Der Blutdruck, den alle senken wollen — Pharma-Profite auf Deine Kosten?
Erster Teil von zwei. Jede neunte Erstfrage an meine Naturheilkunde-KI
Erster Teil von zwei. Jede neunte Erstfrage an unsere Naturheilkunde-KI (start.naturheilung.org) drehte sich um den Blutdruck.
Hier geht es zuerst um den Maßstab: wie die Grenze zwischen gesund und krank in vierzig Jahren gewandert ist, wer sie verschoben hat — und warum die Medizin ihre Norm für “normal” einerseits beim Labor-Blutbild so weit zieht, dass der Angeschlagene noch hineinpasst, und beim Blutdruck so eng, dass der gesunde Senior herausfällt.
Seit Wochen haben 179 Menschen unserer neuen Naturheilkunde-KI eine kostenlose Erstfrage gestellt. Ich habe diese 179 Fragen ausgewertet. Ich wollte wissen, was die Leute wirklich bewegt, wenn sie einmal frei fragen dürfen und keine Sprechstunde bereits nach zwölf Minuten endet.
19 dieser Fragen drehen sich um den Blutdruck — jede neunte! Kein anderes Organ, kein anderer Wert kommt so oft. Und weil hier jeder genau eine Frage hat, ist das nicht irgendeine Frage, sondern die drängendste, die die Benutzer hatten.
Was hilft naturheilkundlich bei erhöhtem Blutdruck? — dieser Satz kommt immer wieder, manchmal fast wörtlich gleich. Ein Naturmittel, das an die Stelle der Pharma-Mittel treten soll. Nach dem “Warum überhaupt?” fragt niemand.
Das ist kein Vorwurf, das ist Erziehung. Wir haben alle gelernt, für ein Symptom ein Medikament zu verlangen — ich früher auch. Es ist nur genau die Stelle, an der dieser Artikel ansetzt.
Der Stoff dieser Studie ist zu umfangreich für einen Artikel geworden, deshalb erscheint er in zwei Teilen. Wenn du diesen ersten Teil gelesen hast, weißt du drei Dinge.
Erstens, warum ein erhöhter Blutdruck zunächst eine Lösung deines Körpers ist und nicht die Krankheit selbst.
Zweitens, wer diese Grenze festlegt, seit der Staat die Aufgabe 2013 abgegeben hat — und warum der Vorsitzende des entscheidenden Gremiums zugleich die Studie leitete, auf die es sich berief. Und wie die Grenze zwischen gesund und krank in vierzig Jahren so massiv gewandert ist — und wer sie verschoben hat — bis 2013 tat das eine staatliche Stelle, seither tun es private Fachgesellschaften.
Und drittens, warum steife Schlagadern im Alter etwas anderes sind als verstopfte Rohre — und was das für die Zahl auf deinem Messgerät bedeutet.
Nebenbei wirst du einen doppelten Trick mit dem Maßstab durchschauen, den ich in dieser Zuspitzung selbst noch nie irgendwo gelesen habe:
Beim Blutbild macht man die Norm so weit, bis auch Erkrankte noch als “normal” gelten.
Beim Blutdruck macht man sie so eng, bis die Hälfte der Menschen als heilbedürftig gelten.
Zwei entgegengesetzte Bewegungen, ein gemeinsames Ergebnis: Mehr Umsatz für Big Pharma.
Der zweite Teil wird sich dann die Beweislage vornehmen — die Zahl, mit der man dich überredet, und daneben die Zahl, die dahinter steht — und danach die Praxis: welche vier Ursachen die Erfahrungsheilkunde prüft, welche zwei Stoffe in kontrollierten Studien messbar Druck wegnehmen, und was du zwei Wochen lang selbst messen solltest.
Und damit von Anfang an klar ist, was hier nicht steht: Das ist keine Aufforderung, die Tabletten in den Müll zu werfen. Ein Betablocker, den man abrupt weglässt, kann den Druck höher zurückschlagen lassen, als er vorher war — das ist keine Arztpropaganda, sondern Pharmakologie. Es ist auch keine Behauptung, ein Pulver ersetze eine Untersuchung. Wer bereits Organschäden hat — am Augenhintergrund, an den Nieren, ein vergrößertes Herz —, hat ein echtes Problem und braucht mehr als meinen Artikel.
Für alle anderen, und das sind die meisten Leser, gilt: Ich empfehle den Ansatz, die Ursache hohen Blutdrucks zu beheben statt Dauermedikation — wo das im Einzelfall möglich ist. Das entscheidet sich an deinen Werten, nicht an einem Artikel.
Die Norm ist gewandert, nicht der Mensch
Als ich jung war, stand in den Lehrbüchern eine Faustregel, die jeder Hausarzt kannte: systolischer Blutdruck gleich 100 plus Lebensalter. Mit siebzig Jahren also rund 170. Das war keine Nachlässigkeit, sondern resultierte aus Beobachtung: Ein Blutkreislauf, der sechzig, siebzig Jahre alte Gefäße durchspülen muss, muss mit mehr Druck arbeiten als der eines Zwanzigjährigen.
Woher kam diese Formel eigentlich? Das ist die interessantere Frage, denn sie beruhte nicht auf einer Statistik. Sie beruhte auf einer Überlegung.
Die Ärzte der ersten Jahrhunderthälfte sahen den steigenden Druck als Ausgleichsleistung des Körpers: Wenn die Gefäße mit den Jahren enger und steifer werden, braucht es mehr Druck, um Gehirn und Nieren noch zu versorgen. Wer diesen Druck wegnimmt, nimmt die Versorgung mit weg. Paul Dudley White — der bekannteste amerikanische Herzarzt seiner Zeit, später Eisenhowers Leibarzt — schrieb das 1937 in einem Satz, der die ganze Denkweise enthält:
„Der Hochdruck mag ein wichtiger Ausgleichsmechanismus sein, an dem man nicht herumpfuschen sollte, selbst wenn sicher wäre, dass wir ihn beherrschen können.”
