008. Über zehntausend Diabetiker wurden in zwei Gruppen geteilt. Die eine wurde scharf auf einen Langzeitzucker unter 6 Prozent eingestellt, die andere auf den üblichen Bereich. Der Wert wurde erreicht: 6,4 gegen 7,5 Prozent. Nach dreieinhalb Jahren stoppte man die Behandlung in der scharf eingestellten Gruppe, weil dort mehr Menschen gestorben waren — 257 gegen 203 [Quelle: ACCORD-Studie, New England Journal of Medicine 2008 (PMID 18539917)].
Das HDL-Cholesterin, 2007. Torcetrapib erzeugte den schönsten Fettstoffwechsel-Befund, den je ein Präparat vorgelegt hat: das „gute” HDL stieg um 72 Prozent, das „schlechte” LDL fiel um 25 Prozent. Auf dem Papier ein Triumph. In der Wirklichkeit: 58 Prozent mehr Todesfälle jeder Ursache. Abgebrochen, 15.067 Teilnehmer [Quelle: Barter et al., New England Journal of Medicine 2007 (PMID 17984165)].
Dagegen wurde eingewandt, dieses eine Molekül habe nebenbei den Blutdruck angehoben — ein Einzelfehler also, kein Urteil über das HDL als Ersatzwert. Ein berechtigter Einwand. Also baute man zwei Nachfolger ohne diesen Fehler und prüfte sie an über dreißigtausend Menschen. Das HDL stieg wie geplant. An Herzinfarkt und Sterblichkeit änderte sich nichts [Quellen: Schwartz et al., NEJM 2012 (PMID 23126252), Lincoff et al., NEJM 2017 (PMID 28514624)].
Das Blutbild bei Nierenkranken. Wenn die Nieren versagen, sinkt der rote Blutfarbstoff — die Nieren geben nämlich das Signal, das die Blutbildung ankurbelt. Der Mensch wird blass und müde. Also hob man ihn mit einem Präparat auf normale Höhe — der Wert stimmte wieder. Ergebnis in der Gruppe mit dem schöneren Wert: mehr Todesfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Klinikaufnahmen, 125 gegen 97 Ereignisse [Quelle: Singh et al., New England Journal of Medicine 2006 (PMID 17108343)].
Und der Fall, der zeigt, dass es nicht am Sterben liegt. Ezetimib senkt das LDL zusätzlich zum Statin, und zwar kräftig: 141 statt 193 Milligramm pro Deziliter. Zur Einordnung: Als hoch gilt alles über 160, das Ziel bei hohem Risiko liegt heute unter 55. Man untersuchte, ob dadurch die Gefäßwände weniger verkalken — der eigentliche Zweck der ganzen Übung. Ergebnis: kein Vorteil. Die Gefäßwand der besser eingestellten Gruppe verdickte sich sogar minimal stärker — der Unterschied war statistisch nicht gesichert [Quelle: Kastelein et al., New England Journal of Medicine 2008 (PMID 18376000)].
Und die Fortsetzung gehört dazu, denn sie ist der eigentliche Beleg: Sieben Jahre später prüfte man dasselbe Mittel an 18.144 Menschen nach einem Herzinfarkt — diesmal nicht an der Gefäßwand, sondern an gezählten Ereignissen. Und da brachte es etwas: 32,7 statt 34,7 Prozent, also zwei Prozentpunkte weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle über sieben Jahre [Quelle: Cannon et al., New England Journal of Medicine 2015 (PMID 26039521)].
Genau darum geht es. Der Wert allein sagt es nicht. Erst das Zählen von Ereignissen sagt es — und dieses Zählen geschah erst neun Jahre nach der Zulassung.
Fünfmal derselbe Befund: Der Zeiger stimmte. Der Mensch nicht.
Und weil du jetzt vielleicht an deine eigene Schublade denkst: Keine dieser fünf Studien betrifft die üblichen Blutdrucksenker oder die Gerinnungshemmer, und keine von ihnen sagt, dass du irgendetwas weglassen sollst. Manche Mittel darf man nicht einfach absetzen, weil das Absetzen selbst gefährlich ist — bei Blutdrucksenkern kann der Druck höher zurückschnellen als vorher, bei Gerinnungshemmern steigt binnen weniger Tage die Schlaganfallgefahr. Was hier steht, ist ein Grund zum Fragen. Nie ein Grund zum Aufhören.
