Andreas M. B. Groß

Die Zahl, mit der Mediziner dich überreden

Sie berufen sich dabei auf die Wissenschaft - Ich zeige auf, wie die "Wissenschaft" beim Blutdruck ihre Studien manipuliert.

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Andreas M. B. Groß
Aug. 02, 2026
∙ Bezahlt

Zweiter Teil von vier. Im ersten Teil ging es um den Maßstab — wie der Blutdruck-Grenzwert zwischen gesund und krank gewandert ist und wer ihn verschoben hat. Hier geht es um die Beweise: wie Wissenschaft manipuliert wird. Der dritte Teil bringt dann die Praxis — die Ursachen, die Stoffe, das Messen. Der vierte nimmt sich die Heilpflanzen vor, jede mit ihrer Zahl.

Im ersten Teil dieser Serie ging es um den Maßstab. Kurz zusammengefasst, damit du auch hier einsteigen kannst: Die Krankheitsschwelle für Bluthochdruck sank in vierzig Jahren von 160/95 auf 130/80, ohne dass sich die menschliche Physiologie geändert hätte. Die Zuständigkeit für diesen Grenzwert wanderte 2013 von einer staatlichen Stelle zu den Fachgesellschaften der Kardiologen. Und während beim Blutbild vom Labor die Norm so weit gezogen wird, dass der Angeschlagene noch als normal gilt, wird sie beim Blutdruck so eng gezogen, dass der gesunde, alternde Mensch Tabletten nehmen soll.

Zwei Wörter, die von hier an ständig vorkommen, damit sie niemanden aufhalten:

  • Der obere der beiden Werte entsteht, wenn das Herz zusammenzieht und das Blut hinausdrückt — Fachwort systolisch.

  • Der untere ist der Druck in der Pause danach, wenn das Herz sich wieder füllt — diastolisch.

  • Gemessen wird in Millimetern Quecksilbersäule, abgekürzt mmHg; die Zahlen stehen meist nackt da, ohne Einheit.

Wenn du diesen zweiten Teil gelesen hast, weißt du drei Dinge.

  • Erstens, was die Studien zur Blutdrucksenkung tatsächlich zeigen — und mit welchem einfachen Kunstgriff aus demselben Ergebnis zwei völlig verschiedene Zahlen werden. Du wirst ihn nach einmal Sehen nie wieder übersehen.

  • Zweitens, was in diesen Studien überhaupt als „Ereignis” gezählt wird, was stattdessen in einer anderen Tabelle landet — und wen man vorher aus der Untersuchung herausgenommen hat, bevor das Ergebnis anschließend für alle propagiert wird.

  • Und drittens, mit welchen Werten die berühmten Studien an alten Menschen wirklich gearbeitet haben, und wem der wandernde Grenzwert nützt.

Und damit von Anfang an klar ist, was nicht gemeint ist: Nichts in diesem Teil ist eine Aufforderung, deine Tabletten wegzulassen. Ein Betablocker, den man abrupt absetzt, kann den Druck höher zurückschlagen lassen, als er vorher war. Wer bereits Organschäden hat, am Augenhintergrund, an den Nieren, ein vergrößertes Herz, der hat ein echtes Problem und braucht mehr als einen Artikel. Was hier steht, soll dich nicht zum Absetzen bringen, sondern in die Lage versetzen, die Zahlen kritisch zu lesen, auf denen Du Deine Entscheidungen basierst.

Was die Studien wirklich zeigen

Jetzt geht es um die Beweislage für das, was aus der verschobenen Grenze folgt: die Tablette.

Fangen wir bei dem Bereich an, in dem die meisten Menschen stehen, die eine Diagnose bekommen — der leichten Hypertonie, 140 bis 159 systolisch, ohne vorangegangene Herz-Kreislauf-Erkrankung. Für genau diese Gruppe hat die Cochrane Collaboration, das strengste unabhängige Auswertungsgremium der Medizin, alle Studien zusammengetragen. Die Fassung von 2025, also brandaktuell, kommt zu diesem Ergebnis:

Bei Menschen mit unbehandelter leichter Hypertonie und ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung senkt der Beginn einer Blutdruckmedikation die Gesamtsterblichkeit, die Herz-Kreislauf-Ereignisse und die koronare Herzkrankheit möglicherweise nicht. Es könnte eine Verringerung der Schlaganfälle geben, möglicherweise aber auch mehr Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen.

[Quellen: Wang et al., Cochrane Database of Systematic Reviews 2025 — Pharmacotherapy for mild hypertension, Erstfassung Diao et al. 2012]

In der Erstfassung von 2012 stand die Zahl, die man sich merken sollte: Kein Nachweis für weniger Tote, weniger Herzinfarkte, weniger Schlaganfälle — aber neun Prozent der Behandelten brachen die Therapie wegen Nebenwirkungen ab. Das Risiko von Nebenwirkungen, die zur Aufgabe der Medikation führten, war fast fünfmal so hoch wie unter Scheinmedikament/Placebo.

Halten wir das fest: Für den Bereich, in dem der größte Teil aller Blutdruck-Rezepte ausgestellt wird, ist der Nutzen nicht belegt. Der Schaden dagegen schon.

Und wo ein Nutzen belegt ist, wird er in einer Sprache erzählt, die täuscht. Das ist der eigentliche Trick, und er ist so einfach, dass man ihn nach einmal Sehen nie wieder übersieht.

Die große SPRINT-Studie

Nimm die große SPRINT-Studie von 2015, die als Beweis für die schärferen Grenzwerte gelten soll. Sie untersuchte Hochrisiko-Patienten und senkte in der einen Gruppe auf unter 120 statt auf unter 140. Ergebnis, so wie es überall zitiert wird: „25 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse.”

Jetzt die Zahlen, aus denen diese 25 Prozent entstanden sind:

  • Intensiv behandelte Gruppe: 1,65 Ereignisse je 100 Patienten und Jahr

  • Normal behandelte Gruppe: 2,19 Ereignisse je 100 Patienten und Jahr

[Quelle: SPRINT Research Group, New England Journal of Medicine 2015]

Im Klartext: Von hundert scharf behandelten Menschen erlitten in einem Jahr knapp zwei einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder etwas ähnlich Schweres am Herzen — von hundert normal behandelten gut zwei. Was in dieser Studie genau als solches Ereignis gezählt wurde, sehen wir uns gleich an; es ist eine der aufschlussreichsten Stellen der ganzen Arbeit.