[Quelle: Moser, Historical Perspectives on the Management of Hypertension, Journal of Clinical Hypertension]
Deshalb hieß die Diagnose damals „gutartiger essenzieller Hochdruck“. Das Wort essenziell hatte der Breslauer Arzt Erich Frank 1911 eingeführt — es bedeutete schlicht „ohne fassbare Ursache”, also nicht durch ein krankes Organ erklärbar. Zusammen mit „gutartig” ergab das eine Diagnose, die sagte: Da ist etwas, wir wissen nicht warum, und es ist in der Regel nichts, was man angreifen muss.
Und damit ich nicht das eine Extrem gegen das andere tausche: Diese grosszügige Haltung hatte ihre Opfer. Ihr berühmtestes war Franklin D. Roosevelt. Sein Blutdruck stieg über Jahre auf Werte um 260 zu 150; behandelt wurde er mit Beruhigungsmitteln und Massagen. 1945 starb er an einer Hirnblutung. Wer heute für Augenmaß beim Blutdruck wirbt, muss diesen Fall kennen und berücksichtigen. Zwischen „gar nichts tun” und „jeden über 130 behandeln” liegt ein weites Feld — und in diesem Feld findet die vernünftige Entscheidung statt.
Bleibt die Frage, ob die Formel wenigstens die Wirklichkeit ihrer Zeit traf. Man kann das nachprüfen, und zwar an der einzigen Gruppe, die dafür taugt: an Menschen, die keine Blutdrucksenker nehmen.
Genau das hat die Framingham-Studie getan — die berühmteste Langzeituntersuchung der Herzmedizin. Für diese Auswertung wurden alle Teilnehmer, die Blutdruckmedikamente bekamen, herausgenommen; die übrigen wurden bis zu dreißig Jahre lang begleitet. Das Ergebnis ist eine Kurve, die man einmal gesehen haben muss:
Der obere Wert steigt gleichmäßig von 30 Jahre alt bis 84 — Jahr für Jahr, auch bei den Gesunden.
Der untere Wert steigt bis etwa 50 bis 60 und fällt danach wieder.
Der Abstand zwischen beiden Werten wird also im Alter immer größer — das ist die Handschrift steifer werdender großer Schlagadern. Je härter das Rohr, desto höher der obere und desto tiefer der untere Wert. An diesem Abstand erkennt man die Ursache.
Die Framingham-Auswertung zeigt diese Kurve als Verlauf. Wer lieber nackte Mittelwerte sehen will, findet sie in der großen amerikanischen Gesundheitsuntersuchung NHANES, ausgewertet an knapp 20’000 Erwachsenen durch die US-Gesundheitsbehörde. Dort steht, was Menschen tatsächlich messen — nach Altersgruppe:
Oberer Wert (systolisch), alle Erwachsenen:
18 bis 39 Jahre — 115
40 bis 59 Jahre — 123
60 Jahre und älter — 136
Unterer Wert (diastolisch), dieselben Gruppen:
18 bis 39 Jahre — 69
40 bis 59 Jahre — 75
60 Jahre und älter — 68
[Quelle: Wright et al., National Health Statistics Reports Nr. 35, CDC 2011, Tabellen 2 und 5]
Da ist sie, in Zahlen: Der obere Wert steigt mit dem Alter durchgehend an. Der untere steigt bis in die mittleren Jahre und fällt danach wieder — bei den über Sechzigjährigen liegt er im Mittel niedriger als bei den Zwanzigjährigen. Genau die Kurve, die Framingham an den Unbehandelten gefunden hat.
Und jetzt lies die dritte Zeile noch einmal neben der Linie von 2017. Der Durchschnitt aller über Sechzigjährigen liegt bei 136 systolisch. Die Krankheitsschwelle liegt bei 130. Der Mittelwert einer ganzen Alterskohorte liegt also jenseits der Norm, die für sie gelten soll. Nicht die Ränder. Die Mitte.
Bei den Frauen ist es noch deutlicher: Der Mittelwert aller Frauen über sechzig liegt bei 139 systolisch — neun Punkte über der Schwelle, ab der sie behandlungsbedürftig sind.
Und dieser Mittelwert ist bereits ein gedrückter Wert. In derselben Erhebung nehmen 49,3 Prozent der über Sechzigjährigen Blutdrucksenker — praktisch jeder Zweite. Die 136 sind also der Durchschnitt einer Altersgruppe, bei der die eine Hälfte bereits chemisch nach unten gezogen wird. Ohne diese Behandlung läge der Schnitt natürlich höher.
Ein Hinweis zur Einordnung, weil er die Sache noch schärfer macht: Diese Zahlen stammen aus den Jahren 2001 bis 2008, als „normal” noch unter 140/90 hieß. Nach der Linie von 2017 wandert ein guter Teil der damals als normal Gezählten heute in die Krankheitsspalte — ohne dass jemand neu gemessen hätte.
Und wie war es, bevor eine halbe Generation Tabletten nahm?
An dieser Stelle muss man misstrauisch werden. Wenn die Faustregel „100 plus Lebensalter” in den 1970er-Jahren galt, ein Siebzigjähriger also 170 haben durfte — wie kann der heutige Durchschnitt derselben Altersgruppe bei 136 liegen? Entweder war die Regel damals absurd. Oder die heutigen Zahlen sind gedrückt.
Das lässt sich nachsehen. Die größte Auswertung, die es dazu gibt, hat 1’479 Bevölkerungsstudien mit 19,1 Millionen Menschen zusammengeführt und den Blutdruck der Welt von 1975 bis 2015 nachgezeichnet — nach Land, Geschlecht und Altersgruppe [Quelle: NCD Risk Factor Collaboration, The Lancet 2017; Rohdaten frei zugänglich unter ncdrisc.org]. Diese Auswertung stammt nicht von einem Leitlinien-Gremium, sondern von einem unabhängigen Forschungsnetzwerk, und sie misst, statt zu empfehlen.