Nach diesen fünf Fällen trägt ein Satz nicht mehr, der in jeder Sprechstunde fällt: Der Wert ist im Ziel, also ist die Gefahr behandelt. Er kann im Einzelfall stimmen — bewiesen ist er damit nicht. Diesen Unterschied kennt jeder Arzt aus dem Studium. Ihn in fünf Minuten Sprechzeit auch noch auszusprechen, ist die eigentliche Zumutung — und genau dabei kann ihm ein vorbereiteter Patient helfen.
Und jetzt der Teil, der wirklich weh tut: Es steht im Gesetz
Man könnte das Ganze für einen schleichenden Missbrauch halten. Für etwas, das sich eingeschlichen hat, während niemand hinsah.
Es ist das Gegenteil. Es ist geltendes Recht, wörtlich niedergeschrieben, seit dem 11. Dezember 1992. In der amerikanischen Arzneimittelverordnung, Titel 21, Paragraph 314.510, steht:
„Die FDA darf die Marktzulassung für ein neues Arzneimittel auf der Grundlage angemessener und gut kontrollierter klinischer Studien erteilen, die belegen, dass das Arzneimittel eine Wirkung auf einen Surrogatparameter hat, der — gestützt auf epidemiologische, therapeutische, pathophysiologische oder andere Erkenntnisse — mit hinreichender Wahrscheinlichkeit einen klinischen Nutzen vorhersagt.”
[Quelle: 21 CFR § 314.510, elektronische Fassung des US-Bundesrechts]
Eine Einordnung dazu, damit du den Text richtig einsortierst: Dieser Paragraph regelt die beschleunigte Zulassung, und die gilt nach eigener Auskunft der Behörde für Mittel gegen schwere Erkrankungen mit ungedecktem medizinischem Bedarf [Quelle: FDA, Accelerated Approval Program]. Die Krebsmittel weiter unten laufen darüber. Dein Blutdrucksenker nicht.
Und genau das macht die Sache schlimmer statt harmloser. Denn für ein Blutdruck- oder Cholesterinmittel braucht es diesen Ausnahmeweg gar nicht erst: Dort genügt schon im ganz normalen Verfahren der Nachweis, dass das Mittel den Wert bewegt. Der Paragraph ist deshalb nicht die Ausnahme von der Regel. Er ist die eine Stelle, an der die Regel offen ausgeschrieben steht.
Lies den Satz noch einmal. Zugelassen wird auf einen Stellvertreter, der einen Nutzen vorhersagen könnte. Nicht auf einen nachgewiesenen Nutzen.
Und die Entstehung dieses Paragraphen ist nicht die, die man erwartet. Diesen Weg hat 1992 nicht die Industrie erkämpft. Erkämpft haben ihn Aids-Kranke, die nicht warten konnten, bis eine Studie zu Ende lief — mit Demonstrationen vor der Behörde und mit dem Argument, ein Sterbender habe das Recht, ein unfertiges Mittel zu versuchen. Gedacht war die Tür als Ausnahme für Menschen ohne jede Alternative [Quelle: FDA, Accelerated Approval].
Sie ist nie wieder zugegangen. Was heute durch sie hindurchgeht, liest du gleich.
Die Verordnung verlangt dafür etwas: Der Hersteller muss den echten Nutzen nachliefern. Und genau hier klafft die Lücke. Die Innenrevision des amerikanischen Gesundheitsministeriums hat 2022 nachgezählt: Von 278 auf diesem Weg zugelassenen Präparaten hatten 104 die Bestätigungsstudie nicht abgeschlossen. Bei 35 davon war mindestens eine Studie über dem ursprünglich geplanten Endtermin — vier davon zwischen fünf und fast zwölf Jahren überfällig. In dieser Zeit blieben die Mittel auf dem Markt und wurden verschrieben. Allein Medicare und Medicaid zahlten dafür in vier Jahren über 18 Milliarden Dollar [Quelle: Bericht des Office of Inspector General, HHS, 2022].
