Warum lieben Multimilliardäre den Kommunismus — und warum die Arbeiter ihn nie wollten?
Wenn nicht die Klassenlage das Bewusstsein bestimmt, sondern der Charakter — dann hat Marx 170 Jahre lang den falschen Feind benannt. Teil 6 der Religions-Serie
Was bisher geschah: Die Religions-Serie im Überblick
Dieser Beitrag ist Teil 6 einer fortlaufenden Serie über religiöse Macht-Architekturen und ihre feindliche Übernahme. Wer neu hinzukommt oder durch zwischenzeitlich erschienene Beiträge zu anderen Themen den Faden verloren hat — hier die bisherigen Teile in chronologischer Lesereihenfolge:
Teil 1 — 9. Mai 2026: Iran, Israel, USA — wer macht aus Religion den Vorwand für den 3. Weltkrieg? — Scofield-Dispensationalismus als City-of-London-Werkstatt-Produkt, Hieronymus’ Vulgata-Eingriffe, Iran-Vorgeschichte
Teil 2 — 11. Mai 2026: Wer hat aus Scientology eine Sekte gemacht? — Die feindliche Übernahme der Scientology, die ich von 1971/72 an live miterlebt habe
Teil 3 — 12. Mai 2026: Warum man heute nicht mehr „die Juden” sagen darf — und wer von der Schweigespirale profitiert — Statthalter-Strategie mit acht historischen Beispielen, die Akteurs-Disziplin als Schutz gegen die Antisemitismus-Falle
Teil 4 — 13. Mai 2026: Was ein Theologe an meinem Artikel beanstandet — und warum die These der staatlichen Übernahme einer Religion dadurch eher schärfer wird — Hieronymus-Korrektur mit Dr. Neuhoff, Anschluss zur akademischen Religionsgeschichte (Gmirkin)
Teil 5 — 13. Mai 2026: Was ich glaube, und warum ich diese Serie trotzdem schreibe — Persönliche Standortbestimmung: Schöpfergott, Pantheon und Geistwesen, Faust als Warnung, der bleibende Wert der heiligen Schriften jenseits ihrer Werkstatt-Verformungen
Teil 6 — 17. Mai 2026: Der vorliegende Beitrag. Der theoretische Rahmen, mit dem ich Richard Poes Buch How the British Invented Communism (And Blamed It on the Jews) (Encounter Books 2024) lese: Soziopathen statt Völker als legitimes Feindbild, die vierfache Empirie-Falsifikation des historischen Materialismus, das Po-Buch als Erweiterung der Werkstatt-Hypothese auf die scheinbar säkulare Konkurrenz-Religion des 20. Jahrhunderts — den Kommunismus selbst als von der City of London konstruierte Macht-Architektur
Teil 7 — in den kommenden Tagen: Der Gang durch das Poe-Buch. Die sieben Teile des Werks im Detail (Marx als britischer Agent, Wall-Street-/Berlin-/London-Finanzierung der Russischen Revolution, Round Table von Cecil Rhodes über Milner und Kissinger bis Klaus Schwab) plus religions-historischer Anschluss-Anhang: Robert Eisenman, Hermann Detering, Russell Gmirkin — das Werkstatt-Muster reicht bis in die Antike
Wer der wirkliche Feind ist — und wer nicht
Bevor wir zu Richard Poes Buch kommen, gehört eine Klarstellung an den Anfang, die diese ganze Serie trägt und in Teil 6 ihre schärfste Anwendung findet.
Wann immer jemand eine Gruppe von Menschen zum Feind erklären will und diese Gruppe über eine Religion, eine Hautfarbe, eine Nation oder eine soziale Klasse beschreibt, liegt er falsch. Immer. Nicht die Juden, nicht die Christen, nicht die Muslime, nicht die Weißen, nicht die Schwarzen, nicht die Deutschen, nicht die Russen, nicht die Reichen, nicht die Armen — keine dieser Gruppen handelt als Gruppe, und keine ist als Gruppe verantwortlich für das, was in ihrem Namen geschieht. Wer pauschalisiert, sitzt schon der Falle auf, die ihm gestellt wurde.
Es gibt nur ein einziges legitimes Angriffsziel, wenn man sich gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wehrt: die Gruppe der Soziopathen. Im Zentrum jeder verbrecherischen Vereinigung — von der kleinen kriminellen Bande bis zu den ganz großen historischen Apparaten — sitzen Menschen ohne Gewissen, ohne Mitgefühl, ohne den inneren Stopp, den normale Menschen eingebaut haben, wenn sie anderen schaden würden. In der psychologischen Fachsprache heißen sie Soziopathen, in der älteren Sprache Psychopathen, in der klinischen Diagnostik antisoziale Persönlichkeitsstörung. Sie machen in jeder Gesellschaft etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung aus, gehen quer durch alle Religionen, Nationen und Klassen und sind genau deshalb nie als „die Juden” oder „die Briten” oder „die Reichen” zu fassen. Wichtig zu wissen, damit nicht falsches Mitleid aufkommt: Nach allem, was die psychologische und neurobiologische Forschung über Jahrzehnte zusammengetragen hat (Robert Hare und seine Psychopathie-Checkliste PCL-R sind hier der internationale Standard), ist Soziopathie eine strukturelle, in der frühen Kindheit bereits erkennbare Persönlichkeits-Disposition, die im Erwachsenenalter weder erlernbar noch therapierbar ist. Therapie wirkt bei Soziopathen statistisch sogar kontraproduktiv — sie nutzen die psychologischen Konzepte, die sie dort lernen, um ihre Manipulations-Werkzeuge zu verfeinern. Ein Soziopath kann sein Verhalten taktisch anpassen, aber er kann keine echte Empathie entwickeln; sie ist nicht da, und sie kommt auch nicht. Soziopathen sind in diesem präzisen Sinne eine eigene Klasse Menschen — eine, die niemand werden kann, der nicht so geboren ist, und die niemand verlassen kann, der so geboren wurde.
