Zweiter Teil von vier. Im ersten Teil ging es um den MaĂstab â wie der Blutdruck-Grenzwert zwischen gesund und krank gewandert ist und wer ihn verschoben hat. Hier geht es um die Beweise: wie Wissenschaft manipuliert wird. Der dritte Teil bringt dann die Praxis â die Ursachen, die Stoffe, das Messen. Der vierte nimmt sich die Heilpflanzen vor, jede mit ihrer Zahl.
Im ersten Teil dieser Serie ging es um den MaĂstab. Kurz zusammengefasst, damit du auch hier einsteigen kannst: Die Krankheitsschwelle fĂŒr Bluthochdruck sank in vierzig Jahren von 160/95 auf 130/80, ohne dass sich die menschliche Physiologie geĂ€ndert hĂ€tte. Die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr diesen Grenzwert wanderte 2013 von einer staatlichen Stelle zu den Fachgesellschaften der Kardiologen. Und wĂ€hrend beim Blutbild vom Labor die Norm so weit gezogen wird, dass der Angeschlagene noch als normal gilt, wird sie beim Blutdruck so eng gezogen, dass der gesunde, alternde Mensch Tabletten nehmen soll.
Zwei Wörter, die von hier an stÀndig vorkommen, damit sie niemanden aufhalten:
Der obere der beiden Werte entsteht, wenn das Herz zusammenzieht und das Blut hinausdrĂŒckt â Fachwort systolisch.
Der untere ist der Druck in der Pause danach, wenn das Herz sich wieder fĂŒllt â diastolisch.
Gemessen wird in Millimetern QuecksilbersĂ€ule, abgekĂŒrzt mmHg; die Zahlen stehen meist nackt da, ohne Einheit.
Wenn du diesen zweiten Teil gelesen hast, weiĂt du drei Dinge.
Erstens, was die Studien zur Blutdrucksenkung tatsĂ€chlich zeigen â und mit welchem einfachen Kunstgriff aus demselben Ergebnis zwei völlig verschiedene Zahlen werden. Du wirst ihn nach einmal Sehen nie wieder ĂŒbersehen.
Zweitens, was in diesen Studien ĂŒberhaupt als âEreignisâ gezĂ€hlt wird, was stattdessen in einer anderen Tabelle landet â und wen man vorher aus der Untersuchung herausgenommen hat, bevor das Ergebnis anschlieĂend fĂŒr alle propagiert wird.
Und drittens, mit welchen Werten die berĂŒhmten Studien an alten Menschen wirklich gearbeitet haben, und wem der wandernde Grenzwert nĂŒtzt.
Und damit von Anfang an klar ist, was nicht gemeint ist: Nichts in diesem Teil ist eine Aufforderung, deine Tabletten wegzulassen. Ein Betablocker, den man abrupt absetzt, kann den Druck höher zurĂŒckschlagen lassen, als er vorher war. Wer bereits OrganschĂ€den hat, am Augenhintergrund, an den Nieren, ein vergröĂertes Herz, der hat ein echtes Problem und braucht mehr als einen Artikel. Was hier steht, soll dich nicht zum Absetzen bringen, sondern in die Lage versetzen, die Zahlen kritisch zu lesen, auf denen Du Deine Entscheidungen basierst.
Was die Studien wirklich zeigen
Jetzt geht es um die Beweislage fĂŒr das, was aus der verschobenen Grenze folgt: die Tablette.
Fangen wir bei dem Bereich an, in dem die meisten Menschen stehen, die eine Diagnose bekommen â der leichten Hypertonie, 140 bis 159 systolisch, ohne vorangegangene Herz-Kreislauf-Erkrankung. FĂŒr genau diese Gruppe hat die Cochrane Collaboration, das strengste unabhĂ€ngige Auswertungsgremium der Medizin, alle Studien zusammengetragen. Die Fassung von 2025, also brandaktuell, kommt zu diesem Ergebnis:
Bei Menschen mit unbehandelter leichter Hypertonie und ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung senkt der Beginn einer Blutdruckmedikation die Gesamtsterblichkeit, die Herz-Kreislauf-Ereignisse und die koronare Herzkrankheit möglicherweise nicht. Es könnte eine Verringerung der SchlaganfĂ€lle geben, möglicherweise aber auch mehr TherapieabbrĂŒche wegen Nebenwirkungen.
[Quellen: Wang et al., Cochrane Database of Systematic Reviews 2025 â Pharmacotherapy for mild hypertension, Erstfassung Diao et al. 2012]
In der Erstfassung von 2012 stand die Zahl, die man sich merken sollte: Kein Nachweis fĂŒr weniger Tote, weniger Herzinfarkte, weniger SchlaganfĂ€lle â aber neun Prozent der Behandelten brachen die Therapie wegen Nebenwirkungen ab. Das Risiko von Nebenwirkungen, die zur Aufgabe der Medikation fĂŒhrten, war fast fĂŒnfmal so hoch wie unter Scheinmedikament/Placebo.
Halten wir das fest: FĂŒr den Bereich, in dem der gröĂte Teil aller Blutdruck-Rezepte ausgestellt wird, ist der Nutzen nicht belegt. Der Schaden dagegen schon.
Und wo ein Nutzen belegt ist, wird er in einer Sprache erzĂ€hlt, die tĂ€uscht. Das ist der eigentliche Trick, und er ist so einfach, dass man ihn nach einmal Sehen nie wieder ĂŒbersieht.
Die groĂe SPRINT-Studie
Nimm die groĂe SPRINT-Studie von 2015, die als Beweis fĂŒr die schĂ€rferen Grenzwerte gelten soll. Sie untersuchte Hochrisiko-Patienten und senkte in der einen Gruppe auf unter 120 statt auf unter 140. Ergebnis, so wie es ĂŒberall zitiert wird: â25 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse.â
Jetzt die Zahlen, aus denen diese 25 Prozent entstanden sind:
Intensiv behandelte Gruppe: 1,65 Ereignisse je 100 Patienten und Jahr
Normal behandelte Gruppe: 2,19 Ereignisse je 100 Patienten und Jahr
[Quelle: SPRINT Research Group, New England Journal of Medicine 2015]
Im Klartext: Von hundert scharf behandelten Menschen erlitten in einem Jahr knapp zwei einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder etwas Ă€hnlich Schweres am Herzen â von hundert normal behandelten gut zwei. Was in dieser Studie genau als solches Ereignis gezĂ€hlt wurde, sehen wir uns gleich an; es ist eine der aufschlussreichsten Stellen der ganzen Arbeit.
Der Unterschied betrĂ€gt 0,54 Ereignisse pro hundert Patienten und Jahr. Anders gesagt: Rund 185 Menschen mĂŒssen ein Jahr lang scharf behandelt werden, damit ein einziger von ihnen ein Ereignis vermeidet â oder rund sechzig ĂŒber die gut drei Jahre, die SPRINT gelaufen ist. Die anderen 184 nehmen die Tabletten und haben davon â auĂer den Nebenwirkungen â nichts.