Der Unterschied beträgt 0,54 Ereignisse pro hundert Patienten und Jahr. Anders gesagt: Rund 185 Menschen müssen ein Jahr lang scharf behandelt werden, damit ein einziger von ihnen ein Ereignis vermeidet — oder rund sechzig über die gut drei Jahre, die SPRINT gelaufen ist. Die anderen 184 nehmen die Tabletten und haben davon — außer den Nebenwirkungen — nichts.

In SPRINT traten unter der scharfen Senkung mehr Kreislaufzusammenbrüche auf, mehr Ohnmachten, mehr aus dem Ruder gelaufene Salzwerte im Blut und mehr akutes Nierenversagen.

Dieselbe Wahrheit, zwei Sätze:

  • „25 Prozent weniger Ereignisse” — das ist die relative Angabe. Sie klingt nach einem Viertel deines Risikos.

  • „Ein halbes Ereignis weniger pro hundert Behandelte und Jahr” — das ist die absolute Angabe. Es ist dieselbe Studie.

Und jetzt sieh dir an, wovon dieses Viertel ein Viertel ist. In einem Jahr traf es in der scharf behandelten Gruppe 1,65 von hundert Menschen, in der normal behandelten 2,19 von hundert. Das Viertel, das da wegfällt, ist 0,54 = ein Viertel von 2,19%.

Genau so wird der Satz aber gehört. „Fünfundzwanzig Prozent” klingt, als träfe es jeden Vierten mit hohem Blutdruck — und als werde jetzt jeder Vierte davon verschont.

Tatsächlich bleiben in beiden Gruppen rund achtundneunzig von hundert Menschen im Jahr ereignisfrei: in der einen 98,35%, in der anderen 97,81%. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt alles, was die schärferen Grenzwerte begründet.

Der erste Satz steht in den Pressemitteilungen, in den Fortbildungsfolien und im Beipackzettel-Marketing. Der zweite steht in der Tabelle, die niemand aufschlägt.

Was in dieser Studie überhaupt als Ereignis zählt

Die Frage ist berechtigt, und die Antwort steht in der Studie: „Ereignis” heißt hier genau fünf Dinge, und alle fünf betreffen Herz und Kreislauf —

  • Herzinfarkt,

  • ein anderes akutes Koronarsyndrom,

  • Schlaganfall,

  • akute Herzschwäche,

  • Tod aus Herz-Kreislauf-Ursache.

Heruntergespielte Nebenwirkungen

Was die Behandlung an auch heftigen “Nebenwirkungen” anrichtet, ist per Definition kein Ereignis. Es steht in einer anderen Tabelle.

Diese andere Tabelle gibt es. Sie wurde erhoben, sie ist veröffentlicht — sie wird nur nie abgezogen. Scharf behandelte gegen normal behandelte Gruppe, je hundert Teilnehmer, über die gut drei Jahre:

  • Akutes Nierenversagen: 4,1 gegen 2,5

  • Kreislaufzusammenbruch: 2,4 gegen 1,4

  • Aus dem Ruder gelaufene Salzwerte im Blut: 3,1 gegen 2,3

  • Ohnmacht: 2,3 gegen 1,7

  • Stürze mit Verletzung: 2,2 gegen 2,3

Die Studie hat außerdem ausgezählt, welche schweren Zwischenfälle die Prüfärzte selbst als möglicherweise oder sicher durch die Behandlung verursacht eingestuft haben.

  • Ergebnis: 4,7 von hundert in der scharf behandelten Gruppe gegen 2,5 in der anderen.

Jetzt lege die beiden Zahlen nebeneinander, die in der Blutdruck-Propaganda nie nebeneinander gelegt werden:

  • Vermiedene Herz-Kreislauf-Ereignisse über die ganze Studie: 1,6 von hundert.

  • Zusätzliche schwere Zwischenfälle durch die Behandlung: 2,2 von hundert. Der Schaden war häufiger als der Nutzen. Er stand nur nie in derselben Zeile — und es gibt in dieser Studie keinen Absatz, der beides gegeneinander verrechnet.

Und die fünfundzwanzig Prozent kommen nicht daher, wo du sie vermutest. Weniger Herzinfarkte? Der Unterschied war statistisch nicht signifikant — er ließ sich also nicht vom Zufall unterscheiden. Weniger Schlaganfälle? Ebenfalls nicht. Getragen wird die ganze Zahl von zwei Dingen — weniger Herzschwäche und weniger Herz-Kreislauf-Tod. Wer „fünfundzwanzig Prozent weniger Ereignisse” hört, denkt an Infarkt und Schlaganfall. Genau die waren es nicht.

Und die Herzschwäche ist der weichste dieser fünf Endpunkte: Gemeint ist eine Einweisung wegen Flüssigkeitsüberladung im Körper — und die scharf behandelte Gruppe bekam im Schnitt ein Blutdruckmedikament mehr, häufig ein entwässerndes. Man zählt dort also als abgewendetes Ereignis, was ein zusätzliches Entwässerungsmittel unmittelbar verhindert; beim Herzinfarkt geht das nicht, und genau dort war der Unterschied dann auch nicht signifikant.

Verglichen wird nicht mit Menschen ohne Tabletten

Und jetzt die Stelle, an der man einmal innehalten sollte. Wer einmal gesehen hat, was hier eigentlich gegen was gestellt wird, liest jede Blutdruck-Schlagzeile anders.

Wer waren die beiden Gruppen in SPRINT? Die eine wurde auf unter 120 eingestellt, die andere auf unter 140. Beide bekamen Blutdrucksenker. Der Bauplan der Studie sagt es in seinem eigenen Titel: verglichen werden „zwei Strategien zur Kontrolle des systolischen Blutdrucks”. Zwei Behandlungen. Keine unbehandelte Gruppe, kein Scheinmedikament, niemand ohne Tabletten.

Damit kann diese Studie eine Frage überhaupt nicht beantworten — ausgerechnet die, die uns Patienten am wichtigsten ist:

Wäre ich ohne die Tabletten vielleicht besser dran?

Verglichen wird viel Medikament gegen wenig Medikament.

Nicht Medikament gegen kein Medikament.

Und daraus folgt etwas, das man sich in Ruhe ansehen sollte.

Ein Schaden, den die Blutdrucksenker in beiden Gruppen anrichten, kann in dieser Studie gar nicht sichtbar werden. Er kürzt sich weg.

Sichtbar wird allein, was die schärfer behandelte Gruppe zusätzlich abbekommt.