Soziopathen sind aber nicht allein wirksam. Es gehört zu ihrem Werkzeugkasten, dass sie es schaffen, ganz normale Menschen — Soziale Wesen, wie man sie sinnvoll nennen kann — in ihre Unternehmungen einzubeziehen: durch Einschüchterung, durch Erpressung, durch Bestechung, durch Verführung, durch Karriere-Anreize, durch ideologische Verblendung, durch Anpassungsdruck. Die meisten Menschen, die in den großen Verbrechen der Geschichte mitgewirkt haben, waren nicht selbst Soziopathen — sie wurden von Soziopathen benutzt. Aber die Initiative, die strategische Planung, die kalt-rationale Entscheidung über Massenmord kommt immer aus der gewissenlosen Clique.
Besonders schlimm wird es, wenn diese gewissenlosen Charaktere in Machtpositionen vordringen — und genau dafür sind sie strukturell prädestiniert. Wer ohne Skrupel täuscht, ohne rot zu werden lügt und ohne Hemmung andere instrumentalisiert, hat im Karriere-Rennen um Macht einen Wettbewerbsvorteil gegen jeden, der sich an Wahrheit und Anstand bindet. So konzentrieren sich Soziopathen statistisch in den oberen Etagen — in Vorständen, in Geheimdiensten, in der hohen Politik, in Bank- und Konzern-Spitzen. Das Thema dieser Artikel-Serie ist die schlimmste Stufe dieser Konzentration: Soziopathen, die nicht nur eine Firma oder eine Regierung übernehmen, sondern nach der Weltherrschaft greifen.
Genau diese Greifbewegung beschreibt Richard Poe in seinem Buch im Detail. Sein Befund: Das Werkzeug der modernen Weltherrschaftsstrategen ist der Kommunismus — und zwar in einer ganz bestimmten Konstruktion. Die zentrale rhetorische Operation heißt „Diktatur des Proletariats”. Sie suggeriert, dass die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung eine Diktatur über die Reichen, die Ausbeuter, die Eliten ausübt. Dieses Konzept ist die geniale Tarnung der ganzen Operation: Eine Diktatur lässt sich nicht im Namen eines Adligen, eines Superreichen oder einer Bankiers-Familie rechtfertigen; im Namen des unterdrückten Volkes gegen seine Unterdrücker dagegen schon. Genau diese Umetikettierung der Diktatur — von „Ausbeutung von oben” zu „Befreiung von unten” — hat es den hinter der Bewegung stehenden Steuerungs-Soziopathen erlaubt, in den Ländern, in denen sie den Ton angaben, Massenmord in nie dagewesener Größenordnung durchzuziehen.
Die Bilanz dieser angeblichen Befreiung lässt sich beziffern. Das Schwarzbuch des Kommunismus (Stéphane Courtois und andere Historiker, 1997) hat die Toten zusammengerechnet, die der real existierende Kommunismus weltweit gefordert hat: Stalins NKWD-Apparat in der Sowjetunion etwa zwanzig Millionen, Maos Apparat in China etwa fünfundsechzig Millionen (Großer Sprung nach vorn und Kulturrevolution), Pol Pots Rote-Khmer-Apparat in Kambodscha etwa zwei Millionen, Mengistus Apparat in Äthiopien knapp zwei Millionen, dazu Nordkorea, Vietnam, Afghanistan und die Gulag-Systeme Osteuropas. In der Summe etwa hundert Millionen Tote im 20. Jahrhundert — die mit Abstand größte politisch verursachte Tötungsbilanz der Menschheitsgeschichte. Diese hundert Millionen Tote wurden nicht von hundert Millionen Soziopathen umgebracht, sondern von einer dünnen gewissenlosen Steuerungsschicht, die hunderttausende Sozialer Wesen für ihre Tötungsmaschinerie eingespannt hat — durch ideologische Indoktrination, durch Einschüchterung, durch Bestechung und durch Karriere-Anreize.
Und hier kommt Poes eigentliche Pointe, die Teil 6 in diese Serie hineinbringt: Genau jene Kreise, die längst Weltherrschaft als City of London ausübten, haben die ganze materialistische Sozialismus-Konstruktion entwickeln lassen. Marx und Engels haben den Sozialismus nicht erfunden — den gab es lange vor ihnen, in idealistischer Form: Robert Owen in England, Saint-Simon und Charles Fourier in Frankreich, Pierre-Joseph Proudhon, der christliche Sozialismus, die frühen Genossenschaftsbewegungen. All das war Gemeinschafts-Denken aus einer geistig-moralischen Quelle, ohne Massenmord-Apparat. Was Marx und Engels geleistet haben, war die Materialisierung dieses Sozialismus: die Auslöschung der geistig-moralischen Dimension, die Umstellung auf den dialektischen Materialismus, die Konstruktion der „Diktatur des Proletariats” als legitimes Gewalt-Werkzeug. Und genau diese Materialisierung war das, was die City of London brauchte — eine Sozialismus-Variante, die nicht zur friedlichen Reform-Genossenschaft führt, sondern zur revolutionären Übernahme fremder Staaten, gefolgt von der Eliminierung der gewachsenen Eliten und der Errichtung eines neuen Apparates, der aus London steuerbar bleibt. Marx hat dafür die Ideologie geliefert, finanziert und gelenkt von genau den Kreisen, gegen die sich seine Theorie angeblich richtete.