In SPRINT traten unter der scharfen Senkung mehr KreislaufzusammenbrĂŒche auf, mehr Ohnmachten, mehr aus dem Ruder gelaufene Salzwerte im Blut und mehr akutes Nierenversagen.
Dieselbe Wahrheit, zwei SĂ€tze:
â25 Prozent weniger Ereignisseâ â das ist die relative Angabe. Sie klingt nach einem Viertel deines Risikos.
âEin halbes Ereignis weniger pro hundert Behandelte und Jahrâ â das ist die absolute Angabe. Es ist dieselbe Studie.
Und jetzt sieh dir an, wovon dieses Viertel ein Viertel ist. In einem Jahr traf es in der scharf behandelten Gruppe 1,65 von hundert Menschen, in der normal behandelten 2,19 von hundert. Das Viertel, das da wegfÀllt, ist 0,54 = ein Viertel von 2,19%.
Genau so wird der Satz aber gehört. âFĂŒnfundzwanzig Prozentâ klingt, als trĂ€fe es jeden Vierten mit hohem Blutdruck â und als werde jetzt jeder Vierte davon verschont.
TatsĂ€chlich bleiben in beiden Gruppen rund achtundneunzig von hundert Menschen im Jahr ereignisfrei: in der einen 98,35%, in der anderen 97,81%. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt alles, was die schĂ€rferen Grenzwerte begrĂŒndet.
Der erste Satz steht in den Pressemitteilungen, in den Fortbildungsfolien und im Beipackzettel-Marketing. Der zweite steht in der Tabelle, die niemand aufschlÀgt.
Was in dieser Studie ĂŒberhaupt als Ereignis zĂ€hlt
Die Frage ist berechtigt, und die Antwort steht in der Studie: âEreignisâ heiĂt hier genau fĂŒnf Dinge, und alle fĂŒnf betreffen Herz und Kreislauf â
Herzinfarkt,
ein anderes akutes Koronarsyndrom,
Schlaganfall,
akute HerzschwÀche,
Tod aus Herz-Kreislauf-Ursache.
Heruntergespielte Nebenwirkungen
Was die Behandlung an auch heftigen âNebenwirkungenâ anrichtet, ist per Definition kein Ereignis. Es steht in einer anderen Tabelle.
Diese andere Tabelle gibt es. Sie wurde erhoben, sie ist veröffentlicht â sie wird nur nie abgezogen. Scharf behandelte gegen normal behandelte Gruppe, je hundert Teilnehmer, ĂŒber die gut drei Jahre:
Akutes Nierenversagen: 4,1 gegen 2,5
Kreislaufzusammenbruch: 2,4 gegen 1,4
Aus dem Ruder gelaufene Salzwerte im Blut: 3,1 gegen 2,3
Ohnmacht: 2,3 gegen 1,7
StĂŒrze mit Verletzung: 2,2 gegen 2,3
Die Studie hat auĂerdem ausgezĂ€hlt, welche schweren ZwischenfĂ€lle die PrĂŒfĂ€rzte selbst als möglicherweise oder sicher durch die Behandlung verursacht eingestuft haben.
Ergebnis: 4,7 von hundert in der scharf behandelten Gruppe gegen 2,5 in der anderen.
Jetzt lege die beiden Zahlen nebeneinander, die in der Blutdruck-Propaganda nie nebeneinander gelegt werden:
Vermiedene Herz-Kreislauf-Ereignisse ĂŒber die ganze Studie: 1,6 von hundert.
ZusĂ€tzliche schwere ZwischenfĂ€lle durch die Behandlung: 2,2 von hundert. Der Schaden war hĂ€ufiger als der Nutzen. Er stand nur nie in derselben Zeile â und es gibt in dieser Studie keinen Absatz, der beides gegeneinander verrechnet.
Und die fĂŒnfundzwanzig Prozent kommen nicht daher, wo du sie vermutest. Weniger Herzinfarkte? Der Unterschied war statistisch nicht signifikant â er lieĂ sich also nicht vom Zufall unterscheiden. Weniger SchlaganfĂ€lle? Ebenfalls nicht. Getragen wird die ganze Zahl von zwei Dingen â weniger HerzschwĂ€che und weniger Herz-Kreislauf-Tod. Wer âfĂŒnfundzwanzig Prozent weniger Ereignisseâ hört, denkt an Infarkt und Schlaganfall. Genau die waren es nicht.
Und die HerzschwĂ€che ist der weichste dieser fĂŒnf Endpunkte: Gemeint ist eine Einweisung wegen FlĂŒssigkeitsĂŒberladung im Körper â und die scharf behandelte Gruppe bekam im Schnitt ein Blutdruckmedikament mehr, hĂ€ufig ein entwĂ€sserndes. Man zĂ€hlt dort also als abgewendetes Ereignis, was ein zusĂ€tzliches EntwĂ€sserungsmittel unmittelbar verhindert; beim Herzinfarkt geht das nicht, und genau dort war der Unterschied dann auch nicht signifikant.
Verglichen wird nicht mit Menschen ohne Tabletten
Und jetzt die Stelle, an der man einmal innehalten sollte. Wer einmal gesehen hat, was hier eigentlich gegen was gestellt wird, liest jede Blutdruck-Schlagzeile anders.
Wer waren die beiden Gruppen in SPRINT? Die eine wurde auf unter 120 eingestellt, die andere auf unter 140. Beide bekamen Blutdrucksenker. Der Bauplan der Studie sagt es in seinem eigenen Titel: verglichen werden âzwei Strategien zur Kontrolle des systolischen Blutdrucksâ. Zwei Behandlungen. Keine unbehandelte Gruppe, kein Scheinmedikament, niemand ohne Tabletten.
Damit kann diese Studie eine Frage ĂŒberhaupt nicht beantworten â ausgerechnet die, die uns Patienten am wichtigsten ist:
WĂ€re ich ohne die Tabletten vielleicht besser dran?
Verglichen wird viel Medikament gegen wenig Medikament.
Nicht Medikament gegen kein Medikament.
Und daraus folgt etwas, das man sich in Ruhe ansehen sollte.
Ein Schaden, den die Blutdrucksenker in beiden Gruppen anrichten, kann in dieser Studie gar nicht sichtbar werden. Er kĂŒrzt sich weg.
Sichtbar wird allein, was die schÀrfer behandelte Gruppe zusÀtzlich abbekommt.
Die 4,1 gegen 2,5 beim akuten Nierenversagen sind also nicht der Schaden der Behandlung. Sie sind der Aufpreis fĂŒr die schĂ€rfere Dosis. Wie hoch der Grundpreis ist, steht in dieser Studie nirgends â und er steht auch in keiner Zeile, die daraus zitiert wird.