Die 4,1 gegen 2,5 beim akuten Nierenversagen sind also nicht der Schaden der Behandlung. Sie sind der Aufpreis für die schärfere Dosis. Wie hoch der Grundpreis ist, steht in dieser Studie nirgends — und er steht auch in keiner Zeile, die daraus zitiert wird.

Einen Ort gibt es, an dem die Frage gestellt wurde: die Cochrane-Auswertung vom Anfang dieses Artikels. Dort wurde bei leichtem Bluthochdruck tatsächlich gegen Scheinmedikament verglichen, also gegen gar nichts.

Ergebnis: kein Nachweis für weniger Tote, weniger Herzinfarkte, weniger Schlaganfälle — dafür neun von hundert, die wegen der Nebenwirkungen aufhörten.

Wo gegen nichts verglichen wird, verschwindet der Nutzen. Wo gegen weniger verglichen wird, erscheint er.

Der Studienleiter wird einwenden, eine unbehandelte Vergleichsgruppe sei heute nicht mehr ethisch zulässig: Wer über der Grenze liegt, dem darf man die Behandlung nicht vorenthalten. Das ist die übliche Begründung, und sie tönt zwingend.

Nur sieh dir an, was daraus folgt. Sobald eine Grenze einmal gezogen und zur Regel geworden ist, wird die Studie, die sie widerlegen könnte, für unethisch erklärt. Die Zahl schützt sich selbst. Wer sie überprüfen wollte, müsste genau das tun, was sie “aus ethischen Gründen” verbietet.

Und das ist keine Eigenheit der Blutdruckforschung. Dieselbe Bauart steckt in den Zulassungsstudien für Impfstoffe. Es greift dieselbe Regel wie beim Blutdruck: Man darf der Vergleichsgruppe den etablierten Schutz nicht mehr vorenthalten. Der neue Impfstoff wird deshalb gegen den alten getestet, nicht gegen nichts.

Wie beiläufig das gesagt wird, kann man beim Hersteller selbst nachlesen. Im Bericht über die Zulassungsstudie des neunfachen HPV-Impfstoffs steht es als Nebensatz: Man habe den bereits zugelassenen vierfachen Impfstoff als Vergleichsgruppe genommen, „weil ein Placebo ethisch nicht vertretbar ist” [Quelle: Luxembourg et al., Contemporary Clinical Trials 2015 — Design of a Large Outcome Trial for a Multivalent HPV Vaccine].

Die Folge ist dieselbe wie bei SPRINT: Was beide Präparate gemeinsam anrichten, taucht in der Rechnung nicht auf. Sichtbar wird allein der Unterschied zwischen ihnen.

Das ist kein Vorwurf an eine einzelne Studie. Es ist die Konstruktion. Und sie führt dazu, dass die eigentliche Grundfrage — hilft dieses Mittel mehr, als es schadet? — nur ein einziges Mal gestellt werden kann: ganz am Anfang, bevor irgendetwas etabliert ist. Danach nie wieder.

Und was ist aus den Überlebenden geworden?

Eine Zahl spricht für die Behandlung, und sie gehört hierher, sonst wäre dieser Artikel genauso einseitig wie das, was er kritisiert: die Gesamtsterblichkeit. Das ist der eine Endpunkt, in dem alles landet, auch die Toten der Behandlung. Sie lag in der scharf behandelten Gruppe niedriger — 3,3 gegen 4,5 von hundert. Während der Studiendauer.

Diese eine Zahl hat allerdings eine Fortsetzung, die kaum jemand kennt.

Dieselben Teilnehmer wurden nach dem Ende der Studie weiter beobachtet, über das amerikanische Sterberegister. Nach insgesamt knapp neun Jahren war vom Überlebensvorteil nichts mehr übrig: kein Unterschied mehr bei den Herz-Kreislauf-Toten, keiner bei den Toten überhaupt. Die Kurven hatten sich geschlossen [Quelle: Jaeger et al., JAMA Cardiology 2022 — Longer-Term All-Cause and Cardiovascular Mortality With Intensive Blood Pressure Control].

Das ist in beide Richtungen ehrlich einzuordnen. Nach dem Studienende stellte niemand mehr scharf ein; der Druck der einst scharf behandelten Gruppe stieg wieder, im Schnitt bis auf 140. Der Befund beweist also nicht, dass die Senkung nichts taugt. Er beweist etwas anderes, und für die Frage, um die es hier geht, ist das wichtiger: Der Vorteil lässt sich nicht ansparen. Er hält so lange, wie die scharfe Einstellung samt ihrer vierteljährlichen Kontrolltermine hält — und er verschwindet aus der Statistik, sobald man den Beobachtungszeitraum von drei auf neun Jahre verlängert.

Die Autoren ziehen daraus den Schluss, man müsse eben lebenslang konsequent weiterbehandeln. Das ist eine mögliche Interpretation. Die andere lautet: Eine Studie über dreieinhalb Jahre hat über ein Leben nicht viel ausgesagt. Und eine über dreißig Jahre gibt es schon gar nicht.

Nur sagt Sterblichkeit nichts darüber, was aus den Überlebenden geworden ist. Und dafür steht in dieser Studie ein Beispiel, das man nicht erfinden muss.

Unter denen, die mit gesunden Nieren in die Studie gegangen waren, verloren in der scharf behandelten Gruppe 3,8 von hundert mindestens dreißig Prozent ihrer Nierenleistung und rutschten damit unter die Grenze zur Nierenschwäche. In der normal behandelten Gruppe waren es 1,1 von hundert. Das ist das Dreieinhalbfache — 127 Menschen gegen 37.

Diese Menschen sind nicht gestorben. Sie stehen in der Sterbestatistik auf der guten Seite. Was aus ihren Nieren in zehn oder zwanzig Jahren wird, weiß niemand. Die Autoren schreiben es beschönigend, und ich zitiere sie lieber wörtlich, als ihre Vorsicht wegzuspitzen — es gebe bislang keinen Beleg für einen dauerhaften Nierenschaden, „die Möglichkeit eines langfristig ungünstigen Nierenverlaufs lässt sich jedoch nicht ausschließen”.

Und jetzt sieh dir an, wie diese Vorsicht gebaut ist.

Ein Antibiotikum nimmt man zehn Tage. Danach ist es abgesetzt, und man verrechnet seine Nebenwirkungen gegen seinen Nutzen — beides hat ein Ende. Ein Blutdrucksenker wird für den Rest des Lebens verschrieben. Wenn in gut drei Jahren aus 1,1 Prozent 3,8 Prozent werden: Was steht dann nach den 8 Jahren, für die die Studie geplant war? Was nach zwanzig oder dreißig, die ein Sechzigjähriger noch vor sich hat?