Idealistischer Sozialismus seit Jesus — materialistischer Sozialismus erst seit Marx
Damit der Unterschied scharf bleibt, lohnt ein eigener Blick. Der idealistische Sozialismus ist keine moderne Erfindung. Er beginnt in dem, was uns als erste christliche Gemeinde überliefert ist. In der Apostelgeschichte (Apg 2,44–45 und 4,32–35) heißt es: „Alle aber, die gläubig wurden, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus an alle, je nachdem es einer nötig hatte … Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte.” Das ist der biblische Urtext einer freiwilligen Gütergemeinschaft, getragen von geistiger Motivation, ohne Zwangs-Apparat. Von dort führt eine fast zweitausend Jahre lange Linie: durch die frühchristlichen Wüsten- und Klostergemeinschaften, die Beginen und Begarden des Mittelalters, die hussitischen Tabor-Gemeinden, die Wiedertäufer in Münster, die Hutterer in Mähren, die englischen Diggers um Gerrard Winstanley 1649, den christlichen Sozialismus des 19. Jahrhunderts (Lamennais in Frankreich, Charles Kingsley in England), Robert Owens New Lanark, Saint-Simons technokratisch-idealistische Schule, Fouriers Phalanstères, Proudhons Mutualismus bis hin zur Schweizer Genossenschaftsbewegung Raiffeisens. All das war Sozialismus aus einer Quelle, die Soziale Wesen freiwillig zusammenführt — geistige, moralische, religiöse, ethische Motivation. Niemand musste umgebracht werden, damit Gemeinschaft entstehen konnte.
Der materialistische Sozialismus, den Marx und Engels in den 1840er und 1850er Jahren in London konstruierten, ist eine fundamentale Umkehrung dieser Tradition. Er streicht die geistig-moralische Quelle und ersetzt sie durch das ökonomische Eigeninteresse: nicht „weil ich meinen Nächsten liebe, teile ich”, sondern „weil ich ausgebeutet werde, nehme ich mir, was mir zusteht”. Engels machte daraus 1880 die polemische Selbstabgrenzung Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft — alle vorherigen auch praktizierten Sozialismen wurden zum „utopischen” abgewertet, ihr eigener Materialismus als „wissenschaftlich” geadelt. Marx und Engels haben dafür eine Doppelkonstruktion entwickelt, die im Diamat und Histomat der späteren Schulungen gepaukt wurde: der dialektische Materialismus als Welterklärung (es gibt nur Materie, alles Geistige ist Reflex davon), der historische Materialismus als Geschichtsdeutung (die Geschichte verläuft notwendig in Klassenkämpfen, mit der Diktatur des Proletariats als Endstation vor der klassenlosen Gesellschaft). Beide Säulen zusammen lieferten die Legitimation, das Geistige aus der Politik zu entfernen — und damit auch die moralische Vorbehalte gegen die Gewalt.
Der Schlusssatz des Kommunistischen Manifests (1848) bringt die ganze Operation auf eine Formel: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.” Beides hat sich als Lüge erwiesen. Sie hatten sehr wohl etwas zu verlieren: ihr Leben (hundert Millionen Tote im 20. Jahrhundert), ihre Religion, ihre Familienstruktur, ihre kulturelle Identität, ihre gewachsenen Genossenschaften, ihre kleinen Höfe, ihre kleinen Geschäfte. Und sie haben keine Welt gewonnen, sondern eine neue Diktatur unter neuen Herren — meist mit denselben Profiteuren wie zuvor, nur in anderen Uniformen.
Und hier kommt der zweite empirische Schlag gegen die ganze Konstruktion: Die Träger des Sozialismus waren nie die Arbeiter, in deren Namen er gesprochen hat. Es waren Intellektuelle aus dem Bürgertum — und zwar aus dem idealistischen Antrieb, etwas Besseres für die Schwachen schaffen zu wollen. Karl Marx war Sohn eines Trierer Anwalts, akademisch geschult, schrieb in der Reichshauptstadt London im British Museum. Friedrich Engels war Sohn eines Wuppertaler Textilfabrikanten, verwaltete später die englische Niederlassung der väterlichen Spinnerei. Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, war Sohn eines geadelten Schulinspektors. Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, war Sohn eines wohlhabenden ukrainischen Großbauern, jüdischer Akademiker. Mao Zedong war Sohn eines wohlhabenden chinesischen Bauern, Lehramts-Absolvent. Fidel Castro war Sohn eines spanischen Großgrundbesitzers, Jurist. Ernesto „Che” Guevara war Sohn eines argentinischen Bauingenieurs, Arzt. Kein einziger Arbeiter in der ganzen Reihe.
Die historische Empirie zeigt mehr noch — sie zeigt, dass die wirklichen Arbeiter sich der Sache, die in ihrem Namen geführt wurde, nicht mehrheitlich angeschlossen haben. In England, im Mutterland der industriellen Revolution, blieben die Gewerkschaften reformistisch und liberal-orientiert; die marxistische SDF blieb eine Splittergruppe. In Deutschland gewann die SPD zwar Arbeiterstimmen, blieb aber sozialdemokratisch und distanzierte sich 1914 demonstrativ von der revolutionären Linie. In Frankreich, Italien, Holland: dasselbe Bild. Es fanden sich überall Arbeiter, die als Streikbrecher den Klassenkampf sabotierten, weil sie ihre Familien ernähren mussten und kein Interesse an der Revolutions-Romantik der Intellektuellen hatten. Marx und Engels haben diesen Befund später als „falsches Bewusstsein” abgetan — eine ideologische Verlegenheitslösung, mit der die Arbeiter selbst für ihr ungenügendes Revolutionsbewusstsein verantwortlich gemacht wurden.
Und drittens: In den kommunistischen Parteien selbst, die sich an die Macht putschten oder geputscht wurden, haben Arbeiter nie die Führung übernommen. Das Politbüro der KPdSU bestand aus Akademikern, Berufsrevolutionären und Apparatschiks. Stalin war Priesterseminarist, Bucharin Sohn eines Lehrers, Sinowjew Sohn eines Milchhof-Besitzers, Kamenew Sohn eines Eisenbahn-Ingenieurs. Die wirklichen Arbeiter wurden nach außen als Symbol vorgezeigt — bei Paraden, in Plakaten, in Pressefotos mit Stalin und einem rauhbärtigen Bergmann — aber sie saßen nicht in den Steuerungs-Gremien. Was die KP-Führer betrieben, war Arbeiter-Tümelei nach außen: derbe Sprache, einfache Kleidung, Pfeife (Stalin), Mütze (Lenin), und dahinter eine straff hierarchische Intellektuellen-Diktatur, die mit echter Arbeitermacht so viel zu tun hatte wie der Vatikan mit echter Jesus-Nachfolge.