Und bevor du das für ein amerikanisches Problem hältst: Die europäische Arzneimittelbehörde kennt denselben Weg unter dem Namen bedingte Zulassung. Zugelassen wird dort auf, wörtlich, „weniger umfassende klinische Daten als sonst gefordert”; der eigentliche Nachweis wird als Auflage nachgereicht [Quelle: Europäische Arzneimittelagentur, Conditional marketing authorisation]. In der Schweiz heißt dasselbe befristete Zulassung und steht in Artikel 9a des Heilmittelgesetzes: Die Unterlagen dürfen zum Zeitpunkt der Zulassung unvollständig sein und werden erst danach vervollständigt [Quelle: Swissmedic, Wegleitung Befristete Zulassung Humanarzneimittel].
Das Verfahren ist nicht amerikanisch. Es ist der Normalfall des Westens.
Bleibt die Frage, warum eine Behörde das zulässt. Ein Teil der Antwort steht in ihrem eigenen Haushalt.
Im selben Jahr 1992 beschloss der amerikanische Kongress auch, dass die Hersteller für die Prüfung ihrer eigenen Anträge Gebühren an die Behörde zahlen. Inzwischen stammen nach dem eigenen Bericht der Behörde an den Kongress 77 Prozent dessen, was die Prüfung von Humanarzneimitteln kostet, aus genau diesen Gebühren [Quelle: FDA, Financial Report to Congress — Prescription Drug User Fee Amendments, Haushaltsjahr 2025, Tabelle 11]. Die Geprüften bezahlen drei Viertel der Prüfung.
Und die Menschen bewegen sich in dieselbe Richtung wie das Geld. Das British Medical Journal hat die Laufbahn von 55 Prüfern der amerikanischen Krebsabteilung über ein Jahrzehnt verfolgt. 26 von ihnen verließen die Behörde. Von diesen 26 arbeiteten oder berieten anschließend 15 für die Arzneimittelindustrie [Quelle: Bien und Prasad, British Medical Journal 2016 (PMID 27677772)]. Dafür muss niemand bestochen werden. Es genügt, dass der Prüfer die Anträge der Firmen prüft, die ihn übermorgen einstellen könnten.
Der Krebs-Sonderfall: vier von fünf mussten es nie zeigen
Bei Krebs ist der Surrogatparameter das progressionsfreie Überleben — die Zeitspanne, bis der Tumor im Bild wieder wächst. Zugelassen wird auf „der Tumor wuchs zwei Monate später weiter”. Nicht auf „der Mensch lebte länger”.
Zwei Untersuchungen dazu, beide in einer der angesehensten medizinischen Fachzeitschriften der Welt erschienen:
Die erste ging der Frage nach, wie eng dieser Ersatzwert überhaupt mit dem Überleben zusammenhängt. Ergebnis über 65 untersuchte Zusammenhänge: In mehr als der Hälfte war der Zusammenhang schwach — das heißt: Ob der Tumor später wieder zu wachsen begann, ließ kaum eine Aussage darüber zu, ob der Mensch länger lebte. Nur knapp ein Viertel war stark [Quelle: Prasad et al., JAMA Internal Medicine 2015 (PMID 26098871)].
Die zweite sah nach, was aus den Bestätigungsstudien wurde. 93 beschleunigte Krebs-Zulassungen zwischen 1992 und 2017. In wie vielen Fällen zeigte die Bestätigungsstudie, dass die Patienten länger lebten? In 19. Nur ein Fünftel. Bei den übrigen bestätigte man entweder denselben Ersatzwert noch einmal oder wich auf einen anderen Ersatzwert aus [Quelle: Gyawali et al., JAMA Internal Medicine 2019 (PMID 31135808)].
Anders gesagt: Bei vier von fünf beschleunigt zugelassenen Krebsmedikamenten wurde nie gezeigt, dass sie das Leben verlängern. Sie sind trotzdem auf dem Markt. Sie werden trotzdem verschrieben. Sie kosten trotzdem sechsstellige Beträge pro Jahr.