Niemand weiß es. Und niemand kann es wissen, wenn man nach dreieinhalb Jahren aufhört zu messen.

„Nicht auszuschließen” — das klingt nach einer Randmöglichkeit, mit der man wohl leben kann. Es ist aber die naheliegendste Erwartung. Wer in dreieinhalb Jahren das Dreieinhalbfache an Nierenschäden erzeugt und dann aufhört zu messen, hat keinen Grund zu der Annahme, dass die Kurve danach von selbst flach wird. Er hat nur keine Zahl mehr.

Warum diese Studie drei Jahre zu früh endete

Halt einen Moment bei dem Wort „abgebrochen”. Hier liegt der Kern der ganzen Sache — und man muss dafür nichts vermuten, denn das Studienprotokoll von SPRINT ist öffentlich einsehbar.

Dort steht, wie lange beobachtet werden sollte: bis zu sechs Jahre. Im Studienregister stand als Enddatum der Oktober 2018. Beendet wurde die Behandlung am 20. August 2015, nach im Mittel 3,26 Jahren [Quellen: SPRINT-Studienprotokoll Version 4.0 vom 01.11.2012, Registereintrag NCT01206062].

Und jetzt der Satz, auf den es ankommt. Er steht in diesem Protokoll unmittelbar hinter der Aufzählung der fünf Herz-Kreislauf-Ereignisse:

Die laufende Zwischenüberwachung auf Wirksamkeit stützt sich auf die aufgelaufene Rate dieses primären Endpunkts.

Nur darauf. Die Überwachung, die entscheidet, ob eine Studie weiterläuft oder endet, hing an einem einzigen Kriterium: Herz und Kreislauf.

Dabei war die Nierenfrage keine Nebenbeobachtung, die zufällig anfiel. Dasselbe Protokoll nennt als ausdrückliches weiteres Studienziel den befürchteten Abfall der Nierenleistung und das Entstehen eines Nierenversagens — und man hat eigens 2’648 Menschen mit vorbestehender Nierenschwäche aufgenommen, um diese Frage beantworten zu können [Quelle: Ambrosius et al., Clinical Trials 2014 — Design and Rationale of SPRINT].

Zwei erklärte Fragen also. Eine Überwachung, die nur eine davon beobachtet. Und ein Ende, das kam, als genau diese eine ihre Schwelle erreichte.

Damit lässt sich die offizielle Begründung an ihrem eigenen Maßstab prüfen. Sie lautet: Als feststand, dass die scharf behandelte Gruppe seltener stirbt, war es ethisch nicht mehr zu verantworten, die andere Gruppe ohne diese verstärkte Medikamentation weiterlaufen zu lassen. Genau so wird der Abbruch einer medizinischen Studie begründet.

Nur beantwortet es nicht, warum man auch bei allem anderen aufgehört hat. Eine Studie mit mehreren erklärten Zielen ist nicht fertig, wenn eines davon eine erreicht ist. Sie ist dann bei einem Ziel fertig. Und beendet wurde nicht eine Auswertung, sondern die Behandlung: Ab August 2015 gab es niemanden mehr, an dem sich die zweite Frage überhaupt noch hätte stellen lassen.

Das ethische Argument hat außerdem eine zweite Seite, die nie gezogen wird. Wenn es unverantwortlich ist, einer Gruppe einen Vorteil vorzuenthalten, dann ist es genauso unverantwortlich, einer Gruppe einen Schaden zuzumuten. In der scharf behandelten Gruppe verloren dreieinhalbmal so viele Menschen ihre Nierenleistung. Diese Zahl hat kein Verfahren ausgelöst — es gab keines, das sie hätte auslösen können.

Für den Nutzen gibt es eine Schwelle. Für einen langsam wachsenden Schaden gibt es keine. Ein Vorteil, der sich in drei Jahren zeigt, beendet die Studie. Ein Schaden, der zehn Jahre braucht, um dramatisch zu werden, bekommt genau die Zeit nicht, die er dafür bräuchte. Es ist auffällig, dass die Regel nur in eine Richtung scharf ist.

Wer über das Ende entschieden hat, steht ebenfalls im Protokoll: ein als unabhängig bezeichnetes Überwachungsgremium, dessen Mitglieder das NHLBI beruft, an dessen Sitzungen der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende der Studienleitung sowie Vertreter des NHLBI teilnehmen — und dessen Empfehlungen, wörtlich, vom NHLBI genehmigt werden müssen, bevor sie umgesetzt werden. Dasselbe Institut, das 2007 festgelegt hatte, dass diese Frage die wichtigste sei, und das die Studie bezahlte.

Und eines gehört zu vorzeitig beendeten Studien, das man wissen sollte, bevor man die fünfundzwanzig Prozent glaubt. Eine Untersuchung im Journal of the American Medical Association verglich 91 vorzeitig wegen Nutzens beendete Studien mit 424 vergleichbaren, die zu Ende liefen. Die vorzeitig beendeten zeigen systematisch größere Effekte. Und bei 39 von 63 untersuchten Fragen — knapp zwei Dritteln — brachten die zu Ende geführten Studien am Ende gar keinen gesicherten Nutzen mehr heraus. Das galt unabhängig davon, ob eine festgelegte Abbruchregel existierte [Quelle: Bassler et al., JAMA 2010 — Stopping Randomized Trials Early for Benefit and Estimation of Treatment Effects].

Ein früher Abbruch hält einen Vorteil in dem Moment fest, in dem er am größten aussieht.

Stell dir dazu ein Fußballspiel vor. Der Schiedsrichter — ein völlig „unparteiischer” natürlich — pfeift beim Stand von 1:0 ab, mit der Begründung, das Ergebnis stehe ja nun fest, es mache keinen Sinn weiterzuspielen, die Spieler seien erschöpft. Bei einem 0:1 dagegen lässt er weiterspielen. Da könnte ja noch ein 2:1 daraus werden.

Was ein solcher Pfiff wert wäre, weiß hierzulande jeder, der am 28. Juni 2021 vor dem Fernseher saß.

Achtelfinale der Europameisterschaft in Bukarest, die Schweiz gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. In der 75. Minute stand es 1:3. Der Sieger stand eindeutig fest, die Spieler waren erschöpft — ein Schiedsrichter mit der obigen Begründung hätte genau hier abgepfiffen und Frankreich ins Viertelfinale geschickt.