Was sie für Deutschland zeigt, mittlerer systolischer Wert der jeweiligen Altersgruppe:
60 bis 64 Jahre: 1975 lagen Männer bei 147, Frauen bei 150. 2015: 134 und 128.
70 bis 74 Jahre: 1975 Männer 149, Frauen 156. 2015: 136 und 133.
80 bis 84 Jahre: 1975 Männer 147, Frauen 159. 2015: 133 und 135.
Für die Schweiz dasselbe Bild: Frauen zwischen 75 und 79 lagen 1975 im Mittel bei 153, 2015 bei 138. Für die USA: Frauen zwischen 75 und 79 1975 bei 152, 2015 bei 140.
Damit löst sich der Widerspruch auf, und zwar in beide Richtungen.
Erstens: In den 1970er-Jahren lag der Durchschnitt der alten Menschen tatsächlich um 150 bis 160 — nicht bei 136. Die alte Faustregel war keine Schrulle, sie beschrieb ungefähr die Wirklichkeit ihrer Zeit. Sie war überdies nie als Durchschnitt gedacht, sondern als Obergrenze des Tolerierbaren: Ein Siebzigjähriger mit 170 galt als noch im Rahmen, während der Schnitt seiner Altersgenossen bei etwa 150 lag. So gelesen passt die Regel exakt zu den Daten.
Zweitens: Der heutige Durchschnitt ist um zehn bis fünfzehn Punkte gefallen — in vier Jahrzehnten, in denen die Menschen nicht jünger geworden sind.
Jetzt kommt die naheliegende Erklärung, und sie hält nicht. Man könnte sagen: Die Leute leben eben gesünder als vor fünfzig Jahren. Sehen wir nach.
Fettleibigkeit unter US-Erwachsenen: 1971 bis 1974 waren es 14,5 Prozent. 2017 bis 2018 waren es 42,4 Prozent (Stand dieser Erhebung; die Reihe läuft inzwischen weiter).
Schwere Fettleibigkeit (Körpermassezahl über 40): von 1,3 Prozent auf 9,2 Prozent — das Siebenfache.
Diabetes bei Erwachsenen: von rund 5 Prozent Ende der 1970er auf fast 9 Prozent um die Jahrtausendwende, heute deutlich darüber.
[Quellen: NCHS Health E-Stats — Prevalence of Overweight, Obesity, and Severe Obesity Among Adults, 1960–1962 bis August 2021–August 2023, Gregg et al., Diabetes Care — Trends in diagnosed and undiagnosed diabetes]
Übergewicht und Diabetes sind die stärksten Lebensstil-Treiber des Blutdrucks überhaupt. Beide haben sich in genau dem Zeitraum vervielfacht, in dem der gemessene Blutdruck gefallen ist. Eine Bevölkerung, die dreimal so oft fettleibig und siebenmal so oft schwer fettleibig ist wie 1974, wird nicht durch besseres Leben um fünfzehn Punkte leichter.
Es bleibt genau eine Erklärung, die zu allen Zahlen gleichzeitig passt: Die Werte sind nicht gesunken, sie werden gesenkt. Die Hälfte der Älteren nimmt Mittel dagegen.
Und daraus folgt der Satz, um den es hier geht: Man misst heute eine behandelte Bevölkerung und nennt das Ergebnis die Norm. Der Maßstab wird an einer Gruppe geeicht, die bereits unter der Wirkung des Mittels steht, für das der Maßstab die Indikation liefert. Wer das einmal gesehen hat, durchschaut jede Leitlinien-Tabelle.
Und wer gar nichts nimmt, liegt noch einmal anders. Derselbe Bericht zeichnet die Kurven nach einzelnen Lebensjahren. Bei den unbehandelten Frauen mit erhöhten Werten liegt der obere Wert ab etwa 55 Jahren dauerhaft über 155 und steigt weiter; im Mittel der über Sechzigjährigen sind es 159. Bei den Männern derselben Gruppe 154.
Ein Teil davon ist Definition — wer unbehandelt ist und über der Schwelle liegt, liegt eben darüber. Interessant ist deshalb nicht das Ob, sondern das Wieviel: Es sind nicht 142 oder 145. Es sind 155 bis 160. Das ist ziemlich genau die Gegend, in die auch die alte Faustregel „100 plus Lebensalter” für diese Jahrgänge zeigt.
Und noch eine Zahl aus derselben Zeile, die alles zusammenhält: Der untere Wert dieser unbehandelten Älteren liegt bei 74 — klar unter der 80er-Marke. Im Alter ist der hohe Blutdruck also fast immer ein reines Oberwert-Phänomen: die Handschrift steifer Schlagadern, nicht die eines unter Druck stehenden Kreislaufs. Harmlos ist auch das nicht — dazu weiter unten die Einschränkung der Framingham-Autoren. Aber es ist etwas anderes. Ihn mit derselben Logik zu behandeln wie den hohen unteren Wert eines Fünfundvierzigjährigen heißt, zwei völlig verschiedene Dinge mit demselben Rezept zu behandeln.
Der Anstieg des oberen Wertes mit dem Alter ist also kein Anzeichen von Krankheit, sondern das Muster auch der gesunden Bevölkerung. Genau das hatte die alte Faustregel abgebildet — grob, aber in der richtigen Grössenordnung.
Und damit ich hier nichts unterschlage: Die Framingham-Autoren ziehen daraus nicht den Schluss, das sei harmlos. Sie vermuten einen Teufelskreis, in dem ein hoher oberer Wert die Versteifung weiter antreibt. Man darf beides gleichzeitig ernst nehmen. Nur eines folgt aus ihren Daten mit Sicherheit nicht: dass ein einzig starrer Grenzwert gleichermaßen für den Dreißigjährigen und den Achtzigjährigen gelten kann.