Und der jüngste Fall zeigt, wie weit das inzwischen geht. 2021 ließ die FDA ein Alzheimer-Mittel zu, allein weil es die Amyloid-Ablagerungen im Hirnscan verringerte — das Beratergremium hatte sich zuvor dagegen ausgesprochen. Drei Mitglieder traten daraufhin aus Protest zurück. Einer von ihnen, ein Harvard-Professor, schrieb sinngemäß, die beschleunigte Zulassung sei nicht als Ausweichlösung gedacht, die man benutze, wenn die Studiendaten für eine reguläre Zulassung nicht gut genug seien [Quelle: NPR, 11.06.2021]. Die Ablagerungen verschwanden. Die Menschen wurden jedoch nicht klarer. 2024 nahm der Hersteller das Präparat schließlich vom Markt.
Und damit du die sechsstelligen Jahrespreise von vorhin einordnen kannst — so groß ist der Betrieb, um den es hier geht: Weltweit werden pro Jahr rund 1,6 bis 1,7 Billionen Dollar für Arzneimittel ausgegeben, bis 2028 sollen es nach der Prognose des Branchendienstes IQVIA etwa 2,3 Billionen sein. Dieselbe Prognose sagt ausdrücklich dazu, dass die tatsächlichen Einnahmen der Hersteller niedriger liegen, weil die Rabatte geheim sind [Quelle: IQVIA Institute, The Global Use of Medicines 2024]. Das ist mehr als die gesamte Wirtschaftsleistung der Schweiz und ungefähr das Vierfache dessen, was Apple im Jahr umsetzt.
Was das für die Nebenwirkungen bedeutet
Jetzt kommt der Teil, der in dieser ganzen Rechnung überhaupt nicht vorkommt.
Ein Mittel, das gegen einen Messwert entwickelt wurde, wird auch nur gegen diesen Messwert geprüft. Was es sonst im Körper anrichtet, ist in der Zulassungsstudie eine Randnotiz — sie läuft oft nur wenige Jahre, während das Mittel Jahrzehnte genommen wird.
Und wenn dann eine zweite Krankheit entsteht, wird sie nicht dem ersten Mittel zugeordnet. Sie wird als neue Krankheit behandelt. Mit einem neuen Mittel. Gegen einen neuen Messwert.
So entsteht die Kaskade, die vielleicht auch in deinem Schrank steht: acht, zehn, zwölf Präparate, jedes einzelne leitliniengerecht verordnet von jemandem, der etwas Gutes wollte — und von denen zusammen niemand mehr sagen kann, was sie tun. Das ist nicht dein Versäumnis. Kein Mensch kann diese Kette überblicken, wenn jedes Glied für sich richtig ist.
Es gibt einen Fachbegriff dafür: Verordnungskaskade. Und es gibt sogar Gegenlisten — die Priscus-Liste in Deutschland, die Beers-Liste in den USA. Beide führen auf, was älteren Menschen besser nicht verordnet wird, beide sind seit Jahren bekannt. Angewandt werden sie selten. Der Grund ist derselbe wie im ganzen Artikel: Keine dieser Listen bringt einen Wert in den Zielbereich. Und der Wert ist es, an dem gemessen wird.
Und die KI? Die ist der perfekte Vertreter
Jetzt kommt der Punkt, weshalb dieser Artikel mehr ist als eine Rückschau.
Eine künstliche Intelligenz, die auf medizinische Leitlinien trainiert wird, ist tatsächlich „besser” als jeder einzelne Arzt. Sie kennt alle Leitlinien. Sie vergisst keine Wechselwirkung. Sie ist nicht müde, hat keinen schlechten Tag und keine zehn Minuten Zeitlimit.
Aber sie ist besser innerhalb des Systems, das die Leitlinien geschrieben hat.
Sie fragt nie, wer die Zielzahl festgelegt hat. Sie fragt nie, ob je gezeigt wurde, dass das Mittel die Krankheit verhindert, deretwegen es verordnet wird. Sie fragt nie, ob deine zweite Krankheit von der zuerst verordneten Tablette kommt. Diese Fragen sind in ihren Trainingsdaten nicht enthalten — nicht weil jemand sie gelöscht hätte, sondern weil sie in den Quellen nicht gestellt werden.
Sie ist damit der beste Verkäufer den diese Industrie je hatte. Einer, der nie zweifelt, nie ermüdet, rund um die Uhr erreichbar ist und keine Provision verlangt, weil er sie bereits im Training bekommen hat. Und er wirkt völlig neutral, weil er nichts daran verdient. Er sagt nur, was in den Leitlinien steht.