Gespielt wurde weiter. Seferović traf in der 81. Minute, Gavranović in der 90. Nach Verlängerung und Elfmeterschießen stand die Schweiz zum ersten Mal seit der Heim-Weltmeisterschaft 1954 im Viertelfinale — Mbappés Elfmeter hielt Yann Sommer [Quelle: SRF Sport, 28.06.2021 — Schweiz gewinnt Spektakel-Achtelfinal].

Fünfzehn Minuten trennten „das Ergebnis steht praktisch fest” von dem, was schließlich geschah.

Kein Zuschauer würde ein so beendetes Spiel für entschieden halten. In der Medizin heißt dasselbe Verfahren „vorzeitiger Abbruch wegen erwiesenen Nutzens”, und sein Ergebnis wird zur Leitlinie. Es gibt offenbar zu wenige Zuschauer bei solchen Studien. Ich ändere genau das mit diesem Artikel und machen den Schmu öffentlich.

Wie das in der Praxis aussieht, siehst du gleich im nächsten Kapitel — an zwei Studien, die dieselbe Frage gestellt haben und verschieden lange spielen durften.

Und danach war die andere Frage nicht mehr zu stellen. Der Druck der einst scharf behandelten Gruppe stieg nach dem Studienende wieder auf 140, wie wir oben gesehen haben. Wer heute nachschaut, was aus diesen Nieren geworden ist, schaut nicht mehr auf scharf behandelte Menschen. Was dreißig Jahre mit Blutdruck unter 120 mit einer Niere machen, ist nie untersucht worden — und mit diesen Teilnehmern kann es niemand mehr untersuchen.

Das ist die Asymmetrie, um die es in diesem aufklärerischen Artikel geht. Der Tabletten-Nutzen aus dreieinhalb Jahren wird auf ein ganzes Leben hochgerechnet und zur Regel für alle gemacht. Der Schaden aus denselben dreieinhalb Jahren bleibt eine Möglichkeit, die sich „nicht ausschließen lässt”. Dieselben Daten, zwei Maßstäbe.

Eine Zahl, die nur zählt, wer noch atmet, verwechselt Überleben mit Leben.

Wo die Studie selbst danach gesucht hat, fand sie nichts, und auch das gehört hierher: Verletzende Stürze waren in beiden Gruppen gleich häufig, und eine eigene Auswertung fand bei körperlicher Verfassung, seelischem Befinden und Zufriedenheit keine Unterschiede — auch nicht bei denen, die schon zu Beginn körperlich oder geistig eingeschränkt waren [Quelle: Berlowitz et al., New England Journal of Medicine 2017 — Effect of Intensive Blood-Pressure Treatment on Patient-Reported Outcomes].

Zwei Dinge muss man dazu allerdings wissen. Erstens zählt die Nebenwirkungstabelle nur, was im Krankenhaus oder in der Notaufnahme ankommt. Zweitens ist der Fragebogen, mit dem die Lebensqualität erhoben wurde, ein Bogen mit zwölf Fragen zum allgemeinen Gesundheitsempfinden — ein zu grobes Netz.

Denn ein Sturz entsteht nicht aus dem Nichts. Ihm geht etwas voraus: ein Moment Benommenheit beim Aufstehen, ein Aussetzer, das Gefühl, nicht ganz da zu sein, eine Unsicherheit im Gleichgewicht. Das sind die Zustände, in denen jemand nach dem Geländer greift — und irgendwann danebengreift.

Kreislaufzusammenbruch und Ohnmacht waren in der scharf behandelten Gruppe häufiger. Das ist derselbe Mechanismus, nur in seiner schweren Form — der Form, die in der Notaufnahme landet und deshalb eine Zeile bekommt. Die leichte Form bekommt keine: der Schwindel beim Aufstehen, der Nebel im Kopf am Vormittag, die Treppe, die man lieber meidet, das Autofahren, bei dem man sich nicht mehr ganz sicher ist. Kein Mensch geht damit in die Notaufnahme. Also wird es nirgends dokumentiert.

Und damit fällt aus der Rechnung heraus, was ein Mensch den ganzen Tag von seiner Behandlung merkt.

Die Antwort steht deshalb nicht in der Statistik. Sie steht in der Teilnehmerliste.

Die Ausgeschlossenen

  • SPRINT hat Diabetiker ausgeschlossen.

  • Menschen mit früherem Schlaganfall ausgeschlossen.

  • Menschen unter fünfzig ausgeschlossen.

  • Und, in den Worten der Autoren selbst: Bewohner von Pflegeheimen und betreutem Wohnen wurden gar nicht erst aufgenommen.

Dieselben Autoren nennen die fehlende Übertragbarkeit auf diese Gruppen ausdrücklich als Schwäche ihrer eigenen Arbeit.

Damit ist die Frage beantwortet, nur anders als erwartet.

Die Studie hat den zu erwartenden Schaden an den Gebrechlichen nicht gefunden, weil die Gebrechlichen nicht mitgemacht haben.

Untersucht man dagegen alle Menschen, ohne welche vorher auszusortieren, dann findet man den Schaden — dreimal, an drei ganz verschiedenen Stellen:

  • Am Gleichgewicht. In einer landesweiten amerikanischen Untersuchung an älteren Erwachsenen hatten die mit Blutdrucksenkern Behandelten vierzig Prozent mehr schwere Sturzverletzungen; wer schon einmal gestürzt war, mehr als das Doppelte. Die Zahlen dazu stehen gleich im nächsten Kapitel.

  • Am Gehirn. In zwei Gedächtnissprechstunden wurden 172 Menschen mit Demenz oder beginnender Gedächtnisstörung über den Tag hinweg gemessen, im Schnitt neunundsiebzig Jahre alt. Wer im untersten Drittel lag — bis 128 systolisch —, verlor in neun Monaten 2,8 Punkte im Gedächtnistest. Die beiden anderen Drittel verloren 0,7. Das Vierfache. Und dieser Zusammenhang zeigte sich nur bei denen, die Blutdruckmedikamente nahmen — bei den unbehandelten Niedrigdruck-Patienten nicht. Die Autoren schreiben, übermäßiges Senken könne für ältere Menschen mit Gedächtnisstörung schädlich sein [Quelle: Mossello et al., JAMA Internal Medicine 2015 — Effects of Low Blood Pressure in Cognitively Impaired Elderly Patients Treated With Antihypertensive Drugs].