Aus eigener Anschauung — sieben Jahre Kommunistischer Bund
An dieser Stelle muss ich kurz aus eigener Anschauung sprechen, weil mir das Thema persönlich nahesteht. Ich war von 1972 — mit siebzehn Jahren — bis 1980 Mitglied im Kommunistischen Bund (KB Nord), einer westdeutschen K-Gruppe mit Schwerpunkt Hamburg. Die Diamat- und Histomat-Schulungen habe ich mit derselben Konzentration und Interesse absolviert, mit der ich heute Quigley und Poe lese — nur dass am Ende nichts hängen blieb, was sich logisch zusammenfügen ließ. Als Mensa-Mitglied mit gemessenem IQ über 130 hätte mir das eigentlich keine Mühe bereiten dürfen. Es tat es aber, und ich verstehe heute, warum: Die Lehre war nicht zu schwierig, sie war unlogisch. Es war kein Erkenntnis-Problem an meiner Seite, es war halt eine Fake-Wissenschaft ohne viel Substanz.
Was mich damals zusätzlich irritierte, war die Diskrepanz zwischen Schulungs-Inhalt und gelebter Praxis innerhalb meiner Gruppe. Die Lehrsätze stellten den Arbeiter ins Zentrum; in der Realität saß ich am Tisch mit Hochintellektuellen aus der Mittelschicht, die sich nach außen demonstrativ proletarisch gaben — Lederjacke, Schiffer-Mütze, derbe Sprache — und in Wahrheit das Gegenteil eines Arbeiters waren: theoretisch hyperaktiv, oft arbeitsscheu, mit offener Verachtung für die schlichte christliche Tugend, die in der Bergpredigt-Tradition steht („Geben ist seliger denn Nehmen”, Apostelgeschichte 20,35). Die Leitung des KB — laut Wikipedia ein Gremium mit zeitweise bis zu zwölf Mitgliedern — war vor den eigenen Mitgliedern geheim gehalten; selbst wer wie ich jahrelang sein Herzblut investierte, wusste damals nicht, wer in der Spitze saß. Heute lässt sich rekonstruieren: Es waren überwiegend Hochintellektuelle aus der Mittelschicht. Genau dasselbe Politbüro-Muster, das ich oben für die KPdSU im Großen beschrieben habe, im westdeutschen Mikro-Maßstab — Arbeiter-Tümelei nach außen, Intellektuellen-Steuerung innen, Geheimhaltung der Spitze, damit die Diskrepanz nicht aufgeht. 1980 habe ich den KB hinter mir gelassen und mich an der Gründung der Grünen beteiligt. Mein Antrieb damals war ein wirklich idealistischer, durchaus internationalistischer; an militanten Antifa-Aktionen habe ich mich nie beteiligt, ihre Linie fand ich schon damals widerlich.
Was aus den damaligen KB-Genossen geworden ist, illustriert die Soziopathen-vs-Soziale-Wesen-Linie besser als jede akademische Marx-Kritik. Aus einer und derselben westdeutschen K-Gruppe gingen die heutige grüne Eskalations-Spitze hervor — Jürgen Trittin als ihr prominentestes Gesicht, später Atomausstiegs-Architekt und ab dem Kosovo-Krieg 1999 verlässlicher Befürworter militärischer Eskalationen, denen sich der jugendliche KB-Genosse Trittin noch demonstrativ entgegengestellt hätte — sowie ihr schärfster patriotischer Kritiker Jürgen Elsässer, heute Herausgeber des Compact-Magazins, der aus dem ursprünglichen Idealismus zu einer souveränitäts-orientierten Position weitergedacht hat, und das berühmte Fundi-Duo Thomas Ebermann und Rainer Trampert, das 1990 mit der Realo-Linie der Grünen brach und beim ursprünglichen Idealismus geblieben ist. Was die Genossen unterschied, war nicht ihre Klassenlage und nicht ihre Schulungs-Lektüre, sondern ihr Charakter. Wer Soziopath war, machte Karriere im Apparat und nimmt heute auf Davoser Konferenzen Platz. Wer Soziales Wesen blieb, ging entweder weiter wie Elsässer, brach wie Ebermann und Trampert — oder, mein Beispiel: ich stieg leise aus und entwickelte mich eher spirituell: Erst mal selbst reifen, statt andere erziehen zu wollen.
Und viertens — die spektakulärste Inversion: Marx hat in seiner Kritik der politischen Ökonomie (Vorwort 1859) den Grundsatz formuliert, der seither die ganze marxistische Soziologie tragen sollte: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.” Mit „Sein” war die Klassenlage gemeint: Wer als Arbeiter oder Bauer geboren ist und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdient, denke notwendig sozialistisch — seine materielle Lage zwinge ihn zur Solidarität mit seinesgleichen. Wer dagegen Kapitalist ist, denke notwendig anti-sozialistisch — sein materielles Interesse zwinge ihn zur Verteidigung des Eigentums. Eine schöne, klare Theorie. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Empirie sie seit hundertsiebzig Jahren widerlegt.