Einen Ort gibt es, an dem die Frage gestellt wurde: die Cochrane-Auswertung vom Anfang dieses Artikels. Dort wurde bei leichtem Bluthochdruck tatsÀchlich gegen Scheinmedikament verglichen, also gegen gar nichts.
Ergebnis: kein Nachweis fĂŒr weniger Tote, weniger Herzinfarkte, weniger SchlaganfĂ€lle â dafĂŒr neun von hundert, die wegen der Nebenwirkungen aufhörten.
Wo gegen nichts verglichen wird, verschwindet der Nutzen. Wo gegen weniger verglichen wird, erscheint er.
Der Studienleiter wird einwenden, eine unbehandelte Vergleichsgruppe sei heute nicht mehr ethisch zulĂ€ssig: Wer ĂŒber der Grenze liegt, dem darf man die Behandlung nicht vorenthalten. Das ist die ĂŒbliche BegrĂŒndung, und sie tönt zwingend.
Nur sieh dir an, was daraus folgt. Sobald eine Grenze einmal gezogen und zur Regel geworden ist, wird die Studie, die sie widerlegen könnte, fĂŒr unethisch erklĂ€rt. Die Zahl schĂŒtzt sich selbst. Wer sie ĂŒberprĂŒfen wollte, mĂŒsste genau das tun, was sie âaus ethischen GrĂŒndenâ verbietet.
Und das ist keine Eigenheit der Blutdruckforschung. Dieselbe Bauart steckt in den Zulassungsstudien fĂŒr Impfstoffe. Es greift dieselbe Regel wie beim Blutdruck: Man darf der Vergleichsgruppe den etablierten Schutz nicht mehr vorenthalten. Der neue Impfstoff wird deshalb gegen den alten getestet, nicht gegen nichts.
Wie beilĂ€ufig das gesagt wird, kann man beim Hersteller selbst nachlesen. Im Bericht ĂŒber die Zulassungsstudie des neunfachen HPV-Impfstoffs steht es als Nebensatz: Man habe den bereits zugelassenen vierfachen Impfstoff als Vergleichsgruppe genommen, âweil ein Placebo ethisch nicht vertretbar istâ [Quelle: Luxembourg et al., Contemporary Clinical Trials 2015 â Design of a Large Outcome Trial for a Multivalent HPV Vaccine].
Die Folge ist dieselbe wie bei SPRINT: Was beide PrÀparate gemeinsam anrichten, taucht in der Rechnung nicht auf. Sichtbar wird allein der Unterschied zwischen ihnen.
Das ist kein Vorwurf an eine einzelne Studie. Es ist die Konstruktion. Und sie fĂŒhrt dazu, dass die eigentliche Grundfrage â hilft dieses Mittel mehr, als es schadet? â nur ein einziges Mal gestellt werden kann: ganz am Anfang, bevor irgendetwas etabliert ist. Danach nie wieder.
Und was ist aus den Ăberlebenden geworden?
Eine Zahl spricht fĂŒr die Behandlung, und sie gehört hierher, sonst wĂ€re dieser Artikel genauso einseitig wie das, was er kritisiert: die Gesamtsterblichkeit. Das ist der eine Endpunkt, in dem alles landet, auch die Toten der Behandlung. Sie lag in der scharf behandelten Gruppe niedriger â 3,3 gegen 4,5 von hundert. WĂ€hrend der Studiendauer.
Diese eine Zahl hat allerdings eine Fortsetzung, die kaum jemand kennt.
Dieselben Teilnehmer wurden nach dem Ende der Studie weiter beobachtet, ĂŒber das amerikanische Sterberegister. Nach insgesamt knapp neun Jahren war vom Ăberlebensvorteil nichts mehr ĂŒbrig: kein Unterschied mehr bei den Herz-Kreislauf-Toten, keiner bei den Toten ĂŒberhaupt. Die Kurven hatten sich geschlossen [Quelle: Jaeger et al., JAMA Cardiology 2022 â Longer-Term All-Cause and Cardiovascular Mortality With Intensive Blood Pressure Control].
Das ist in beide Richtungen ehrlich einzuordnen. Nach dem Studienende stellte niemand mehr scharf ein; der Druck der einst scharf behandelten Gruppe stieg wieder, im Schnitt bis auf 140. Der Befund beweist also nicht, dass die Senkung nichts taugt. Er beweist etwas anderes, und fĂŒr die Frage, um die es hier geht, ist das wichtiger: Der Vorteil lĂ€sst sich nicht ansparen. Er hĂ€lt so lange, wie die scharfe Einstellung samt ihrer vierteljĂ€hrlichen Kontrolltermine hĂ€lt â und er verschwindet aus der Statistik, sobald man den Beobachtungszeitraum von drei auf neun Jahre verlĂ€ngert.
Die Autoren ziehen daraus den Schluss, man mĂŒsse eben lebenslang konsequent weiterbehandeln. Das ist eine mögliche Interpretation. Die andere lautet: Eine Studie ĂŒber dreieinhalb Jahre hat ĂŒber ein Leben nicht viel ausgesagt. Und eine ĂŒber dreiĂig Jahre gibt es schon gar nicht.
Nur sagt Sterblichkeit nichts darĂŒber, was aus den Ăberlebenden geworden ist. Und dafĂŒr steht in dieser Studie ein Beispiel, das man nicht erfinden muss.
Unter denen, die mit gesunden Nieren in die Studie gegangen waren, verloren in der scharf behandelten Gruppe 3,8 von hundert mindestens dreiĂig Prozent ihrer Nierenleistung und rutschten damit unter die Grenze zur NierenschwĂ€che. In der normal behandelten Gruppe waren es 1,1 von hundert. Das ist das Dreieinhalbfache â 127 Menschen gegen 37.
Diese Menschen sind nicht gestorben. Sie stehen in der Sterbestatistik auf der guten Seite. Was aus ihren Nieren in zehn oder zwanzig Jahren wird, weiĂ niemand. Die Autoren schreiben es beschönigend, und ich zitiere sie lieber wörtlich, als ihre Vorsicht wegzuspitzen â es gebe bislang keinen Beleg fĂŒr einen dauerhaften Nierenschaden, âdie Möglichkeit eines langfristig ungĂŒnstigen Nierenverlaufs lĂ€sst sich jedoch nicht ausschlieĂenâ.
Und jetzt sieh dir an, wie diese Vorsicht gebaut ist.
Ein Antibiotikum nimmt man zehn Tage. Danach ist es abgesetzt, und man verrechnet seine Nebenwirkungen gegen seinen Nutzen â beides hat ein Ende. Ein Blutdrucksenker wird fĂŒr den Rest des Lebens verschrieben. Wenn in gut drei Jahren aus 1,1 Prozent 3,8 Prozent werden: Was steht dann nach den 8 Jahren, fĂŒr die die Studie geplant war? Was nach zwanzig oder dreiĂig, die ein SechzigjĂ€hriger noch vor sich hat?