  • Am Leben selbst. Bei Pflegeheimbewohnern ab achtzig hatten diejenigen, die unter 130 lagen und zwei oder mehr Blutdruckmittel nahmen, eine fast doppelt so hohe Sterblichkeit wie alle übrigen. Drei verschiedene Nachrechnungen bestätigten den Befund. Die Autoren sprechen ausdrücklich eine Warnung vor der Kombinationstherapie bei gebrechlichen Alten mit niedrigem Druck aus [Quelle: Benetos et al., JAMA Internal Medicine 2015 — PARTAGE-Studie].

Demenz war in SPRINT ein Ausschlussgrund. Pflegeheimbewohner kamen gar nicht erst hinein. Bei genau diesen Menschen dreht sich das Vorzeichen um — aber die Leitlinie von 2017 gilt trotzdem für sie mit.

Das im Alter abnehmende Gesamtvolumen des Gehirns — also schlicht die Menge an Hirnsubstanz — nahm unter der scharfen Senkung stärker ab als unter der normalen: minus 30,6 gegen minus 26,9 Kubikzentimeter in vier Jahren [Quelle: Nasrallah et al., JAMA 2019 — Association of Intensive vs Standard Blood Pressure Control With Cerebral White Matter Lesions].

Gemessen am Schrumpfungstempo der Vergleichsgruppe sind es jedoch gut sechs Monate zusätzliche Hirnalterung, zusammengedrängt in vier Jahre.

Darum geht es am Ende auch.

Niemand will auf Teufel komm raus alt werden. Man will gesund alt werden und sich dabei wohlfühlen.

Eine Studie, die Herzinfarkte und Todesfälle zählt, sagt dazu nichts aus, weil sie es das Wohlbefinden nicht gemessen hat. Wer aus ihr eine Regel für alle macht, entscheidet über ein Lebensgefühl, das in diesen Zahlen überhaupt nicht vorkommt.

In SPRINT starben in der scharf behandelten Gruppe weniger Menschen — bei Hochrisiko-Patienten, ohne Diabetes, ohne Schlaganfall in der Vorgeschichte, nicht im Pflegeheim, sorgfältig ausgesucht. Genau das ist der Punkt: Der Nutzen wurde an dieser Gruppe gemessen und wird anschließend jedem verkauft, der den Grenzwert überschreitet. Der Nutzen hängt am Ausgangsrisiko und schrumpft mit ihm. Das Nierenversagen und der Kreislaufzusammenbruch hängen an der Behandlung — und die bleibt dieselbe, ob man einen Hochrisiko-Patienten senkt oder einen gesunden Fünfzigjährigen mit 135 zu 85. Die Studie wird aus der Hochrisiko-Gruppe herausgehoben und über die Gesunden gestülpt.

Das ist keine Wissenschaft mehr.
Das ist reine Propaganda mit wissenschaftlichem Anstrich.

Die Studie, die es bei den Diabetikern versucht hat

Und jetzt wird es richtig interessant. Denn die Diabetiker sind nicht deshalb ausgeschlossen worden, weil man nichts über sie wusste. Man wusste etwas über sie. Es passte nur nicht in die Pharmawerbung.

Fünf Jahre vor SPRINT lief eine Studie namens ACCORD. Dasselbe Land, dasselbe Jahrzehnt, dieselbe Frage, sogar dieselben Zielwerte — unter 120 gegen unter 140. Nur die Teilnehmer waren andere: 4’733 Menschen mit Typ-2-Diabetes. Und das kam heraus:

  • Herzinfarkt, Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Tod zusammengenommen: 1,87 gegen 2,09 von hundert im Jahr. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.

  • Gesamtsterblichkeit: 1,28 gegen 1,19 — unter der schärferen Senkung also numerisch sogar etwas höher. Ebenfalls nicht signifikant.

  • Zweieinhalbmal so viele schwere Zwischenfälle, die die Prüfärzte der Blutdruckbehandlung zuschrieben: 3,3 gegen 1,3 von hundert. Dieser Unterschied war signifikant.

[Quelle: ACCORD Study Group, New England Journal of Medicine 2010 — Effects of Intensive Blood-Pressure Control in Type 2 Diabetes Mellitus]

Und jetzt zurück zum Schiedsrichter aus dem vorigen Kapitel. Vergleiche die beiden Spielzeiten:

  • ACCORD lief 4,7 Jahre — bis zum Schluss. Das gesetzte Propagandaziel war nicht erreicht.

  • SPRINT wurde nach 3,26 Jahren beendet. Das gesetzte Propagandaziel war erreicht.

Dieselbe Frage, dieselben Zielwerte, dasselbe Jahrzehnt. Die Studie, die gewann, wurde beendet, solange sie führte. Die Studie, die nicht gewann, musste bis zum letzten Tag aushalten.

Mit einem solchen Ergebnis ließe sich arbeiten. Man könnte fragen, warum dieselbe Behandlung bei der einen Gruppe wirkt und bei der anderen nicht. Man könnte den Diabetikern einen eigenen Zielwert geben.

Stattdessen geschah dreierlei.

  • Erstens wurden die Diabetiker aus der nächsten großen Studie herausgenommen.

  • Zweitens brachte diese nächste Studie — SPRINT — das gewünschte Ergebnis.

  • Drittens wurde aus SPRINT die Leitlinie von 2017. Und die gilt für Diabetiker mit.

Risiko Schlaganfall

Dasselbe Muster beim Schlaganfall. Auch dort hatte man es vorher versucht, an dreitausend Menschen mit frischem kleinem Hirninfarkt, und auch dort verfehlte der Hauptendpunkt knapp die statistische Signifikanz — die Autoren hielten den tieferen Zielwert dennoch für vorteilhaft [Quelle: SPS3 Study Group, The Lancet 2013]. Und auch diese Menschen waren aus SPRINT ausgeschlossen. Heute stehen sie wieder unter derselben Grenze wie alle anderen.

Die Bedingungen einer Studie werden so lange nachjustiert, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt. Das Ergebnis wird anschließend auf alle angewendet — auch auf die, die man vorher herausgenommen hat. Und die jeweils neueste Studie schiebt die älteren aus der Diskussion.

Das ist keine Fälschung. Es wird nichts erfunden und keine Zahl gedreht; alles ist veröffentlicht und für jeden nachlesbar, auch die drei Zahlen oben.