Und sind „steife Schlagadern” nicht einfach Cholesterin?
An dieser Stelle kommt bei fast jedem dieselbe Frage, und sie verdient eine ehrliche Antwort. Das Bild im Kopf ist die Hausinstallation: Im Rohr setzt sich etwas ab, das Rohr wird enger, also braucht es mehr Druck. So einleuchtend das klingt — im Kreislauf stimmt es nicht.
Cholesterin-Ablagerungen sitzen in den großen Leitungsrohren: Herzkranzgefäße, Halsschlagader, Aorta, Beckenarterien. Der Blutdruck, den dein Messgerät anzeigt, entsteht aber fast vollständig woanders — im Widerstand der Arteriolen, der winzigen Endverzweigungen kurz vor den feinsten Haargefäßen. Dort gibt es keine Ablagerungen. Ein zur Hälfte verengtes Herzkranzgefäß macht Brustschmerz beim Treppensteigen. Den Blutdruck hebt es nicht an.
Denn Ablagerung und Steifigkeit sitzen in verschiedenen Schichten derselben Gefäßwand:
In der Innenhaut (Intima) sitzt die Atherosklerose, die Cholesterin-Plaque. Sie verengt, und sie kann aufreißen — daher das Infarktrisiko.
In der Mittelschicht (Media) sitzt das Altern: Die elastischen Fasern brechen, Kollagen vernetzt sich, Kalk lagert sich ein. Die Ader wird nicht enger, sie wird härter.
Die Forschung trennt beides sauber. Die Härte der großen Schlagadern hängt an der Verkalkung, nicht am weichen Belag: In den frühen Stadien der Atherosklerose steigt die Pulswellengeschwindigkeit — das Maß für die Steifigkeit der Gefäße — überhaupt nicht an [Quellen: Cecelja und Chowienczyk, JRSM Cardiovascular Disease 2012 — Role of arterial stiffness in cardiovascular disease, Odink et al., Journal of Human Hypertension 2008 — Gefäßsteifigkeit und arterielle Verkalkung in der Rotterdam-Studie].
Und der Beleg dafür steht schon ein paar Absätze weiter oben: die 74. Wer gegen verstopfte Rohre anpumpt, hätte einen hohen unteren Wert. Ein hartes Rohr macht das Gegenteil — oberer Wert hoch, unterer Wert tief. Die Zahlen der unbehandelten Älteren erzählen von einem steifen Schlauch, nicht von einem verstopften.
Eine Stelle gibt es, an der die Ablagerung den Druck wirklich treibt: die Nierenarterie. Verengt eine Plaque die Zufahrt zur Niere, meldet die Niere Unterversorgung — und der Körper antwortet mit dem stärksten Drucksteigerungs-Programm, das er hat: Salz und Wasser zurückhalten, Gefäße enger stellen. Bei älteren Menschen, deren Hochdruck auf drei Mittel nicht anspricht, fand eine Untersuchung an 285 Patienten, die ohnehin zur Gefäßdarstellung kamen, eine solche Verengung in 24 Prozent der Fälle [Quelle: Benjamin et al., American Journal of Cardiology 2014 — Prevalence of and Risk Factors of Renal Artery Stenosis in Patients With Resistant Hypertension]. Wer seit Jahren Mittel steigert, ohne dass der Wert nachgibt, sollte danach fragen lassen.
Und im Übrigen läuft die Ursache umgekehrt, als man denkt. Hoher Druck reibt an der Innenhaut der Gefäße. Wo diese Innenhaut damit verletzt wird — bevorzugt an Verzweigungen und Krümmungen, wo das Blut verwirbelt —, beginnt die Ablagerung. Der Hochdruck ist eher der Vater der Plaque als ihr Kind.
Der Punkt, an dem beide zusammenlaufen, ist genau diese Innenhaut, das Endothel. Es stellt das Stickstoffmonoxid her, das die Gefäße entspannt — dazu im zweiten Teil mehr. Ein geschädigtes Endothel gibt weniger davon ab, also bleiben die Gefäße enger und der Druck steigt. Dasselbe geschädigte Endothel lässt Fette in die Wand, also wächst dort die Plaque. Beide Befunde haben dieselbe Mutter: Insulinresistenz, oxidativer Stress, stille Entzündung [Quelle: Młynarska et al., International Journal of Molecular Sciences 2025 — Endothelial Dysfunction as the Common Pathway Linking Obesity, Hypertension and Atherosclerosis].
An dieser Ursache kann man übrigens arbeiten — nur nicht mit den Mitteln, die dafür verschrieben werden. Zwei Stoffe sind dafür ordentlich untersucht, und beide zielen nicht auf die Tagesanzeige, sondern auf die Beschaffenheit des Rohrs selbst. Der eine schaltet einen körpereigenen Verkalkungs-Bremser ein, den die meisten Menschen abgeschaltet mit sich herumtragen; in einer dreijährigen Doppelblind-Studie wurden die Schlagadern damit messbar weicher, am stärksten bei denen, die am steifsten begonnen hatten. Der andere ist der natürliche Gegenspieler des Kalziums in der Gefäßwand.
Beides sind einfache, frei verkäufliche Nährstoffe, keine Medikamente — und ich verkaufe weder das eine noch das andere. Ich handle mit keinen Nahrungsergänzungsmitteln, an keiner Empfehlung in diesem Artikel verdiene ich einen Rappen. Für die Stammleser habe ich beides unten aufgeschrieben — mit den Mengen aus den Studien, mit dem Gegenbefund, der ebenfalls existiert, und mit der einen Medikamenten-Grenze, die man dabei unbedingt kennen muss. Es passt nicht mehr in dieses Kapitel, ohne es zu sprengen.
Damit steht dieselbe Figur noch einmal da, eine Etage tiefer. Die Medizin behandelt zwei Zahlen mit zwei Dauermedikamenten — den Blutdruck und das Cholesterin. Keines der beiden Mittel rührt an der Ursache, aus der beide Werte kommen.