Niemand weià es. Und niemand kann es wissen, wenn man nach dreieinhalb Jahren aufhört zu messen.
âNicht auszuschlieĂenâ â das klingt nach einer Randmöglichkeit, mit der man wohl leben kann. Es ist aber die naheliegendste Erwartung. Wer in dreieinhalb Jahren das Dreieinhalbfache an NierenschĂ€den erzeugt und dann aufhört zu messen, hat keinen Grund zu der Annahme, dass die Kurve danach von selbst flach wird. Er hat nur keine Zahl mehr.
Warum diese Studie drei Jahre zu frĂŒh endete
Halt einen Moment bei dem Wort âabgebrochenâ. Hier liegt der Kern der ganzen Sache â und man muss dafĂŒr nichts vermuten, denn das Studienprotokoll von SPRINT ist öffentlich einsehbar.
Dort steht, wie lange beobachtet werden sollte: bis zu sechs Jahre. Im Studienregister stand als Enddatum der Oktober 2018. Beendet wurde die Behandlung am 20. August 2015, nach im Mittel 3,26 Jahren [Quellen: SPRINT-Studienprotokoll Version 4.0 vom 01.11.2012, Registereintrag NCT01206062].
Und jetzt der Satz, auf den es ankommt. Er steht in diesem Protokoll unmittelbar hinter der AufzĂ€hlung der fĂŒnf Herz-Kreislauf-Ereignisse:
Die laufende ZwischenĂŒberwachung auf Wirksamkeit stĂŒtzt sich auf die aufgelaufene Rate dieses primĂ€ren Endpunkts.
Nur darauf. Die Ăberwachung, die entscheidet, ob eine Studie weiterlĂ€uft oder endet, hing an einem einzigen Kriterium: Herz und Kreislauf.
Dabei war die Nierenfrage keine Nebenbeobachtung, die zufĂ€llig anfiel. Dasselbe Protokoll nennt als ausdrĂŒckliches weiteres Studienziel den befĂŒrchteten Abfall der Nierenleistung und das Entstehen eines Nierenversagens â und man hat eigens 2â648 Menschen mit vorbestehender NierenschwĂ€che aufgenommen, um diese Frage beantworten zu können [Quelle: Ambrosius et al., Clinical Trials 2014 â Design and Rationale of SPRINT].
Zwei erklĂ€rte Fragen also. Eine Ăberwachung, die nur eine davon beobachtet. Und ein Ende, das kam, als genau diese eine ihre Schwelle erreichte.
Damit lĂ€sst sich die offizielle BegrĂŒndung an ihrem eigenen MaĂstab prĂŒfen. Sie lautet: Als feststand, dass die scharf behandelte Gruppe seltener stirbt, war es ethisch nicht mehr zu verantworten, die andere Gruppe ohne diese verstĂ€rkte Medikamentation weiterlaufen zu lassen. Genau so wird der Abbruch einer medizinischen Studie begrĂŒndet.
Nur beantwortet es nicht, warum man auch bei allem anderen aufgehört hat. Eine Studie mit mehreren erklĂ€rten Zielen ist nicht fertig, wenn eines davon eine erreicht ist. Sie ist dann bei einem Ziel fertig. Und beendet wurde nicht eine Auswertung, sondern die Behandlung: Ab August 2015 gab es niemanden mehr, an dem sich die zweite Frage ĂŒberhaupt noch hĂ€tte stellen lassen.
Das ethische Argument hat auĂerdem eine zweite Seite, die nie gezogen wird. Wenn es unverantwortlich ist, einer Gruppe einen Vorteil vorzuenthalten, dann ist es genauso unverantwortlich, einer Gruppe einen Schaden zuzumuten. In der scharf behandelten Gruppe verloren dreieinhalbmal so viele Menschen ihre Nierenleistung. Diese Zahl hat kein Verfahren ausgelöst â es gab keines, das sie hĂ€tte auslösen können.
FĂŒr den Nutzen gibt es eine Schwelle. FĂŒr einen langsam wachsenden Schaden gibt es keine. Ein Vorteil, der sich in drei Jahren zeigt, beendet die Studie. Ein Schaden, der zehn Jahre braucht, um dramatisch zu werden, bekommt genau die Zeit nicht, die er dafĂŒr brĂ€uchte. Es ist auffĂ€llig, dass die Regel nur in eine Richtung scharf ist.
Wer ĂŒber das Ende entschieden hat, steht ebenfalls im Protokoll: ein als unabhĂ€ngig bezeichnetes Ăberwachungsgremium, dessen Mitglieder das NHLBI beruft, an dessen Sitzungen der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende der Studienleitung sowie Vertreter des NHLBI teilnehmen â und dessen Empfehlungen, wörtlich, vom NHLBI genehmigt werden mĂŒssen, bevor sie umgesetzt werden. Dasselbe Institut, das 2007 festgelegt hatte, dass diese Frage die wichtigste sei, und das die Studie bezahlte.
Und eines gehört zu vorzeitig beendeten Studien, das man wissen sollte, bevor man die fĂŒnfundzwanzig Prozent glaubt. Eine Untersuchung im Journal of the American Medical Association verglich 91 vorzeitig wegen Nutzens beendete Studien mit 424 vergleichbaren, die zu Ende liefen. Die vorzeitig beendeten zeigen systematisch gröĂere Effekte. Und bei 39 von 63 untersuchten Fragen â knapp zwei Dritteln â brachten die zu Ende gefĂŒhrten Studien am Ende gar keinen gesicherten Nutzen mehr heraus. Das galt unabhĂ€ngig davon, ob eine festgelegte Abbruchregel existierte [Quelle: Bassler et al., JAMA 2010 â Stopping Randomized Trials Early for Benefit and Estimation of Treatment Effects].
Ein frĂŒher Abbruch hĂ€lt einen Vorteil in dem Moment fest, in dem er am gröĂten aussieht.
Stell dir dazu ein FuĂballspiel vor. Der Schiedsrichter â ein völlig âunparteiischerâ natĂŒrlich â pfeift beim Stand von 1:0 ab, mit der BegrĂŒndung, das Ergebnis stehe ja nun fest, es mache keinen Sinn weiterzuspielen, die Spieler seien erschöpft. Bei einem 0:1 dagegen lĂ€sst er weiterspielen. Da könnte ja noch ein 2:1 daraus werden.
Was ein solcher Pfiff wert wĂ€re, weiĂ hierzulande jeder, der am 28. Juni 2021 vor dem Fernseher saĂ.
Achtelfinale der Europameisterschaft in Bukarest, die Schweiz gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. In der 75. Minute stand es 1:3. Der Sieger stand eindeutig fest, die Spieler waren erschöpft â ein Schiedsrichter mit der obigen BegrĂŒndung hĂ€tte genau hier abgepfiffen und Frankreich ins Viertelfinale geschickt.