Deshalb ist bei jeder Gesundheits-KI die entscheidende Frage nicht, wie gut sie ist. Sondern: auf welchen Trainingsdaten basiert sie? Wer den Korpus bestimmt, bestimmt die Antworten — und zwar nicht durch Zensur, sondern schon dadurch, welche Fragen darin überhaupt vorkommen.
Dieser Maßstab trifft auch auf meine Arbeit zu. Ich arbeite selbst an einer Gesundheits-KI mit, und ihr Korpus ist die Erfahrungsheilkunde. Das ist eine Auswahl und keine Neutralität, und ich behaupte nichts anderes. Der Unterschied ist nicht, dass meine ohne Auswahl auskäme — eine KI ohne Auswahl gibt es nicht. Der Unterschied ist, dass ich dir sage, woraus sie besteht, und dass jede Antwort ihre Quelle mitbringt, damit du sie gegen mich prüfen kannst.
Deine drei Fragen
Damit du das Ganze nicht nur verstanden hast, sondern anwenden kannst. Drei Fragen zu jeder Verordnung, die du bekommst. Sie sind höflich, sie sind sachlich, und ein guter Arzt beantwortet sie gerne.
Was genau verspricht dieses Mittel zu bewirken — einen besseren Messwert oder eine Krankheit verhindern? Wenn die Antwort ein Wert ist: nachfragen, was dieser Wert mit deinem Leben zu tun hat.
Gibt es eine Studie, die zeigt, dass Menschen mit diesem Mittel länger oder besser leben — nicht nur bessere Werte haben? Bei einigen Mitteln lautet die Antwort ja, und dann ist es eine gute Antwort. Bei vielen lautet sie nein, und dann weißt du, woran du bist.
Wenn ich es nehme und mir geht es in einem halben Jahr schlechter — woran würden wir merken, dass es am Mittel liegt? Das ist die wichtigste der drei. Wenn es darauf keinen Plan gibt, gibt es auch keine Rückfahrkarte.
Du wirst diese Fragen nicht bei jedem Rezept stellen. Aber stell sie bei dem, das du für den Rest deines Lebens nehmen sollst.
Und wenn du es längst seit zwölf Jahren nimmst? Dann erst recht — nur anders gefragt:
Ich nehme das jetzt lange. Können wir einmal gemeinsam durchgehen, was davon heute noch nötig ist?
Das ist keine Kampfansage, das ist ein Termin. Nimm dir dafür einen eigenen, nicht die letzten fünf Minuten einer Grippekontrolle. Und wenn dein Arzt darauf ungehalten reagiert, hast du auch etwas erfahren.
Diese Fragen sind zum Fragen da, nicht zum Absetzen: Kein Mittel, das du regelmäßig nimmst, sollte ohne fachlichen Rat beendet oder verändert werden.
Zum Schluss
Der beschriebene „Businessplan” von Big Pharma hat einen blinden Fleck, und der ist so groß, dass man ihn übersieht.
Zwischen dem Messwert und dem Menschen liegt der ganze Rest: warum der Wert überhaupt gestiegen ist. Ein hoher Blutdruck kann von zu wenig Schlaf kommen, von einem Mineralstoffmangel, von einer Nierenverengung, von den Schmerztabletten im Küchenschrank, von einem Dauerstress, der seit Langem nicht nachlässt. Fünf verschiedene Ursachen, ein einziger Wert — und ein einziges Rezept für alle fünf. Im Einzelnen habe ich das in meiner Blutdruck-Serie auseinandergenommen.
Und die Ursachensuche ist etwas, das du selbst vorbereiten kannst, bevor du zum Arzt gehst. Schreib zwei Wochen lang auf, was dein Wert morgens und abends macht, was du an dem Tag genommen hast — auch Schmerztabletten, auch Nahrungsergänzung —, wie du geschlafen hast und was los war. Diese zwei Seiten sind mehr, als jede Fünf-Minuten-Sprechstunde je erheben kann.
Der Businessplan interessiert sich nicht dafür. Er kann sich nicht dafür interessieren, denn eine Ursache und ihre Behebung lassen sich nicht patentieren.