Die alte Faustregel ist verdrängt, sie gilt als geschäftsschädigend. Der Blutdruck-Grenzwert dagegen ist gewandert — und zwar fast immer in dieselbe Richtung. Die Chronik ist eindeutig:
Ein Wort vorweg zu den Kürzeln in dieser Liste: JNC steht für Joint National Committee, das staatliche US-Gremium für Bluthochdruck-Leitlinien, das von 1977 bis 2014 arbeitete. ACC und AHA sind die beiden Fachgesellschaften der amerikanischen Kardiologen, ESC ist ihr europäisches Gegenstück. Wer diese Gremien sind und warum der Wechsel zwischen ihnen der eigentliche Bruch ist, steht gleich nach der Liste.
1931 — John Hay, Professor der Medizin in Liverpool, schreibt im British Medical Journal: „Die größte Gefahr für einen Menschen mit hohem Blutdruck liegt in dessen Entdeckung, denn dann versucht sicher irgendein Narr, ihn zu senken.” Hay war kein Gegner der Behandlung — er warnte vor dem blinden Senken.
bis in die 1970er — die Faustregel der Lehrbücher: 100 plus Lebensalter.
1977, erste US-Leitlinie (JNC 1) — als erhöht gilt 160/95. Behandelt wird praktisch nur nach dem unteren Wert, ab etwa 105 diastolisch.
1980 (JNC 2) — der untere Wert allein definiert die Krankheit: 90 diastolisch, also unterer Wert. Medikamente ab 104, bei Risiko schon ab 90.
1984 (JNC 3) — erstmals zählt der obere Wert mit: 140/90. Und es entsteht die erste Vorstufe: „hochnormal” bei 85 bis 89 diastolisch.
1993 (JNC 5) — Behandlungsschwelle 140 systolisch, „normal” wird auf unter 130/85 gezogen.
1997 (JNC 6) — neue Bestnote: „optimal” unter 120/80. Wer über den Werten eines Zwanzigjährigen liegt, ist nicht mehr optimal.
2003 (JNC 7) — die „Prähypertonie” wird erfunden: 120–139 / 80–89. Damit bekommen rund 45 Millionen Amerikaner über Nacht eine Vorstufen-Diagnose, ohne dass sich ihr Blutdruck verändert hätte. Kritiker warnten damals, das medikalisiere die halbe erwachsene Bevölkerung.
2014 (JNC 8) — die einzige vorübergehende Lockerung der ganzen Reihe: Ab 60 Jahren soll erst ab 150/90 behandelt werden. Das Alter kommt für einen Moment zurück in den Maßstab. Es hält jedoch nur drei Jahre.
2017 (ACC/AHA) — 130/80. Die Lockerung ist rückgängig gemacht, und zwar unter das Niveau von vorher.
2024 (ESC, Europa) — Hypertonie bleibt bei 140/90, aber es entsteht die nächste Vorstufe: „erhöhter Blutdruck” ab 120/70. Für Behandelte wird ein Zielkorridor von 120 bis 129 systolisch ausgegeben.
[Quellen: Whelton, Evolution of blood pressure clinical practice guidelines, Canadian Journal of Cardiology 2019, Historical Perspectives on the Management of Hypertension, JNC 8, 2014, American College of Cardiology zur ESC-Leitlinie 2024]
Der Mann, der die Studie leitete, und das Gremium, das daraus die Regel machte
Diese Chronik stammt übrigens nicht von einem Kritiker der Leitlinien. Aufgeschrieben hat sie Paul Whelton — derselbe Mann, der 2017 dem Gremium vorsaß, das die Grenze auf 130/80 senkte.
Und dieses Gremium war keine Behörde. Es war ein Schreib-Komitee der amerikanischen Kardiologen-Fachgesellschaften ACC und AHA. Sein Vorsitzender leitete zugleich die Studie, auf die es sich berief: Whelton stand an der Spitze der SPRINT-Studie und an der Spitze des Komitees, das aus SPRINT eine Grenze machte. Beides steht offen in den Unterlagen der Beteiligten, auch beim staatlichen Herz-Lungen-Institut selbst [Quelle: NHLBI 2017 — NIH’s SPRINT trial played a key role in the evolution of the new blood pressure guidelines]. Es ist kein aufgedecktes Geheimnis. Es ist der normale, unverschämte Betrieb.
Drei Dinge fallen an dieser Reihe auf.
Erstens: Die Krankheitsschwelle sank von 160/95 auf 130/80. In vierzig Jahren, ohne dass die menschliche Physiologie sich geändert hätte.
Zweitens: Jedes Mal, wenn die Schwelle sank, wurde darunter eine neue Vorstufe eingezogen — „hochnormal” 1984, „optimal” 1997, „Prähypertonie” 2003, „erhöhter Blutdruck” 2024. Der Bereich, in dem ein Mensch einfach gesund ist, wird bei jeder Revision kleiner. Man kann das mit Früherkennung begründen — nur folgte auf jede neue Vorstufe eine Behandlungsempfehlung und keine Beobachtungsempfehlung. Das ist keine Wissenschaft, das ist Pharma-Marketing.
Drittens: Die einzige Lockerung hielt drei Jahre. 2014 durfte ein Sechzigjähriger noch 150 haben. 2017 war er schon bei 130 ein Fall.
Und dahinter steckt mehr als ein Meinungsumschwung. Es war ein Wechsel der Zuständigkeit.
Bis 2013 schrieb ein staatliches Gremium diese Leitlinien — das Joint National Committee, angesiedelt beim Herz-Lungen-Institut der amerikanischen Gesundheitsforschungsbehörde NIH. Im Juni 2013 erklärte dessen Direktor Gary Gibbons, sein Institut steige mit sofortiger Wirkung aus dem Leitliniengeschäft aus, und reichte die Aufgabe an die Fachgesellschaften der Kardiologen weiter.