Gespielt wurde weiter. SeferoviÄ traf in der 81. Minute, GavranoviÄ in der 90. Nach VerlĂ€ngerung und ElfmeterschieĂen stand die Schweiz zum ersten Mal seit der Heim-Weltmeisterschaft 1954 im Viertelfinale â MbappĂ©s Elfmeter hielt Yann Sommer [Quelle: SRF Sport, 28.06.2021 â Schweiz gewinnt Spektakel-Achtelfinal].
FĂŒnfzehn Minuten trennten âdas Ergebnis steht praktisch festâ von dem, was schlieĂlich geschah.
Kein Zuschauer wĂŒrde ein so beendetes Spiel fĂŒr entschieden halten. In der Medizin heiĂt dasselbe Verfahren âvorzeitiger Abbruch wegen erwiesenen Nutzensâ, und sein Ergebnis wird zur Leitlinie. Es gibt offenbar zu wenige Zuschauer bei solchen Studien. Ich Ă€ndere genau das mit diesem Artikel und machen den Schmu öffentlich.
Wie das in der Praxis aussieht, siehst du gleich im nĂ€chsten Kapitel â an zwei Studien, die dieselbe Frage gestellt haben und verschieden lange spielen durften.
Und danach war die andere Frage nicht mehr zu stellen. Der Druck der einst scharf behandelten Gruppe stieg nach dem Studienende wieder auf 140, wie wir oben gesehen haben. Wer heute nachschaut, was aus diesen Nieren geworden ist, schaut nicht mehr auf scharf behandelte Menschen. Was dreiĂig Jahre mit Blutdruck unter 120 mit einer Niere machen, ist nie untersucht worden â und mit diesen Teilnehmern kann es niemand mehr untersuchen.
Das ist die Asymmetrie, um die es in diesem aufklĂ€rerischen Artikel geht. Der Tabletten-Nutzen aus dreieinhalb Jahren wird auf ein ganzes Leben hochgerechnet und zur Regel fĂŒr alle gemacht. Der Schaden aus denselben dreieinhalb Jahren bleibt eine Möglichkeit, die sich ânicht ausschlieĂen lĂ€sstâ. Dieselben Daten, zwei MaĂstĂ€be.
Eine Zahl, die nur zĂ€hlt, wer noch atmet, verwechselt Ăberleben mit Leben.
Wo die Studie selbst danach gesucht hat, fand sie nichts, und auch das gehört hierher: Verletzende StĂŒrze waren in beiden Gruppen gleich hĂ€ufig, und eine eigene Auswertung fand bei körperlicher Verfassung, seelischem Befinden und Zufriedenheit keine Unterschiede â auch nicht bei denen, die schon zu Beginn körperlich oder geistig eingeschrĂ€nkt waren [Quelle: Berlowitz et al., New England Journal of Medicine 2017 â Effect of Intensive Blood-Pressure Treatment on Patient-Reported Outcomes].
Zwei Dinge muss man dazu allerdings wissen. Erstens zĂ€hlt die Nebenwirkungstabelle nur, was im Krankenhaus oder in der Notaufnahme ankommt. Zweitens ist der Fragebogen, mit dem die LebensqualitĂ€t erhoben wurde, ein Bogen mit zwölf Fragen zum allgemeinen Gesundheitsempfinden â ein zu grobes Netz.
Denn ein Sturz entsteht nicht aus dem Nichts. Ihm geht etwas voraus: ein Moment Benommenheit beim Aufstehen, ein Aussetzer, das GefĂŒhl, nicht ganz da zu sein, eine Unsicherheit im Gleichgewicht. Das sind die ZustĂ€nde, in denen jemand nach dem GelĂ€nder greift â und irgendwann danebengreift.
Kreislaufzusammenbruch und Ohnmacht waren in der scharf behandelten Gruppe hĂ€ufiger. Das ist derselbe Mechanismus, nur in seiner schweren Form â der Form, die in der Notaufnahme landet und deshalb eine Zeile bekommt. Die leichte Form bekommt keine: der Schwindel beim Aufstehen, der Nebel im Kopf am Vormittag, die Treppe, die man lieber meidet, das Autofahren, bei dem man sich nicht mehr ganz sicher ist. Kein Mensch geht damit in die Notaufnahme. Also wird es nirgends dokumentiert.
Und damit fÀllt aus der Rechnung heraus, was ein Mensch den ganzen Tag von seiner Behandlung merkt.
Die Antwort steht deshalb nicht in der Statistik. Sie steht in der Teilnehmerliste.
Die Ausgeschlossenen
SPRINT hat Diabetiker ausgeschlossen.
Menschen mit frĂŒherem Schlaganfall ausgeschlossen.
Menschen unter fĂŒnfzig ausgeschlossen.
Und, in den Worten der Autoren selbst: Bewohner von Pflegeheimen und betreutem Wohnen wurden gar nicht erst aufgenommen.
Dieselben Autoren nennen die fehlende Ăbertragbarkeit auf diese Gruppen ausdrĂŒcklich als SchwĂ€che ihrer eigenen Arbeit.
Damit ist die Frage beantwortet, nur anders als erwartet.
Die Studie hat den zu erwartenden Schaden an den Gebrechlichen nicht gefunden, weil die Gebrechlichen nicht mitgemacht haben.
Untersucht man dagegen alle Menschen, ohne welche vorher auszusortieren, dann findet man den Schaden â dreimal, an drei ganz verschiedenen Stellen:
Am Gleichgewicht. In einer landesweiten amerikanischen Untersuchung an Ă€lteren Erwachsenen hatten die mit Blutdrucksenkern Behandelten vierzig Prozent mehr schwere Sturzverletzungen; wer schon einmal gestĂŒrzt war, mehr als das Doppelte. Die Zahlen dazu stehen gleich im nĂ€chsten Kapitel.
Am Gehirn. In zwei GedĂ€chtnissprechstunden wurden 172 Menschen mit Demenz oder beginnender GedĂ€chtnisstörung ĂŒber den Tag hinweg gemessen, im Schnitt neunundsiebzig Jahre alt. Wer im untersten Drittel lag â bis 128 systolisch â, verlor in neun Monaten 2,8 Punkte im GedĂ€chtnistest. Die beiden anderen Drittel verloren 0,7. Das Vierfache. Und dieser Zusammenhang zeigte sich nur bei denen, die Blutdruckmedikamente nahmen â bei den unbehandelten Niedrigdruck-Patienten nicht. Die Autoren schreiben, ĂŒbermĂ€Ăiges Senken könne fĂŒr Ă€ltere Menschen mit GedĂ€chtnisstörung schĂ€dlich sein [Quelle: Mossello et al., JAMA Internal Medicine 2015 â Effects of Low Blood Pressure in Cognitively Impaired Elderly Patients Treated With Antihypertensive Drugs].