Das ist der Grund, warum die Erfahrungsheilkunde diesen Businessplan nie mitgemacht hat. Nicht aus Rückständigkeit, sondern weil sie an einer anderen Stelle ansetzt: bei der Frage, warum der Körper tut, was er tut. Diese Frage nach der Ursache hat keinen Marktwert. Sie hat nur einen Nutzen.
Und den hast du.
Und warum das hier eine gute Nachricht ist
Ein Trickverbrechen ist keine Gewalttat. Es braucht kein Opfer, das sich nicht wehren kann — es braucht ein Opfer, das nicht merkt, was gespielt wird. Der Trick lebt davon noch nicht bekannt zu sein, und nur davon.
Darin liegt der ganze Unterschied. Ein Gewalttäter kann weitermachen, auch wenn das Verbrechen alle erkennen. Ein Trickbetrüger kann das nicht. In dem Augenblick, in dem der Saal begreift, wie der Trick geht, ist die Vorstellung vorbei — nicht weil jemand einschreitet, sondern weil niemand mehr applaudiert.
Deshalb ist dieser Artikel keine Anklage, sondern eine Ankündigung. Der Trick ist aufgedeckt. Die Studien liegen offen, die Toten sind gezählt, der Gesetzestext steht im Netz und ist zwei Klicks entfernt. Du hast ihn eben gelesen. Und was einmal durchschaut ist, lässt sich nicht wieder verbergen. Man kann eine Zielzahl noch ein paarmal verschieben. Aber man kann niemandem zweimal denselben Trick verkaufen, der ihn beim ersten Mal durchschaut hat.
Es endet nicht morgen. Aber es endet — an dem Tag, an dem genug Menschen beim nächsten Rezept die drei Fragen von oben stellen. Jeder Einzelne, der sie stellt, macht den Trick ein Stück wertloser. Und das ist das Schöne daran: Du musst diesen Kampf nicht gewinnen. Es genügt, ihn zu durchschauen — und diesen Artikel weiterzureichen.
Für dich selbst gilt dabei etwas Kleineres, aber Handfesteres: Du musst morgen nichts entscheiden. Nimm eine einzige Packung aus deinem Schrank — die, bei der du am wenigsten weißt, wozu sie eigentlich da ist — und geh mit ihr und den drei Fragen zum nächsten Termin. Eine Packung, ein Gespräch. Das ist der ganze erste Schritt, und er ist zu schaffen.
Und wenn du diesen Artikel weitergibst, brauchst du nur einen Satz dazu: Frag bei deinem nächsten Rezept, ob je gezeigt wurde, dass Menschen davon länger leben.
Zum Mitnehmen
Was jetzt folgt, ist nichts mehr zum Lesen, sondern Material zum Benutzen: die dreizehn Felder als Übersicht zum Nachschlagen, die fünf Studien mit ihren Fundstellen zum Selbstprüfen, und die drei Fragen als Blatt zum Ausdrucken.
Die Surrogat-Landkarte: dreizehn Felder, dreizehn Messwerte
Diese Landkarte ist zum Fragen da, nicht zum Absetzen. Ein „nein” oder „umstritten” in der letzten Zeile heißt: Hier lohnt sich das Gespräch besonders. Es heißt nicht, dass dein Mittel bei dir nutzlos ist — deine Lage kennt keine Tabelle. Und einiges davon darf man ohnehin nicht einfach weglassen, sondern nur schrittweise verringern, mit jemandem, der die Werte dabei im Blick hat.
So liest du sie: Wenn du in einem dieser Felder ein Medikament nimmst, findest du hier, welcher Messwert damit bewegt wird — und ob je gezeigt wurde, dass Menschen davon länger leben. „Teilweise” heißt: für bestimmte Gruppen ja, für die breite Anwendung nicht.
1 — Bluthochdruck - Messwert: systolischer und diastolischer Blutdruck - Zielzahl: unter 130 zu 80 (seit 2017; davor 140 zu 90) - Klasse: ACE-Hemmer, Sartane, Kalziumantagonisten, Diuretika - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Teilweise — bei deutlich erhöhten Werten und Vorerkrankungen ja; im Bereich zwischen 130 und 140 ohne weitere Risiken ist genau das die offene Frage.