In der Praxis sind es nämlich genau umgekehrt die Superreichen, die seit jeher eine auffällige Affinität für den Kommunismus, Sozialismus und sozialistisch-globalistische Kollektiv-Konzepte zeigen. Friedrich Engels selbst, Spross einer Wuppertaler Textilfabrikanten-Familie und Mitverwalter der englischen Spinnerei seines Vaters, finanzierte Karl Marx jahrzehntelang aus Spinnerei-Gewinnen — Kapitalisten-Geld als Lebensgrundlage des Anti-Kapitalismus. Jacob Schiff, Wall-Street-Bankier (Kuhn, Loeb & Co.), pumpte Millionen in die russischen Revolutionsbewegungen 1905 und 1917, gegen den Zaren. Olof Aschberg, schwedischer Bankier mit Wall-Street-Verbindungen, vermittelte die Finanzströme an die Bolschewiki. Armand Hammer, amerikanischer Industrieller, gab Lenin Kredite und half jahrzehntelang, die Sowjetwirtschaft aufzubauen. Averell Harriman, Bankier und späterer US-Diplomat, hielt die sowjetische Manganminen-Konzession. Antony Sutton hat diese ganze Wall-Street-Bolschewismus-Achse in seinem Buch Wall Street and the Bolshevik Revolution (1974) Quelle für Quelle dokumentiert — gegen die geballte Wand der akademischen Marxistik, die einen solchen Befund nach ihrer eigenen Theorie gar nicht zur Kenntnis nehmen darf.
Und so erlebte ich es auch in der eigenen Familie. Als meine Schwester einen Spross aus einer Hamburger Multimilliardärs-Unternehmerfamilie heiratete, stellte er sich als erster vor mich, wenn unsere konservativen Eltern mein kommunistisches Engagement kritisierten — er hatte an einer US-Elite-Uni gelernt, den Marxismus in seinem eigenen Sinne zu nutzen. Solange ich Kommunist war, blieb ich sein bester Freund; als ich Jahre später Scientologe wurde und damit eine Ethik vertrat, die jeden Einzelnen auch für die Pflege der Umwelt in Anspruchnahme, verstieß er mich als „schwarzes Schaf” aus der ganzen Familie — er war Utilitarist, und in einer größten-Nutzen-Bilanz hat die unverletzliche Würde des Einzelnen oder der Umweltschutz keinen Platz.
Eine einzige Zahl genügt, um die Größenordnung der Operation für den heutigen Leser fassbar zu machen. Allein das Berliner Außenministerium zahlte über Parvus — Alexander Helphand, den russisch-jüdischen Sozialisten mit deutschem Pass, der die berühmte Schweizer Lenin-Reise im plombierten Zug im April 1917 organisierte — schätzungsweise neun Tonnen Gold aus, um die bolschewistische Destabilisierungskampagne in Russland zu finanzieren. Was sind neun Tonnen Gold? In heutigen Werten rund eine Milliarde US-Dollar in reinem Goldwert. In relativer Kaufkraft entsprach das damals etwa 0,3 Prozent des gesamten US-Bundeshaushalts und wäre auf den heutigen amerikanischen Wirtschaftsmaßstab umgerechnet ein 20-Milliarden-Programm — also hinreichend, um die Großmacht Russland zu Fall zu bringen. Und das war nur die deutsche Finanzierungslinie; die Wall-Street-Linie über Schiff, Aschberg und die anderen kam in vergleichbarer Größenordnung obendrauf. Kein Zuschuss zu einer bestehenden Arbeiterbewegung also — sondern Investition in eine rote Revolution, aus den tiefsten Taschen genau jener Klassen, die diese Revolution angeblich bekämpft. (Richard Poe, How the British Invented Communism (And Blamed It on the Jews), Encounter Books 2024, S. 56 mit Anm. 204 der englischen Originalausgabe.)
Hundert Jahre später wiederholt sich dasselbe Muster, sogar offener. George Soros, Multimilliardär, finanziert weltweit kollektivistische Bewegungen unter dem Open-Society-Etikett. Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum, propagiert mit Great Reset und „You’ll own nothing and you’ll be happy” eine Top-Down-Enteignung in genau dem Vokabular, das 1917 schon einmal Millionen das Leben kostete — diesmal vom Davoser Bergdorf aus, in dem sich die Superreichen der Welt bei feisten Festessen jährlich treffen, um zu beschließen, was die restliche Menschheit nicht mehr besitzen darf. Bill Gates, Mark Zuckerberg, Larry Fink mit seinem ESG-Doktrin-Apparat bei BlackRock (ESG steht im Englischen für Environmental, Social, Governance — also Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungs-Kriterien, die angeblich in Investment-Entscheidungen einfließen sollen; in der Praxis ist es ein Top-Down-Druckwerkzeug der großen Vermögensverwalter, mit dem Konzerne genötigt werden, sich an politische Agenden “der Kommunistischen Partei” anzupassen, die nirgendwo demokratisch beschlossen wurden), die ganze Silicon-Valley-Liga — alle Multimilliardäre, alle für eine globalistische Kollektivierungs-Agenda, die im Namen der Schwachen, der Umwelt, der Menschenrechte daherkommt und in der Praxis die Eigentums-, Bewegungs- und Meinungsrechte derer einschränkt, in deren Namen sie geführt wird. Hundert Jahre nachdem die Attraktivität des Kommunismus beim einfachen Volk verschwunden ist, blüht die Begeisterung dafür in den oberen Etagen ungebrochen weiter — nur unter neuen Vokabeln.