Das achte JNC-Panel machte den Wechsel nicht mit. Es lehnte die angebotene Zusammenarbeit ab, arbeitete eigenständig weiter und veröffentlichte 2014 die Lockerung auf 150/90 für die über Sechzigjährigen [Quelle: O’Brien, Hypertension 2014 — End of the Joint National Committee heritage?].
Damit liest sich die ganze Reihe anders. Die einzige Lockerung in vierzig Jahren stammt vom letzten staatlichen Gremium — von genau dem, das sich der Übergabe verweigert hatte. Drei Jahre später schrieb der private Nachfolger 130/80.
Zuletzt also 2017: Die amerikanischen Kardiologen-Fachgesellschaften senkten die Schwelle für „Hypertonie” von 140/90 auf 130/80 mmHg. Die Folge war nicht ein einziger neu erkrankter Mensch, sondern eine Zahl auf dem Papier: Der Anteil der US-Erwachsenen, die als blutdruckkrank gelten, sprang von 31,9 auf 45,6 Prozent [Quellen: Muntner et al., Circulation 2018 — Potential US Population Impact of the 2017 ACC/AHA High Blood Pressure Guideline, Cleveland Clinic Journal of Medicine zur Leitlinie].
Über Nacht wurden aus einem Drittel der Bevölkerung fast die Hälfte. Kein Mensch wurde dabei kränker. Es änderte sich nur der Grenzwert.
Und jetzt schau noch einmal darauf, wer diesen Grenzwert festlegt. Seit der Übergabe von 2013 sind das die Berufsverbände der Kardiologen — also die Organisationen genau der Ärzte, die die neu Diagnostizierten anschließend behandeln. Mit dem Federstrich von 2017 kamen in den USA rund 31 Millionen Menschen zusätzlich in ihre Zuständigkeit. Nicht jeder davon bekam sofort ein Rezept, aber jeder bekam eine Diagnose — und eine Diagnose bringt den Ersttermin, die Wiedervorstellung, die Kontrolle zweimal im Jahr. Lebenslang.
Ein Berufsverband hat damit die Größe seines eigenen Marktes festgelegt.
Ausdrücklich nicht gemeint ist damit dein Hausarzt. Der bekommt die Leitlinie so, wie du sie bekommst: als geltenden Stand, von dem abzuweichen ihn im Streitfall allein haften lässt.
Gemeint sind die Gremien, die die Zahl setzen. Man muss ihnen dafür keine böse Absicht unterstellen — es genügt, die Konstruktion anzusehen: Die Gruppe, die von der Behandlung lebt, bestimmt, ab welcher Zahl ein Mensch behandlungsbedürftig ist. In jedem anderen Gewerbe hieße das Befangenheit — der Bäcker, der festlegt, ab wann jemand essen muss.
Ich bin einundsiebzig. Nach der alten Faustregel hätte ich bei 171 systolisch nichts zu behandeln. Nach der Linie von 2017 wäre ich seit Jahren Patient — dauerhaft, mit Rezept, mit Kontrollterminen und mit einer Diagnose in der Krankenakte. Ich konnte meine Hausärztin davon überzeugen, mir weder Blutdrucksenker noch andere Dauermedikamente zu verschreiben. Überzeugt hat sie genau das, was du hier liest: die Zahlen, die Chronik und die Quellen, die ich jetzt für alle veröffentliche.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass Druck harmlos ist. Ein Kreislauf, der über Jahre gegen zu engen Widerstand pumpt, verdickt den Herzmuskel, schädigt Nierenkörperchen und Netzhautgefäße. Das ist real und messbar. Es heißt etwas anderes: Ein Zahlenwert allein ist keine Diagnose. Er ist der Anfang einer Frage.
Beim Labor ist der Kranke der Maßstab für “Normal”, beim Blutdruck der Dreißigjährige
Jetzt kommt die Stelle, an der ich beim Nachdenken über diesen Artikel hängengeblieben bin. Denn die Medizin geht mit ihren Maßstäben nicht einfach nachlässig um — sie geht mit ihnen in zwei entgegengesetzte Richtungen, und beide Male auf Deine Kosten.
Schau dir an, wie ein Laborwert seinen „Normbereich” bekommt. Jedes Labor sammelt die Ergebnisse seiner Messungen, sortiert die Werte, schneidet oben und unten die Ausreißer ab und erklärt das breite Mittelfeld zum Normbereich. Jedes Labor verwendet seine eigenen Normbereiche. Wechselt der Arzt das Labor, kannst du von krank zu gesund wandern oder umgekehrt. Wer in den Normbereich hineinfällt, ist „im grünen Bereich”. Nur: Wessen Blut geht ins Labor? Nicht die der Kerngesunden und Jungen. Ins Labor gehen Menschen mit Beschwerden. Der Durchschnitt der Gemessenen ist damit weitgehend der Durchschnitt der Kranken — und dieser Durchschnitt wird zum Maß dessen, was normal heißt.
Ein Beispiel aus unserem eigenen Haushalt. Ferritin, der Eisenspeicher: Der Laborbereich reicht von 15 bis 480 µg/L. Wer bei 31 liegt, bekommt „alles in Ordnung” gesagt — und wundert sich, warum ihm morgens die Kraft fehlt. Die funktionelle Medizin, in der Linie von Dr. Ulrich Strunz auch „Frohmedizin” genannt, fragt eine völlig andere Frage: nicht „wo liegt der Mittelwert der Kranken?”, sondern „welchen Wert hat ein Mensch, dem es wirklich gut geht?”. In der funktionellen Medizin gilt eine Marke über 120 als Zielbereich — also achtmal so hoch wie der Wert, der im Labor noch als ok durchgeht.
Beim Blutdruck läuft es genau umgekehrt — und das ist die Absurdität.