2 — Cholesterin - Messwert: LDL-Cholesterin - Zielzahl: gestaffelt, bei hohem Risiko unter 55 mg/dl - Klasse: Statine, Ezetimib, PCSK9-Hemmer - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Teilweise — nach durchgemachtem Herzinfarkt ja; in der Vorbeugung bei sonst Gesunden deutlich schwächer. Für Ezetimib zeigte die Gefäßwand-Untersuchung trotz stark gesenktem LDL keinen Vorteil; erst die spätere Ereignis-Studie an Menschen nach Herzinfarkt fand einen kleinen, aber gesicherten Nutzen.
3 — Diabetes Typ 2 - Messwert: HbA1c - Zielzahl: unter 7 %, zeitweise unter 6,5 % - Klasse: fünf Wirkstoffgenerationen - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Für die scharfe Absenkung des Werts: nein — die ACCORD-Studie fand dort mehr Todesfälle. Für die beiden jüngsten Wirkstoffgenerationen dagegen ja: Sie wurden an Herztoten, Klinikeinweisungen und Dialysen gemessen und haben dort bestanden.
4 — Krebs - Messwert: progressionsfreies Überleben, Tumoransprechrate - Klasse: die gesamte moderne Onkologie - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Bei beschleunigten Zulassungen in 19 von 93 Fällen.
5 — Übergewicht - Messwert: BMI, Gewichtsverlust in Prozent - Klasse: GLP-1-Präparate - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Für Herz-Kreislauf-Ereignisse gibt es inzwischen Daten; für die Langzeitanwendung über Jahrzehnte naturgemäß noch nicht.
6 — Autoimmunerkrankungen - Messwerte: CRP (Entzündungswert im Blut), DAS28 (Gelenk-Punktwert), PASI (Haut-Punktwert) - Klasse: TNF-Blocker, Interleukin-Antikörper - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Für Beschwerden und Funktion ja; die Frage ist hier weniger der Nutzen als der Preis und das Infektionsrisiko.
7 — Vorhofflimmern, Thrombose - Messwert: Gerinnungsaktivität, INR - Klasse: Vitamin-K-Antagonisten, neue orale Gerinnungshemmer - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Ja — hier ist die Schlaganfallverhütung tatsächlich gezeigt. Ein Beispiel dafür, dass es solche Fälle gibt.
8 — Depression, Angst - Messwert: Fragebogen-Punktwert (Hamilton-Skala u. a.) - Zielzahl: Halbierung des Punktwerts - Klasse: SSRI, SNRI - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Umstritten — der Punktwert bessert sich messbar, der Abstand zum Scheinmedikament ist bei leichteren Verläufen gering.
9 — Osteoporose - Messwert: Knochendichte, T-Wert - Zielzahl: über minus 2,5 - Klasse: Bisphosphonate, Antikörper - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Bei bereits erlittenem Bruch ja; bei bloßer „Osteopenie” ist genau das die Streitfrage.
10 — Asthma, COPD - Messwert: FEV1 (die Luftmenge, die du in der ersten Sekunde ausatmen kannst) - Klasse: Kortison-Sprays, Beta-Mimetika, Biologika - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Für Verschlechterungsschübe ja; für den Krankheitsverlauf als Ganzes weniger klar.
11 — Demenz - Messwert: Amyloid-Last im PET - Klasse: Amyloid-Antikörper - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Beim ersten Präparat nein, es wurde vom Markt genommen. Bei den Nachfolgern ab 2023 wurde erstmals nicht nur die Ablagerung gemessen, sondern der geistige Abbau selbst — er verlangsamte sich um gut ein Viertel (nachzuschlagen unter PMID 36449413 und PMID 37459141). Ob ein Mensch das im Alltag merkt, ist die offene Streitfrage. Teuer und nebenwirkungsreich ist es in jedem Fall.
12 — Magensäure, Reflux - Messwert: pH-Wert, Beschwerdefreiheit - Klasse: Protonenpumpenhemmer - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Kurzfristig ja; für die Dauereinnahme über Jahre nicht — und dort liegt das Problem.