Hier ist allerdings eine wichtige Differenzierung anzubringen, damit nicht das passiert, wovor der erste Block dieser Einleitung gewarnt hat — eine Gruppe pauschal zum Feind erklären. „Die Superreichen” sind nicht automatisch Soziopathen, schon gar nicht alle. Die großen Familien-Vermögen sind oft über mehrere Generationen aufgebaut worden, und in den Familien selbst wachsen ganz normale Menschen heran — mit derselben Normalverteilung wie im Rest der Bevölkerung, also weit überwiegend Soziale Wesen mit Gewissen, Mitgefühl und einem Sinn für das Richtige. Die Steuerungs-Schicht, von der hier die Rede ist, ist nicht die Familie der Reichen selbst, sondern eine soziopathische Auslese in und um diese Familien herum, die über drei dokumentierte Mechanismen die Kontrolle behält: Erstens durch Umprogrammierung der nächsten Generation — Berichte aus Whistleblower-Kreisen und ehemaligen Insidern beschreiben den Einsatz von Pain-Drug-Hypnosis-Methoden, also exakt der Werkzeug-Trias, die in den MK-Ultra-Programmen der CIA seit den frühen 1950er Jahren entwickelt wurde, um die als „entartet” (im Klartext: zu gewissenhaft, zu mitfühlend, zu eigenständig) eingestuften Söhne und Töchter zu gefügigen Werkzeugen der soziopathischen Steuerungs-Schicht zu machen. Nicht im Sinne, dass aus ihnen selbst Soziopathen würden — Soziopathie ist, wie oben festgehalten, eine angeborene Struktur, die sich nicht herstellen lässt. Was die Pain-Drug-Hypnosis-Trias leistet, ist etwas anderes: Sie blockiert die natürlichen Gewissens- und Mitgefühls-Impulse der Sozialen Wesen, die diese Erben von Geburt aus haben, traumatisiert ihre eigenständige Urteilskraft und macht sie zu gehorsamen Vollstreckern fremder Befehle. Sie bleiben Soziale Wesen unter Mind-Control, nicht neue Soziopathen — was die Operation in mancher Hinsicht noch dunkler macht, weil hier echtes menschliches Potenzial gezielt verkrüppelt wird. Zweitens — wenn die Umprogrammierung nicht greift — durch Enteignung und Aufs-Abstellgleis-Stellen dieser Familienmitglieder: sie dürfen nicht ans Vermögens-Management heran, werden mit einer abgespeisten Apanage versorgt, gelten in der Familien-Folklore als „exzentrisch” oder „krank”. Drittens, und systematisch am wichtigsten, durch Auslagerung der eigentlichen Steuerung an Anwaltskanzleien, Treuhand-Häuser, Stiftungs-Vorstände, Vermögensverwalter und Family-Office-Apparate, die die Familien-Vermögen faktisch lenken, während die nominellen Erben Repräsentations-Funktion behalten. In dieser Apparat-Schicht — nicht in den Familien-Stammbäumen selbst — sitzen die soziopathisch ausgelesenen Steuerungs-Spezialisten, die nie in einer Familien-Akte auftauchen und deshalb auch nie als Akteure benannt werden.
Genau dieser Befund erledigt Marx’ historischen Materialismus an seinem eigenen theoretischen Anspruch: Die Klasse, deren nominelle Mitglieder nach seiner Lehre die treuesten Anti-Kommunisten sein müssten, hat in der Empirie eine soziopathische Steuerungs-Schicht in und um sich, die zur treuesten Förderschicht des Kommunismus und seiner Nachfolge-Doktrinen geworden ist. Das ist kein Paradox, sondern erklärt sich vollständig, sobald man die Soziopathen-Linse anlegt: Der materialistische Sozialismus war nie ein Aufstand der Unterdrückten — er war von Anfang an eine Top-Down-Kollektivierungs-Doktrin dieser Steuerungs-Soziopathen, getarnt als Befreiungs-Bewegung der Arbeiterklasse. Wer das Eigentum von Millionen kleiner Eigentümer in die Hände einer staatlichen Apparat-Elite überführt, hat das beste Geschäft seines Lebens gemacht — und genau das machen Kommunismus, Sozialismus, ESG und Great Reset, jeder in der Sprache seiner Zeit. Die spezifische Affinität dieser Apparat-Schicht für solche Konzepte ist deshalb kein Widerspruch zu ihrer ökonomischen Lage, sondern ihr direkter Ausdruck.
Genau diese vierfache empirische Diskrepanz — Sozialismus, der von Intellektuellen aus Idealismus angefangen wurde, von Soziopathen in Steuerungs-Positionen materialistisch umgebaut, gegen die Arbeiter selbst verwendet und von der Klasse finanziert wurde, die nach seiner eigenen Theorie sein Hauptgegner sein müsste — ist die Pointe, die Poe historisch belegt und die Bin Ladin im Vorwort in ihren Schutzklammer-Rahmen stellt. Der idealistische Sozialismus seit Jesus ist eine zweitausend Jahre alte Tradition Sozialer Wesen, die freiwillig teilen wollen. Der materialistische Sozialismus seit Marx ist ein hundertsiebzig Jahre altes Werkzeug der Soziopathen-Schicht, die andere zwingen wollen, damit am Ende sie selbst regieren.
Der Sozialismus wurde also ebenfalls — wie viele Religionen — von den Möchtegern-Weltherrschern gekapert und umdefiniert.
Wer das verstanden hat, sieht die ganze Konstellation klarer: Es waren nicht die Juden, die den Kommunismus erfunden haben — auch wenn jüdische Aktivisten sichtbar in den Revolutions-Apparaten saßen. Es waren nicht die Russen, die zwanzig Millionen ihrer Landsleute umgebracht haben — auch wenn der NKWD aus Russen bestand. Es waren nicht die Chinesen, die fünfundsechzig Millionen ihrer Landsleute umgebracht haben — auch wenn die Rote Garde aus Chinesen bestand. Es waren Soziopathen in Steuerungs-Positionen — in London konzipiert, vor Ort durch lokale Soziopathen-Apparate ausgeführt, in beiden Fällen mit hunderttausenden manipulierten Sozialen Wesen als Vollzugsmasse. Wer einen Volks-, Religions- oder Klassen-Namen für dieses Verbrechen einsetzt, lügt — und arbeitet, ob er will oder nicht, der Ablenkungs-Strategie genau dieser Soziopathen-Schicht zu.