Hier nimmt man nicht den Durchschnitt der Gemessenen. Hier nimmt man einen festen Zielwert, der dem entspricht, was ein gesunder Dreißigjähriger hat, und legt ihn unverändert an den Achtzigjährigen an — an einen Kreislauf, dessen Gefäße sechzig Jahre Betriebsdauer hinter sich haben, steifer geworden sind und mehr Druck brauchen, um dieselbe Menge Blut durch dasselbe Gehirn zu schieben. Der Achtzigjährige wird nicht an seiner Altersgruppe gemessen, sondern an einem Idealbild, das er biologisch nicht mehr erfüllen kann und aus guten Gründen nicht erfüllen soll.
Die alte Faustregel „100 plus Lebensalter” war grob, gewiss. Aber sie war die einzige der beiden Denkweisen, die das Leben des Menschen im Maßstab mitführte. Sie erlaubte dem Sechzigjährigen, ein Sechzigjähriger zu sein.
Also, in einem Satz:
Beim Blutbild wird die Norm geweitet, bis der Angeschlagene als normal gilt.
Beim Blutdruck wird sie verengt, bis jeder Zweite eine Diagnose bekommt.
Zwei Bewegungen, gegenläufig, dasselbe Ergebnis: In beiden Fällen misst niemand dich. Und in beiden Fällen fällt die Entscheidung über eine Behandlung, bevor irgendjemand gefragt hat, wie es dir eigentlich geht.
Und jetzt die eigentliche Bosheit an dieser Verdrehung
Denn die beiden Messgrößen sind nicht von derselben Art. Sie sind Gegenteile.
Der Blutdruck ist ein Ergebnis. Er ist das, was am Ende einer Kette herauskommt — aus Gefäßzustand, Nierendurchblutung, Hormonlage, Stress, Gewicht, Zuckerstoffwechsel. Man kann an diesem Blutdruck ziehen und drücken, so viel man will: An der Kette davor ändert das nichts. Man bekämpft die Wirkung, nicht die Ursache.
Ein Laborwert dagegen ist eine Stellgröße — jedenfalls dann, wenn man ihn gegen die Werte von wirklich Gesunden liest statt gegen den Durchschnitt der Angeschlagenen. Genau das machen Sportmediziner seit jeher: Sie messen ihre Athleten nicht daran, was der Durchschnitt der Bevölkerung an Eisen, Vitamin D oder Schilddrüsenhormon hat, sondern daran, was ein Körper braucht, der volle Leistung bringen soll. Und an solchen Werten kann der Patient selbst etwas drehen: essen, weglassen, ergänzen, bewegen, schlafen.
Der Unterschied in einem Satz: Beim Blutdruck behandelt man die Anzeige. Bei den Laborwerten könnte man die Ursache finden und behandeln — wenn man sie richtig läse.
Und jetzt kommt der Teil, der wirklich weh tut: die Zeit.
Funktionelle Abweichungen zeigen sich Jahre, bevor eine Diagnose fällt. In einer britischen Langzeituntersuchung an über 6’500 Beamten ließen sich die Stoffwechselwerte derer, die später Diabetes bekamen, bis zu dreizehn Jahre vor der Diagnose zurückverfolgen: Die Insulinempfindlichkeit sank in den letzten fünf Jahren vor der Diagnose steil ab, der Nüchternzucker stieg in den letzten drei Jahren [Quelle: Tabák et al., The Lancet 2009 — Whitehall II]. Dasselbe gilt beim Eisen: Der Speicherwert Ferritin fällt in den Keller, lange bevor das Blutbild auffällig wird — der Mensch ist erschöpft, aber „laborgesund”.
Dreizehn Jahre. Das ist die Zeitspanne, in der ein Mensch mit ein paar Änderungen an Ernährung, Bewegung und Nährstoffen seinen Verlauf noch drehen kann. In der heutigen Ordnung passiert in diesen dreizehn Jahren genau nichts, weil alle Werte „im Normbereich” liegen. Ernst genommen wird der Patient in dem Moment, in dem die Schwelle überschritten ist — also dann, wenn aus einer Neigung eine Krankheit geworden ist und es für die einfachen Mittel zu spät ist.
Ob das so gewollt ist, muss jeder selbst beurteilen. Die Wirkung ist jedenfalls eindeutig: Die eine Messgröße, an der man früh und selbst etwas ändern könnte, wird so gelesen, dass man nichts sieht. Die andere, an der man selbst nichts direkt ändern kann, wird so gelesen, dass sofort behandelt werden muss. Ein Verfahren, das genau umgekehrt aufgebaut ist als das, was dem Patienten nützen würde.
Bis hierher, und was im zweiten Teil kommt
Halten wir fest, was jetzt auf dem Tisch liegt. Der Mensch hat sich nicht verändert — der Grenzwert hat sich bewegt, und zwar in vierzig Jahren von 160/95 auf 130/80. Die Zuständigkeit dafür wanderte 2013 von einer staatlichen Stelle zu privaten Fachgesellschaften. Beim Blutbild wird die Norm geweitet, bis der Angeschlagene hineinpasst; beim Blutdruck verengt, bis der gesund Alternde herausfällt. Und die eine Messgröße, an der du früh und selbst etwas ändern könntest, wird so gelesen, dass niemand etwas sieht.
Damit ist erst die Hälfte gesagt. Denn die Verteidigung der Leitlinien lautet: Egal wie die Linie zustande kam — die Behandlung rettet Leben, also ist die Linie gerechtfertigt.
Genau diese Behauptung nimmt sich der zweite Teil vor. Dort steht die Zahl, mit der man dich überredet, direkt neben der Zahl, die dahinter steht — es ist dieselbe Studie, sie klingt nur völlig anders. Dort steht, was die Studien an alten Menschen wirklich gemessen haben. Und dort steht, was der Körper stattdessen braucht: die vier Ursachen, die die Erfahrungsheilkunde zuerst prüft, die zwei Stoffe, die in kontrollierten Studien messbar Druck wegnehmen, und die zwei Wochen Messen, die dir deine eigene Zahl geben statt der aus der Praxis.