13 — Schilddrüsenunterfunktion - Messwert: TSH (Steuerwert der Hirnanhangdrüse) - Zielzahl: TSH im „Normbereich” - Klasse: Levothyroxin - Nutzen über den Wert hinaus belegt? Bei ausgeprägter Unterfunktion ja; bei der häufig behandelten „latenten” Form kaum.
Was du mit dieser Liste tun kannst: die Zeile zu deinem eigenen Mittel markieren und die drei Fragen zum nächsten Termin mitnehmen. Was du damit nicht tun solltest: deine Tabletten nach dieser Liste selbst sortieren und die schwächste weglassen. Bei mehreren Mitteln entscheidet nicht die Rangfolge in einer Tabelle, sondern deine eigene Vorgeschichte — und die kennt nur, wer deine Werte über Jahre gesehen hat.
Die fünf Studien zum Selbstnachschlagen
Jede über die angegebene Kennnummer in der öffentlichen Datenbank PubMed abrufbar — Adresse eingeben, Nummer anhängen, fertig. Du brauchst dafür keinen Zugang und keine Anmeldung.
Herzrhythmusmittel nach Infarkt (CAST), 1989. Extraschläge unterdrückt, Sterblichkeit 7,7 % gegen 3,0 %.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2473403/Scharfe Blutzuckersenkung (ACCORD), 2008. Langzeitzucker auf 6,4 % gedrückt, 257 gegen 203 Todesfälle, die Behandlung wurde vorzeitig gestoppt.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18539917/HDL-Anhebung (Torcetrapib/ILLUMINATE), 2007. HDL plus 72 %, Sterblichkeit plus 58 %.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17984165/Blutfarbstoff bei Nierenkranken (CHOIR), 2006. Wert normalisiert, 125 gegen 97 schwere Ereignisse.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17108343/Zusätzliche LDL-Senkung (ENHANCE), 2008. LDL 141 statt 193 mg/dl, Gefäßwand kein Vorteil.
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18376000/
Und die beiden Übersichtsarbeiten zur Krebstherapie, falls du dort tiefer einsteigen willst: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26098871/ (wie eng hängt der Ersatzwert mit dem Überleben zusammen) und pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31135808/ (was aus den Bestätigungsstudien wurde).
Das Blatt für den nächsten Arztbesuch
Ausdrucken oder abschreiben, die linke Spalte vorbereiten, die rechte im Gespräch ausfüllen. Erfahrungsgemäß ändert sich das Gespräch schon dadurch, dass ein Blatt auf dem Tisch liegt.
Dieses Blatt bleibt bei dir. Schick es mir bitte nicht — ich brauche deine Gesundheitsdaten nicht und will sie auch nicht haben.
Präparat: ______________________ seit wann: ____________
Frage 1 — Was soll dieses Mittel bewirken? Kreuze an, was der Arzt sagt: ☐ einen Wert verbessern ☐ ein Ereignis verhindern ☐ Beschwerden lindern Wenn Wert: welcher, und welche Zielzahl? ______________________
Frage 2 — Gibt es eine Studie, die zeigt, dass Menschen damit länger oder besser leben? Antwort: ______________________ (Ein „das ist Leitlinie” ist keine Antwort auf diese Frage, sondern die Antwort auf eine andere.)
Frage 3 — Woran würden wir merken, dass eine neue Beschwerde von diesem Mittel kommt? Antwort: ______________________ Vereinbarter Überprüfungszeitpunkt: ______________________
Meine eigene Liste — alles, was ich sonst noch nehme, auch frei verkäufliches und Nahrungsergänzung, weil die Wechselwirkung genau dort entsteht:
Und die eine Frage, die den ganzen Artikel zusammenfasst — für dich selbst, nicht für den Arzt: Merke ich etwas von dieser Krankheit, oder kenne ich sie nur aus dem Laborbericht? Beides kann behandlungsbedürftig sein. Aber im zweiten Fall wird eine Zahl behandelt, und dann gelten die drei Fragen von oben doppelt.



Lieber Andreas Gross, was für eine hervorragende Arbeit! Vielen Dank dafür. Ich wünsche mir, dass sie sich verbreitet und Anwendung findet. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sich Selbstverantwortung der “Patienten”- und um die geht es ja schlussendlich- zu meinen Lebzeiten noch steigert?