Nur sind „nachlesbar” und „gelesen” zweierlei. Wer eine Studie zur Kenntnis nimmt — der Arzt zwischen zwei Patienten, der Journalist, der Referent, der die Leitlinie mitschreibt —, liest ausschließlich die Zusammenfassung ganz oben. Die Zusammenfassung von SPRINT ist eine halbe Seite. Der Artikel dahinter hat vierzehn, und dazu kommt noch ein Anhang mit weiteren Tabellen. Alles, was ich dir in diesem Kapitel gezeigt habe, stammt nicht von dieser halben Seite. Es steht in den Tabellen dahinter und in dem Absatz, in dem die Autoren ihre eigenen Vorbehalte formulieren.

Und jetzt sieh dir an, wie die Zusammenfassung von SPRINT gebaut ist:

Der Nutzen erscheint dort mit vollem Zahlenwerk: 1,65 gegen 2,19 Prozent im Jahr, “ein Viertel weniger”, mit Streubereich und Signifikanzwert. Die Nebenwirkungen erscheinen ebenfalls — aber ohne eine einzige Zahl. Es heißt dort nur, Kreislaufzusammenbrüche, Ohnmachten, entgleiste Salzwerte und Nierenschäden seien „häufiger” gewesen. Wie viel häufiger, muss man sich aus einer Tabelle weiter hinten holen. Und der dreieinhalbfache Verlust an Nierenleistung bei vorher Gesunden — die größte Schadenszahl der ganzen Studie — kommt in der Zusammenfassung überhaupt nicht vor.

Der Nutzen bekommt harte Zahlen. Der Schaden bekommt nur Adjektive.
Dafür braucht es keine Verschwörung und keine Absprache.

Wer weiterliest, findet alles. Es liest nur fast niemand weiter.

Die Unwahrheit steckt deshalb nicht in den Zahlen. Sie steckt im langen Weg von der Studie zur Regel.

Was bei den Alten wirklich gemessen wurde

Wenn ein einheitlicher Grenzwert für alle Altersgruppen richtig wäre, müssten die Studien an alten Menschen das zeigen. Sie zeigen etwas anderes.

HYVET, die einzige große Studie an über Achtzigjährigen (fast 4’000 Teilnehmer, mittleres Alter 83,6 Jahre): Sie wird als der Beweis angeführt, dass sich die Behandlung auch im hohen Alter lohnt — 21 Prozent weniger Todesfälle, deutlich weniger Herzschwäche. Nur schaut kaum jemand nach, mit welchen Werten dort gearbeitet wurde. Aufgenommen wurden Menschen ab 160 systolisch. Das Behandlungsziel war jedoch nur 150/80 [Quelle: Beckett et al., New England Journal of Medicine 2008].

Lies das neben der heutigen Leitlinie: Der Zielwert der Studie, die als Beleg fürs Behandeln im Alter dient, liegt dreißig Punkte über der Schwelle, ab der ein Achtzigjähriger heute als krank gilt und Tabletten nehmen soll.

Und dann gibt es die Untersuchung, die man in keiner Fortbildung sieht. Bei sehr alten, bereits behandelten Hochdruck-Patienten wurde geprüft, wer die nächsten fünf Jahre überlebt. Ergebnis: Wer tiefer lag, starb früher. Je zehn Punkte mehr systolisch — bis 139 hinauf — war mit einem geringeren Sterberisiko verbunden. Die Autoren schließen wörtlich, Ärzte sollten beim Senken in dieser Altersgruppe „Vorsicht walten lassen” [Quelle: Oates et al., Journal of the American Geriatrics Society 2007].

Dazu der Preis, den ältere Menschen für die Senkung zahlen. In einer landesweiten amerikanischen Untersuchung an knapp 5’000 älteren Erwachsenen hatten die mit Blutdrucksenkern behandelten ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko für eine schwere Sturzverletzung. Wer schon einmal gestürzt war, hatte ein mehr als doppelt so hohes Risiko [Quelle: Tinetti et al., JAMA Internal Medicine 2014].

Ein gebrochener Oberschenkelhals ist bei einem Achtzigjährigen kein Zwischenfall. Er ist oft der Anfang von endlosen Siechtum. Diese Rechnung — ein vermiedenes Ereignis gegen die Stürze, die die Behandlung selbst erzeugt — steht in keiner Werbebroschüre.

Wem der wandernde Grenzwert nützt

Man muss keine Verschwörung annehmen, um zu verstehen, warum eine Grenze immer in dieselbe Richtung wandert. Es genügt, sich anzusehen, wer an welchem Ausgang verdient.

Der weltweite Arzneimittelmarkt lag 2024 bei rund 1,7 Billionen Dollar; allein auf die USA entfallen davon fast 800 Milliarden [Quelle: IQVIA Institute — Global Medicine Spending]. Der Weltumsatz mit Blutdrucksenkern allein wird von Marktforschern je nach Abgrenzung auf 25 bis 30 Milliarden Dollar im Jahr geschätzt, mit Wachstumsprognosen bis 50 Milliarden [Quelle: Marktbericht zum weltweiten Blutdrucksenker-Markt, 2024].

Jetzt rechne mit: Ein Blutdrucksenker wird nicht für zehn Tage verschrieben, sondern für den Rest des Lebens. Jede Verschiebung der Grenze nach unten schafft mit einem Federstrich neue Dauerkunden — nicht neue Kranke, sondern neue Kunden. Ein Patient dagegen der die Tablette aufgibt, ist in dieser Rechnung ein Verlust. Das ist keine Unterstellung. Das ist die Struktur des Geschäfts.

Auf der anderen Seite der Bilanz steht ein Posten, über den ungern gesprochen wird. Nach einer Auswertung im Journal of the American Medical Association sterben in amerikanischen Krankenhäusern rund 106’000 Menschen im Jahr an Nebenwirkungen ordnungsgemäß verabreichter Medikamente — damit stünden Arzneimittelschäden unter den häufigsten Todesursachen des Landes [Quelle: Lazarou et al., JAMA 1998].

Rechnet man Behandlungsfehler, Krankenhausinfektionen und unnötige Eingriffe hinzu, kommt Barbara Starfield, ebenfalls im JAMA, auf rund 225’000 Tote pro Jahr [Quelle: Starfield, JAMA 2000]. Peter Gøtzsche, Mitbegründer des Nordischen Cochrane-Zentrums, hält verschreibungspflichtige Medikamente deshalb für die dritthäufigste Todesursache in den USA und Europa, nach Herzkrankheit und Krebs.

Das sind Schätzungen mit weiter Spanne, und sie betreffen nicht die Blutdrucksenker allein. Aber sie setzen den Maßstab für jede Nutzen-Schaden-Rechnung: Ein Medikament, dessen Nutzen im leichten Bereich nicht nachweisbar ist, kommt trotzdem mit dem vollen Schadenspotenzial daher.