Und wenn du selbst Blutdrucksenker nimmst: Ändere jetzt bitte nichts. Nichts an diesem Teil ist eine Aufforderung, ein Mittel abzusetzen — abruptes Weglassen ist der falsche Weg, und warum das so ist, steht im zweiten Teil in naher Zukunft.
Eines kannst du aber schon jetzt mitnehmen, ohne auf ihn zu warten. Eine Zahl auf einem Display ist eine Messung. Ob sie eine Diagnose ist, entscheidet nicht das Gerät — das entscheidet ein Gremium, das vor vierzig Jahren bei demselben Menschen eine andere Zahl gewählt hätte.
Wer seinen eigenen Fall durchgehen will
Nichts von dem, was hier steht, ist auf deinen Fall zugeschnitten. Ob dein Wert eine Antwort deines Körpers ist oder ein echtes Warnzeichen, entscheiden deine Nierenwerte, deine Medikamente, deine Vorgeschichte. Genau für diese Übersetzungsarbeit habe ich neben dem Schreiben eine KI gebaut.
Sie beantwortet Gesundheitsfragen aus 36 Jahren Erfahrungsheilkunde — Orthomolekularmedizin, Phytotherapie, klassische Homöopathie, Volksheilkunde, Blutgruppen-Ernährung. Sie erfindet nichts: Jede Aussage kommt aus hinterlegten Werken und trägt ihre Quelle. Und sie warnt dort, wo eine Heilpflanze einem Medikament in die Quere kommt — bei Blutverdünnern ist das keine Nebensache.
Dieser Artikel verdankt ihr seine Entstehung. Einer meiner Nutzer hat die KI gefragt, was sie von den heutigen Blutdruck-Richtlinien hält und wie diese Richtlinien früher aussahen. Aus dieser einen Frage ist alles geworden, was du gerade gelesen hast. Die erste Frage ist kostenlos: start.naturheilung.org
Wer danach weiterfragen will, findet dort den Jahreszugang für CHF 120 — für die, die früh dabei sind, dieser Preis dauerhaft [Zugang: shop7.ch]. Es gibt auch einen Einzelmonat für CHF 25, wenn du es erst ausprobieren willst. Kein Abo-Zwang, Kündigung per formloser E-Mail.
Wie das ganze System zusammenhängt — warum ein von Rockefeller finanzierter Report die Naturheilkunde 1910 aus den Kliniken verbannte und was das mit deiner Sprechstunde von heute zu tun hat —, habe ich hier aufgeschrieben:
Wer hat dir die Gesundheit weggenommen — und wie du sie zurückholst
1990 gaben mich die Ärzte auf. Ich war Anfang dreißig, erschöpft, arbeitsunfähig, von Woche zu Woche kränker. Ich ging von einem Schulmediziner zum nächsten — sie untersuchten mich, und keiner fand heraus, was mir wirklich fehlte, geschweige denn, dass er mir helfen konnte. Am Ende hatte keiner mehr eine Antwort.
Das Buchgeschenk für Stammleser: „Die kleine 5G-Fibel”
Dieser Artikel handelt von einem Grenzwert, der nicht den Menschen schützt, sondern das Geschäft. Genau davon handelt auch das aktuelle Willkommensbuch — nur auf einem anderen Feld. „Die kleine 5G-Fibel” ist meine kompakte Handreichung aus jahrelanger Praxis im Verein 5Gfrei: Was 5G technisch wirklich ist, welche biologischen Wirkungen die unabhängige Forschung seit Jahrzehnten dokumentiert, warum die offiziellen Grenzwerte den Ausbau und nicht die Gesundheit schützen — und Schritt für Schritt, wie ein Bauantrag für eine Mobilfunkanlage abläuft und an welcher Stelle Anwohner mit welcher Begründung und in welcher Frist einsprechen können. Mit Adressen, Vorlagen und Quellen. Wer sie gelesen hat, weiß, welchen Brief er morgen schreibt.
Stammleser bekommen dieses Buch unten gratis — mit einem Code, der den Preis im Shop auf null setzt. Wer noch kein Stammleser ist: Ein Abo kostet weniger als das Buch, und alle vier Wochen kommt ein neues dazu.
Wer die Parallele sehen will: dort wie hier hat ein Gremium eine Zahl festgelegt, und diese Zahl bestimmt, was als unbedenklich gilt. Wie sie zustande kam, steht auf keinem Beipackzettel.
Und wenn du es einfach kaufen willst: ingag.de/5g-fibel
Und ebenfalls für Stammleser: die zwei Nährstoffe mit ihren Mengen
Weiter oben, im Kapitel über die steifen Schlagadern, habe ich sie angekündigt. Unten stehen sie mit Namen — und vor allem mit den Mengen, mit denen in den Studien tatsächlich gearbeitet wurde: wie viel Mikrogramm des einen über welchen Zeitraum, wie viel Milligramm des anderen pro Tag. Dazu der ehrliche Gegenbefund, der ebenfalls existiert, und die eine Medikamenten-Grenze, die man kennen muss, bevor man das erste davon in die Hand nimmt.
Beides sind frei verkäufliche Nährstoffe, keine Medikamente. Ich verkaufe weder das eine noch das andere und verdiene an keiner der beiden Empfehlungen einen Rappen — was unten steht, ist die Studienlage, nicht mein Sortiment.
Die Naturheilkunde-KI
Neben dem Schreiben baue ich eine KI, die Gesundheitsfragen aus 36 Jahren Erfahrungsheilkunde beantwortet — mit Quellenangabe zu jedem Punkt und einem Warnhinweis dort, wo eine Heilpflanze einem Medikament in die Quere kommt. Die erste Frage ist kostenlos: start.naturheilung.org