Am Leben selbst. Bei Pflegeheimbewohnern ab achtzig hatten diejenigen, die unter 130 lagen und zwei oder mehr Blutdruckmittel nahmen, eine fast doppelt so hohe Sterblichkeit wie alle ĂŒbrigen. Drei verschiedene Nachrechnungen bestĂ€tigten den Befund. Die Autoren sprechen ausdrĂŒcklich eine Warnung vor der Kombinationstherapie bei gebrechlichen Alten mit niedrigem Druck aus [Quelle: Benetos et al., JAMA Internal Medicine 2015 â PARTAGE-Studie].
Demenz war in SPRINT ein Ausschlussgrund. Pflegeheimbewohner kamen gar nicht erst hinein. Bei genau diesen Menschen dreht sich das Vorzeichen um â aber die Leitlinie von 2017 gilt trotzdem fĂŒr sie mit.
Das im Alter abnehmende Gesamtvolumen des Gehirns â also schlicht die Menge an Hirnsubstanz â nahm unter der scharfen Senkung stĂ€rker ab als unter der normalen: minus 30,6 gegen minus 26,9 Kubikzentimeter in vier Jahren [Quelle: Nasrallah et al., JAMA 2019 â Association of Intensive vs Standard Blood Pressure Control With Cerebral White Matter Lesions].
Gemessen am Schrumpfungstempo der Vergleichsgruppe sind es jedoch gut sechs Monate zusÀtzliche Hirnalterung, zusammengedrÀngt in vier Jahre.
Darum geht es am Ende auch.
Niemand will auf Teufel komm raus alt werden. Man will gesund alt werden und sich dabei wohlfĂŒhlen.
Eine Studie, die Herzinfarkte und TodesfĂ€lle zĂ€hlt, sagt dazu nichts aus, weil sie es das Wohlbefinden nicht gemessen hat. Wer aus ihr eine Regel fĂŒr alle macht, entscheidet ĂŒber ein LebensgefĂŒhl, das in diesen Zahlen ĂŒberhaupt nicht vorkommt.
In SPRINT starben in der scharf behandelten Gruppe weniger Menschen â bei Hochrisiko-Patienten, ohne Diabetes, ohne Schlaganfall in der Vorgeschichte, nicht im Pflegeheim, sorgfĂ€ltig ausgesucht. Genau das ist der Punkt: Der Nutzen wurde an dieser Gruppe gemessen und wird anschlieĂend jedem verkauft, der den Grenzwert ĂŒberschreitet. Der Nutzen hĂ€ngt am Ausgangsrisiko und schrumpft mit ihm. Das Nierenversagen und der Kreislaufzusammenbruch hĂ€ngen an der Behandlung â und die bleibt dieselbe, ob man einen Hochrisiko-Patienten senkt oder einen gesunden FĂŒnfzigjĂ€hrigen mit 135 zu 85. Die Studie wird aus der Hochrisiko-Gruppe herausgehoben und ĂŒber die Gesunden gestĂŒlpt.
Das ist keine Wissenschaft mehr.
Das ist reine Propaganda mit wissenschaftlichem Anstrich.
Die Studie, die es bei den Diabetikern versucht hat
Und jetzt wird es richtig interessant. Denn die Diabetiker sind nicht deshalb ausgeschlossen worden, weil man nichts ĂŒber sie wusste. Man wusste etwas ĂŒber sie. Es passte nur nicht in die Pharmawerbung.
FĂŒnf Jahre vor SPRINT lief eine Studie namens ACCORD. Dasselbe Land, dasselbe Jahrzehnt, dieselbe Frage, sogar dieselben Zielwerte â unter 120 gegen unter 140. Nur die Teilnehmer waren andere: 4â733 Menschen mit Typ-2-Diabetes. Und das kam heraus:
Herzinfarkt, Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Tod zusammengenommen: 1,87 gegen 2,09 von hundert im Jahr. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.
Gesamtsterblichkeit: 1,28 gegen 1,19 â unter der schĂ€rferen Senkung also numerisch sogar etwas höher. Ebenfalls nicht signifikant.
Zweieinhalbmal so viele schwere ZwischenfĂ€lle, die die PrĂŒfĂ€rzte der Blutdruckbehandlung zuschrieben: 3,3 gegen 1,3 von hundert. Dieser Unterschied war signifikant.
Und jetzt zurĂŒck zum Schiedsrichter aus dem vorigen Kapitel. Vergleiche die beiden Spielzeiten:
ACCORD lief 4,7 Jahre â bis zum Schluss. Das gesetzte Propagandaziel war nicht erreicht.
SPRINT wurde nach 3,26 Jahren beendet. Das gesetzte Propagandaziel war erreicht.
Dieselbe Frage, dieselben Zielwerte, dasselbe Jahrzehnt. Die Studie, die gewann, wurde beendet, solange sie fĂŒhrte. Die Studie, die nicht gewann, musste bis zum letzten Tag aushalten.
Mit einem solchen Ergebnis lieĂe sich arbeiten. Man könnte fragen, warum dieselbe Behandlung bei der einen Gruppe wirkt und bei der anderen nicht. Man könnte den Diabetikern einen eigenen Zielwert geben.
Stattdessen geschah dreierlei.
Erstens wurden die Diabetiker aus der nĂ€chsten groĂen Studie herausgenommen.
Zweitens brachte diese nĂ€chste Studie â SPRINT â das gewĂŒnschte Ergebnis.
Drittens wurde aus SPRINT die Leitlinie von 2017. Und die gilt fĂŒr Diabetiker mit.
Risiko Schlaganfall
Dasselbe Muster beim Schlaganfall. Auch dort hatte man es vorher versucht, an dreitausend Menschen mit frischem kleinem Hirninfarkt, und auch dort verfehlte der Hauptendpunkt knapp die statistische Signifikanz â die Autoren hielten den tieferen Zielwert dennoch fĂŒr vorteilhaft [Quelle: SPS3 Study Group, The Lancet 2013]. Und auch diese Menschen waren aus SPRINT ausgeschlossen. Heute stehen sie wieder unter derselben Grenze wie alle anderen.
Die Bedingungen einer Studie werden so lange nachjustiert, bis das gewĂŒnschte Ergebnis herauskommt. Das Ergebnis wird anschlieĂend auf alle angewendet â auch auf die, die man vorher herausgenommen hat. Und die jeweils neueste Studie schiebt die Ă€lteren aus der Diskussion.
Das ist keine FĂ€lschung. Es wird nichts erfunden und keine Zahl gedreht; alles ist veröffentlicht und fĂŒr jeden nachlesbar, auch die drei Zahlen oben.
Nur sind ânachlesbarâ und âgelesenâ zweierlei. Wer eine Studie zur Kenntnis nimmt â der Arzt zwischen zwei Patienten, der Journalist, der Referent, der die Leitlinie mitschreibt â, liest ausschlieĂlich die Zusammenfassung ganz oben. Die Zusammenfassung von SPRINT ist eine halbe Seite. Der Artikel dahinter hat vierzehn, und dazu kommt noch ein Anhang mit weiteren Tabellen. Alles, was ich dir in diesem Kapitel gezeigt habe, stammt nicht von dieser halben Seite. Es steht in den Tabellen dahinter und in dem Absatz, in dem die Autoren ihre eigenen Vorbehalte formulieren.