Dazu kommt, was im ersten Teil steht: Die Zahl selbst wird von den Berufsverbänden derer festgelegt, die anschließend behandeln. Wer die Schwelle senkt, vergrößert seinen eigenen Kundenkreis — 2017 um rund 31 Millionen Menschen auf einen Schlag.

Und die Ärzte? Die meisten tun, was ihre Leitlinie sagt, und das ist keine Feigheit. Wer abweicht, trägt das Haftungsrisiko allein, wer sich daran hält, ist geschützt — auch dann, wenn die Leitlinie einem Grenzwert folgt, der aus einer Hochrisiko-Studie stammt. Der Zehn-Minuten-Takt der Kassenmedizin erledigt den Rest: Für die Frage nach der Ursache ist darin schlicht keine Zeit.

Es geht auch anders, und zwar nicht in Nischen, sondern in ganzen Gesundheitssystemen:

  • Kuba hat die natürliche und traditionelle Medizin seit den frühen 1990er-Jahren systematisch in sein staatliches Gesundheitswesen eingebaut — mit einer eigenen nationalen Direktion im Gesundheitsministerium, eigener Arzneipflanzen-Produktion und eigener Ausbildung an den medizinischen Fakultäten. Nicht als geduldete Nebenlinie, sondern als Bestandteil der Regelversorgung.

  • Indien führt für die traditionellen Heilsysteme ein eigenes Ministerium, AYUSH, mit eigenen Universitäten und Forschungsinstituten. 2022 eröffnete die Weltgesundheitsorganisation in Jamnagar ihr weltweit einziges Globales Zentrum für Traditionelle Medizin; Indien steckte rund 250 Millionen Dollar hinein [Quelle: WHO, Global Centre for Traditional Medicine].

  • China betreibt die TCM als zweite Säule neben der westlichen Medizin. Das erste Weißbuch der Regierung dazu weist für Ende 2015 genau 3’966 TCM-Krankenhäuser aus, darunter 446 Häuser ausdrücklich für integrierte chinesisch-westliche Medizin, dazu 452’000 Ärzte dieser Fachrichtung [Quelle: Informationsbüro des Staatsrats der Volksrepublik China, Weißbuch „Traditionelle Chinesische Medizin in China”, Dezember 2016].

  • Und die Schweiz, das Land, in dem ich lebe, hat 2009 in einer Volksabstimmung mit 67 Prozent Ja einen eigenen Verfassungsartikel für die Komplementärmedizin beschlossen (Art. 118a BV). Seit 2017 sind fünf ärztlich erbrachte Methoden definitiv in der gesetzlichen Kranken-Pflichtversicherung:

    • Akupunktur,

    • anthroposophische Medizin,

    • chinesische Arzneitherapie,

    • klassische Homöopathie und

    • Phytotherapie.

Zwei Drittel eines ganzen Volkes haben also abgestimmt, dass die andere Hälfte der Heilkunde dazugehört. Das ist keine Esoterik-Nische, das ist Verfassungsrecht.

Wer den seriösen, akademischen Zugang zu dieser anderen Hälfte sucht, dem empfehle ich das Buch von Andreas Michalsen, „Heilen mit der Kraft der Natur” (Insel Verlag, aktualisierte Neuausgabe 2025). Michalsen ist Professor für Naturheilkunde an der Charité in Berlin — also kein Außenseiter, sondern Universitätsmedizin. Wer eine Quelle sucht, die man auch dem skeptischen Schwager auf den Tisch legen kann, greift zu diesem Buch.

Was du daraus mitnimmst

Der erste Teil hat gezeigt, wie aus einem gesund alternden Menschen ein Patient definiert wurde. Dieser Teil hat gezeigt, womit man ihn davon überzeugt.

Es braucht dafür keine gefälschte Studie.

  • Es genügt, die günstige Zahl nach vorn zu stellen und die unbequeme nach hinten.

  • Es genügt, die Menschen, bei denen die Behandlung schadet, gar nicht erst aufzunehmen.

  • Es genügt, den Nutzen in Ziffern und den Schaden in Adjektiven zu erzählen.

  • Am Ende steht ein Satz, den jeder glaubt, weil jeder ihn schon hundertmal gehört hat — und niemand hat gelogen.

Damit kannst du ab jetzt jede Gesundheits-Schlagzeile lesen.

  • Frag nach der absoluten Zahl.

  • Frag, was als Ereignis gezählt wurde.

  • Frag, wer nicht mitmachen durfte. Drei Fragen, und die meisten Schlagzeilen fallen in sich zusammen.

Im dritten und vierten Teil, die bald erscheinen, geht es darum, was Du bei hohem Hochdruck praktisch tun kannst.

  • Um die vier Ursachen, die die Erfahrungsheilkunde prüft, bevor sie an ein Mittel denkt.

  • Um die natürlichen Stoffe, die in kontrollierten Studien messbar Druck wegnehmen, mit Mengen und Grenzen.

  • Um das richtige Messen — und darum, wie man mit einer eigenen Messreihe wieder handlungsfähig wird.


Das Buchgeschenk für Stammleser: „Die kleine 5G-Fibel”

Dieser Artikel handelt von einem Grenzwert, der nicht den Menschen schützt, sondern das Geschäft. Genau davon handelt auch mein aktuelles Willkommensbuch — nur auf einem anderen Feld. „Die kleine 5G-Fibel” ist meine kompakte Handreichung aus jahrelanger Praxis im Verein 5Gfrei.ch: Was 5G-Mobilfunk technisch wirklich ist, welche biologischen Wirkungen die unabhängige Forschung seit Jahrzehnten dokumentiert, warum die offiziellen Grenzwerte den Ausbau und nicht die Gesundheit schützen — und Schritt für Schritt, wie ein Bauantrag für eine Mobilfunkanlage abläuft und an welcher Stelle Anwohner mit welcher Begründung und in welcher Frist einsprechen können. Mit Adressen, Vorlagen und Quellen.

Wer die beiden Geschichten nebeneinanderlegt, sieht dasselbe Muster: ein Gremium legt eine Zahl fest, und diese Zahl entscheidet, was als unbedenklich gilt.

Stammleser bekommen dieses Buch unten gratis — mit einem Code, der den Preis im Shop auf null setzt. Wer noch kein Stammleser ist: Ein Abo kostet weniger als das Buch, und alle vier Wochen kommt ein neues dazu. Und wenn du es einfach kaufen willst: ingag.de/5g-fibel

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