Das ist die Linie, in der ich Teil 6 dieser Serie geschrieben habe. Richard Poe liefert dafür die historische Quellenlage, Noor Bin Ladin liefert das methodische Schutz-Schild, und ich übernehme beides als meine eigene Position.
Ausblick auf Teil 7 — der Gang durch das Poe-Buch
Mit diesem Beitrag habe ich den theoretischen Rahmen aufgebaut, mit dem ich Richard Poes Buch How the British Invented Communism (And Blamed It on the Jews) lese. Das eigentliche Werk — die sieben Teile des Buches mit Marx als britischem Agenten, der City-of-London-Konstruktion der Sozialismus-Doktrin, den Wall-Street-/Berlin-/London-Finanzierungs-Linien der Russischen Revolution, der Round-Table-Linie von Cecil Rhodes über Milner und Kissinger bis Klaus Schwab — gehört in einen eigenen Teil, der diesem hier in den nächsten Tagen folgt.
Teil 7 wird die sieben Teile des Po-Buches der Reihe nach durchgehen und die jeweils tragenden Befunde herausarbeiten. Im Anhang folgt die religions-historische Anschluss-Ergänzung: Robert Eisenman, Hermann Detering und Russell Gmirkin zeigen, dass dasselbe Werkstatt-Muster, das Poe für die politische Kommunismus-Konstruktion des 19. Jahrhunderts belegt, bis in die Antike zurückreicht — Paulus als textueller Konstrukteur des Christentums, das zweite Jahrhundert als Werkstatt-Periode, der Pentateuch (die fünf Bücher Mose) als alexandrinisches Produkt um 273 v.Chr. Damit schließt sich der Bogen zur ersten Folge dieser Religions-Serie: Die Werkstatt-Hypothese, die wir in Teil 1 für Scofield und Hieronymus aufgemacht haben, gilt vom alten Mesopotamien bis zum heutigen Davos. Es war immer dieselbe Operation, nur in der Sprache der jeweiligen Zeit.
Wer das Buch geschrieben hat — und warum die Konstellation entscheidend ist
Das Buch, um das es in diesem Teil geht, heißt How the British Invented Communism (And Blamed It on the Jews). Es ist 2024 bei Encounter Books in New York erschienen. Autor: Richard Poe, amerikanischer Journalist und Buchautor — selbst jüdischer Herkunft, was er in einem frühen Kapitel seines Buches in einer bemerkenswerten Selbstoffenlegung benennt: „Im Interesse vollständiger Transparenz sollte ich erwähnen, dass meine Großmutter und mein Großvater väterlicherseits Juden waren, geboren und aufgewachsen im ehemaligen Russischen Reich. Sie haben den Schrecken des russischen Bürgerkriegs durchlebt, und sie lebten noch in diesen Schrecken, als Churchill seinen Artikel 1920 schrieb. Ich kann keine vollkommene Objektivität in dieser Sache beanspruchen. Aber ich glaube doch, fair sein zu können.” Mit diesem Satz benennt Poe den Voreingenommenheits-Verdacht selbst — und entkräftet ihn zugleich, indem er ihn ausspricht. Mitautorin und Verfasserin des Vorworts: Noor Bin Ladin, Nichte von Osama Bin Ladin, aus der saudisch-arabischen Bin-Ladin-Familie (Saudi Binladin Group, einer der größten Bauunternehmer-Dynastien Saudi-Arabiens), in der Westschweiz aufgewachsen, in London studiert, sie hat mit dem Terrorismus-Strang ihres Onkels nichts zu tun und arbeitet seit Jahren als unabhängige Autorin und politische Kommentatorin in der Schweiz und in den USA.
Diese Konstellation ist nicht zufällig zustande gekommen — sie ist die rhetorische Bedingung der Möglichkeit, das Buch überhaupt zu publizieren. Wer als jüdischer Autor schreibt, dass nicht „die Juden”, sondern die City of London die Drahtzieherin der Bolschewistischen Revolution war und seit zweihundert Jahren ihre eigenen Verbrechen den Juden in die Schuhe schiebt, schreibt vor allem eine Rechtfertigung gegen den uralten antisemitischen Vorwurf der „jüdischen Weltverschwörung” — er schiebt die Drahtzieher-Rolle dorthin zurück, wo sie hingehört. Genau diese Position aber ist für die Gegenseite leicht zu kontern: „Natürlich verteidigt ein jüdischer Autor die Juden — er wäscht sie nur rein.” Diesen Voreingenommenheits-Vorwurf entkräftet Bin Ladins Vorwort. Sie schreibt aus genau dem kulturellen Milieu, das im Westen traditionell als anti-jüdisch verdächtigt wird — saudisch-arabisch-muslimisch, Familienname Bin Ladin — und bestätigt aus dieser unverdächtigen Position heraus, dass Poes These stimmt: nicht die Juden, sondern die City of London. Ein muslimischer Zeuge entlastet den jüdischen Autor vom Voreingenommenheits-Verdacht. Diese Konstruktion ist nicht nur klug, sie ist die rhetorische Operation, die das Buch publizierbar macht.
Was Bin Ladin uns als Lesern darüber hinaus klarmacht, ist ihre persönliche Linie: Souveränität von Nationen gegen supranationale Strukturen, kritische Auseinandersetzung mit der globalistischen Architektur, Schutz der jüdischen Bevölkerung vor pauschalisierender Schuldzuweisung. Es ist nicht das halbherzige Lippenbekenntnis einer Co-Autorin, die unterschrieben hat, was der Hauptautor wollte — es ist eine durchdachte und seit Jahren öffentlich vertretene Linie.
Genau aus dieser dritten Linie kommt das Vorwort des Buches. Bin Ladin schreibt — und ich zitiere hier den Satz, der für mich der wichtigste des ganzen Vorworts ist, weil er die methodische Schutzklammer des Buches in einem einzigen Atemzug aufspannt:
„Richard legt nahe — und das ist die Pointe seines Buches —, dass die alte Aristokratie, besonders in England, sich planmäßig und über lange Zeit angestrengt hat, mit Hilfe ihrer Geheimdienste und ihrer staatlichen Propaganda-Apparate die Juden für viele ihrer eigenen Verbrechen und Untaten verantwortlich zu machen — darunter die Anstiftung zur Französischen und zur Russischen Revolution.”