Und jetzt sieh dir an, wie die Zusammenfassung von SPRINT gebaut ist:
Der Nutzen erscheint dort mit vollem Zahlenwerk: 1,65 gegen 2,19 Prozent im Jahr, âein Viertel wenigerâ, mit Streubereich und Signifikanzwert. Die Nebenwirkungen erscheinen ebenfalls â aber ohne eine einzige Zahl. Es heiĂt dort nur, KreislaufzusammenbrĂŒche, Ohnmachten, entgleiste Salzwerte und NierenschĂ€den seien âhĂ€ufigerâ gewesen. Wie viel hĂ€ufiger, muss man sich aus einer Tabelle weiter hinten holen. Und der dreieinhalbfache Verlust an Nierenleistung bei vorher Gesunden â die gröĂte Schadenszahl der ganzen Studie â kommt in der Zusammenfassung ĂŒberhaupt nicht vor.
Der Nutzen bekommt harte Zahlen. Der Schaden bekommt nur Adjektive.
DafĂŒr braucht es keine Verschwörung und keine Absprache.
Wer weiterliest, findet alles. Es liest nur fast niemand weiter.
Die Unwahrheit steckt deshalb nicht in den Zahlen. Sie steckt im langen Weg von der Studie zur Regel.
Was bei den Alten wirklich gemessen wurde
Wenn ein einheitlicher Grenzwert fĂŒr alle Altersgruppen richtig wĂ€re, mĂŒssten die Studien an alten Menschen das zeigen. Sie zeigen etwas anderes.
HYVET, die einzige groĂe Studie an ĂŒber AchtzigjĂ€hrigen (fast 4â000 Teilnehmer, mittleres Alter 83,6 Jahre): Sie wird als der Beweis angefĂŒhrt, dass sich die Behandlung auch im hohen Alter lohnt â 21 Prozent weniger TodesfĂ€lle, deutlich weniger HerzschwĂ€che. Nur schaut kaum jemand nach, mit welchen Werten dort gearbeitet wurde. Aufgenommen wurden Menschen ab 160 systolisch. Das Behandlungsziel war jedoch nur 150/80 [Quelle: Beckett et al., New England Journal of Medicine 2008].
Lies das neben der heutigen Leitlinie: Der Zielwert der Studie, die als Beleg fĂŒrs Behandeln im Alter dient, liegt dreiĂig Punkte ĂŒber der Schwelle, ab der ein AchtzigjĂ€hriger heute als krank gilt und Tabletten nehmen soll.
Und dann gibt es die Untersuchung, die man in keiner Fortbildung sieht. Bei sehr alten, bereits behandelten Hochdruck-Patienten wurde geprĂŒft, wer die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre ĂŒberlebt. Ergebnis: Wer tiefer lag, starb frĂŒher. Je zehn Punkte mehr systolisch â bis 139 hinauf â war mit einem geringeren Sterberisiko verbunden. Die Autoren schlieĂen wörtlich, Ărzte sollten beim Senken in dieser Altersgruppe âVorsicht walten lassenâ [Quelle: Oates et al., Journal of the American Geriatrics Society 2007].
Dazu der Preis, den Ă€ltere Menschen fĂŒr die Senkung zahlen. In einer landesweiten amerikanischen Untersuchung an knapp 5â000 Ă€lteren Erwachsenen hatten die mit Blutdrucksenkern behandelten ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko fĂŒr eine schwere Sturzverletzung. Wer schon einmal gestĂŒrzt war, hatte ein mehr als doppelt so hohes Risiko [Quelle: Tinetti et al., JAMA Internal Medicine 2014].
Ein gebrochener Oberschenkelhals ist bei einem AchtzigjĂ€hrigen kein Zwischenfall. Er ist oft der Anfang von endlosen Siechtum. Diese Rechnung â ein vermiedenes Ereignis gegen die StĂŒrze, die die Behandlung selbst erzeugt â steht in keiner WerbebroschĂŒre.
Wem der wandernde Grenzwert nĂŒtzt
Man muss keine Verschwörung annehmen, um zu verstehen, warum eine Grenze immer in dieselbe Richtung wandert. Es genĂŒgt, sich anzusehen, wer an welchem Ausgang verdient.
Der weltweite Arzneimittelmarkt lag 2024 bei rund 1,7 Billionen Dollar; allein auf die USA entfallen davon fast 800 Milliarden [Quelle: IQVIA Institute â Global Medicine Spending]. Der Weltumsatz mit Blutdrucksenkern allein wird von Marktforschern je nach Abgrenzung auf 25 bis 30 Milliarden Dollar im Jahr geschĂ€tzt, mit Wachstumsprognosen bis 50 Milliarden [Quelle: Marktbericht zum weltweiten Blutdrucksenker-Markt, 2024].
Jetzt rechne mit: Ein Blutdrucksenker wird nicht fĂŒr zehn Tage verschrieben, sondern fĂŒr den Rest des Lebens. Jede Verschiebung der Grenze nach unten schafft mit einem Federstrich neue Dauerkunden â nicht neue Kranke, sondern neue Kunden. Ein Patient dagegen der die Tablette aufgibt, ist in dieser Rechnung ein Verlust. Das ist keine Unterstellung. Das ist die Struktur des GeschĂ€fts.
Auf der anderen Seite der Bilanz steht ein Posten, ĂŒber den ungern gesprochen wird. Nach einer Auswertung im Journal of the American Medical Association sterben in amerikanischen KrankenhĂ€usern rund 106â000 Menschen im Jahr an Nebenwirkungen ordnungsgemÀà verabreichter Medikamente â damit stĂŒnden ArzneimittelschĂ€den unter den hĂ€ufigsten Todesursachen des Landes [Quelle: Lazarou et al., JAMA 1998].
Rechnet man Behandlungsfehler, Krankenhausinfektionen und unnötige Eingriffe hinzu, kommt Barbara Starfield, ebenfalls im JAMA, auf rund 225â000 Tote pro Jahr [Quelle: Starfield, JAMA 2000]. Peter GĂžtzsche, MitbegrĂŒnder des Nordischen Cochrane-Zentrums, hĂ€lt verschreibungspflichtige Medikamente deshalb fĂŒr die dritthĂ€ufigste Todesursache in den USA und Europa, nach Herzkrankheit und Krebs.
Das sind SchĂ€tzungen mit weiter Spanne, und sie betreffen nicht die Blutdrucksenker allein. Aber sie setzen den MaĂstab fĂŒr jede Nutzen-Schaden-Rechnung: Ein Medikament, dessen Nutzen im leichten Bereich nicht nachweisbar ist, kommt trotzdem mit dem vollen Schadenspotenzial daher.
Dazu kommt, was im ersten Teil steht: Die Zahl selbst wird von den BerufsverbĂ€nden derer festgelegt, die anschlieĂend behandeln. Wer die Schwelle senkt, vergröĂert seinen eigenen Kundenkreis â 2017 um rund 31 Millionen Menschen auf einen Schlag.
Und die Ărzte? Die meisten tun, was ihre Leitlinie sagt, und das ist keine Feigheit. Wer abweicht, trĂ€gt das Haftungsrisiko allein, wer sich daran hĂ€lt, ist geschĂŒtzt â auch dann, wenn die Leitlinie einem Grenzwert folgt, der aus einer Hochrisiko-Studie stammt. Der Zehn-Minuten-Takt der Kassenmedizin erledigt den Rest: FĂŒr die Frage nach der Ursache ist darin schlicht keine Zeit.
Es geht auch anders, und zwar nicht in Nischen, sondern in ganzen Gesundheitssystemen:
Kuba hat die natĂŒrliche und traditionelle Medizin seit den frĂŒhen 1990er-Jahren systematisch in sein staatliches Gesundheitswesen eingebaut â mit einer eigenen nationalen Direktion im Gesundheitsministerium, eigener Arzneipflanzen-Produktion und eigener Ausbildung an den medizinischen FakultĂ€ten. Nicht als geduldete Nebenlinie, sondern als Bestandteil der Regelversorgung.
Indien fĂŒhrt fĂŒr die traditionellen Heilsysteme ein eigenes Ministerium, AYUSH, mit eigenen UniversitĂ€ten und Forschungsinstituten. 2022 eröffnete die Weltgesundheitsorganisation in Jamnagar ihr weltweit einziges Globales Zentrum fĂŒr Traditionelle Medizin; Indien steckte rund 250 Millionen Dollar hinein [Quelle: WHO, Global Centre for Traditional Medicine].
China betreibt die TCM als zweite SĂ€ule neben der westlichen Medizin. Das erste WeiĂbuch der Regierung dazu weist fĂŒr Ende 2015 genau 3â966 TCM-KrankenhĂ€user aus, darunter 446 HĂ€user ausdrĂŒcklich fĂŒr integrierte chinesisch-westliche Medizin, dazu 452â000 Ărzte dieser Fachrichtung [Quelle: InformationsbĂŒro des Staatsrats der Volksrepublik China, WeiĂbuch âTraditionelle Chinesische Medizin in Chinaâ, Dezember 2016].
Und die Schweiz, das Land, in dem ich lebe, hat 2009 in einer Volksabstimmung mit 67 Prozent Ja einen eigenen Verfassungsartikel fĂŒr die KomplementĂ€rmedizin beschlossen (Art. 118a BV). Seit 2017 sind fĂŒnf Ă€rztlich erbrachte Methoden definitiv in der gesetzlichen Kranken-Pflichtversicherung:
Akupunktur,
anthroposophische Medizin,
chinesische Arzneitherapie,
klassische Homöopathie und
Phytotherapie.
Zwei Drittel eines ganzen Volkes haben also abgestimmt, dass die andere HÀlfte der Heilkunde dazugehört. Das ist keine Esoterik-Nische, das ist Verfassungsrecht.
Wer den seriösen, akademischen Zugang zu dieser anderen HĂ€lfte sucht, dem empfehle ich das Buch von Andreas Michalsen, âHeilen mit der Kraft der Naturâ (Insel Verlag, aktualisierte Neuausgabe 2025). Michalsen ist Professor fĂŒr Naturheilkunde an der CharitĂ© in Berlin â also kein AuĂenseiter, sondern UniversitĂ€tsmedizin. Wer eine Quelle sucht, die man auch dem skeptischen Schwager auf den Tisch legen kann, greift zu diesem Buch.
Was du daraus mitnimmst
Der erste Teil hat gezeigt, wie aus einem gesund alternden Menschen ein Patient definiert wurde. Dieser Teil hat gezeigt, womit man ihn davon ĂŒberzeugt.
Es braucht dafĂŒr keine gefĂ€lschte Studie.
Es genĂŒgt, die gĂŒnstige Zahl nach vorn zu stellen und die unbequeme nach hinten.
Es genĂŒgt, die Menschen, bei denen die Behandlung schadet, gar nicht erst aufzunehmen.
Es genĂŒgt, den Nutzen in Ziffern und den Schaden in Adjektiven zu erzĂ€hlen.
Am Ende steht ein Satz, den jeder glaubt, weil jeder ihn schon hundertmal gehört hat â und niemand hat gelogen.
Damit kannst du ab jetzt jede Gesundheits-Schlagzeile lesen.
Frag nach der absoluten Zahl.
Frag, was als Ereignis gezÀhlt wurde.
Frag, wer nicht mitmachen durfte. Drei Fragen, und die meisten Schlagzeilen fallen in sich zusammen.
Im dritten und vierten Teil, die bald erscheinen, geht es darum, was Du bei hohem Hochdruck praktisch tun kannst.
Um die vier Ursachen, die die Erfahrungsheilkunde prĂŒft, bevor sie an ein Mittel denkt.
Um die natĂŒrlichen Stoffe, die in kontrollierten Studien messbar Druck wegnehmen, mit Mengen und Grenzen.
Um das richtige Messen â und darum, wie man mit einer eigenen Messreihe wieder handlungsfĂ€hig wird.
Das Buchgeschenk fĂŒr Stammleser: âDie kleine 5G-Fibelâ
Dieser Artikel handelt von einem Grenzwert, der nicht den Menschen schĂŒtzt, sondern das GeschĂ€ft. Genau davon handelt auch mein aktuelles Willkommensbuch â nur auf einem anderen Feld. âDie kleine 5G-Fibelâ ist meine kompakte Handreichung aus jahrelanger Praxis im Verein 5Gfrei.ch: Was 5G-Mobilfunk technisch wirklich ist, welche biologischen Wirkungen die unabhĂ€ngige Forschung seit Jahrzehnten dokumentiert, warum die offiziellen Grenzwerte den Ausbau und nicht die Gesundheit schĂŒtzen â und Schritt fĂŒr Schritt, wie ein Bauantrag fĂŒr eine Mobilfunkanlage ablĂ€uft und an welcher Stelle Anwohner mit welcher BegrĂŒndung und in welcher Frist einsprechen können. Mit Adressen, Vorlagen und Quellen.
Wer die beiden Geschichten nebeneinanderlegt, sieht dasselbe Muster: ein Gremium legt eine Zahl fest, und diese Zahl entscheidet, was als unbedenklich gilt.
Stammleser bekommen dieses Buch unten gratis â mit einem Code, der den Preis im Shop auf null setzt. Wer noch kein Stammleser ist: Ein Abo kostet weniger als das Buch, und alle vier Wochen kommt ein neues dazu. Und wenn du es einfach kaufen willst: ingag.de/5g-fibel
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Die Naturheilkunde-KI
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