Und Bin Ladin geht direkt im Anschluss auf den schwierigsten Punkt zu, den man bei einem solchen Buch übergehen könnte: den tatsächlichen jüdischen Anteil an der bolschewistischen Bewegung. Sie blendet ihn nicht aus, sie räumt ihn ein — und gibt zugleich die operative Aufklärung dazu:
„Um es klar zu sagen: Churchill lag nicht falsch, als er 1920 sagte, Juden seien in der bolschewistischen Bewegung überproportional vertreten. Sie waren es. Aber das war nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte: Die Bolschewisten hatten weder die Kraft, die russische Regierung zu stürzen, noch die russische Armee zu schlagen. Ohne britische Hilfe hätten sie keines von beidem geschafft.”
Ich schließe mich dieser Position vorbehaltlos an
Diese zwei Sätze tragen die ganze Methodik des Buches — und sie tragen auch alles, was ich in dieser Serie zur jüdisch-zionistischen Konstellation gesagt habe, ausgesprochen oder zwischen den Zeilen. Ich übernehme Bin Ladins Linie als meine eigene und stelle sie deshalb hier in den Eingang dieses Teils, bevor wir auch nur eine Seite weiter in Poes Buch hineinschauen:
Erstens — der Schuldzuschiebungs-Mechanismus. Eine kleine, namentlich identifizierbare Funktionsträger-Schicht — die „alte Aristokratie, besonders in England”, in der Sprache dieser Serie die City of London und ihre Round-Table-Erben — hat über knapp zweihundert Jahre planmässig daran gearbeitet, ihre eigenen Verbrechen, ihre eigenen Revolutions-Konstruktionen, ihre eigenen geopolitischen Manöver auf das jüdische Volk zu übertragen. Französische Revolution, Russische Revolution, später dann der „Internationale Finanzjude” der Zwischenkriegszeit, später dann „die Wall-Street-Juden” im rechten Verschwörungs-Milieu: jedes Mal verschwindet die City-of-London-Architektur hinter dem jüdischen Schatten, den sie selbst auf die Wand projiziert.
Zweitens — die saubere Trennung zwischen jüdischer Bevölkerung und jüdischen Funktionsträgern in Steuerungs-Apparaten. Bin Ladin und Poe leugnen nicht, dass es in den Revolutions-Apparaten jüdische Aktivisten gab — gut sichtbar, manchmal an der Spitze. Aber sie zeigen, dass diese Aktivisten ohne die übergeordnete britische Steuerung folgenlos geblieben wären. Trotzki ohne britische Schiffspassage von New York 1917 wäre nie nach Russland gekommen. Lenin ohne deutsche Reichsbahn und britische Geheimdienst-Toleranz nie nach Petrograd. Die jüdische Über-Repräsentation in den Bolschewisten-Kadern ist eine empirische Tatsache; sie erklärt aber nicht, warum die Revolution gelang. Was sie gelingen ließ, kam aus der City of London, dem Berliner Außenministerium und der Wall Street.
Drittens — der Schutz der jüdischen Bevölkerung. Wer „die Juden” als handelndes Subjekt einsetzt, lässt die City of London verschwinden. Wer dagegen die City of London als handelndes Subjekt benennt, befreit das jüdische Volk von einer Schuld, die nicht seine ist. Genau diese Disziplin — Akteure benennen, nicht Völker oder Religionen — ist die rote Linie dieser Serie (siehe Teil 3, Statthalter-Strategie). Bin Ladins Vorwort ist deren methodische Bestätigung aus genau der Richtung, aus der man sie am wenigsten erwartet — einer Frau aus einer arabisch-islamischen Familie, die sich öffentlich für den Schutz der jüdischen Bevölkerung vor pauschalisierender Schuldzuweisung einsetzt.
Das ist die Tonlage, in der ich das Poe-Buch in diesem Teil aufmache. Nicht als Aufklärungs-Sensation („endlich sagt jemand, dass die Briten den Kommunismus gemacht haben”), sondern als methodisch saubere Korrektur einer zweihundertjährigen Schuldzuweisungs-Operation. Wer das verstanden hat, kann jede Seite des Buches lesen, ohne in eine antisemitische Falle zu laufen — und sieht zugleich, wie raffiniert die antisemitische Falle aufgestellt wurde, von wem, und wofür.
Und noch ein vierter Punkt — warum dieses Buch in einer Religions-Serie steht
Wer sich bis hierher fragt, was ein Buch über die britischen Geheimdienste und die Russische Revolution in einer Serie über Religion verloren hat, bekommt jetzt die Antwort, mit der Teil 6 die ganze Serie zusammenbindet.
Der Kommunismus ist nicht nur ein politisches Werkzeug, das die City of London im 19. Jahrhundert zur Subversion fremder Staaten konstruiert hat. Er ist zugleich eine Religion — mit allem, was eine Religion ausmacht: heilige Schriften (Das Kapital, Manifest der Kommunistischen Partei, später die Mao-Bibel); Heilige, die zu Lebzeiten verehrt und nach dem Tod konserviert werden (Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong, Ho Chi Minh — Lenin liegt bis heute einbalsamiert am Roten Platz wie eine Reliquie); ein Glaubensbekenntnis (der dialektische Materialismus); eine Eschatologie (das ist der theologische Fachbegriff für die Lehre von den letzten Dingen — bei den Christen das Jüngste Gericht und das ewige Leben, beim Marxismus die klassenlose Gesellschaft am Ende der Geschichte); eine Erbsünde (das bürgerliche Eigentum); eine Erlösung durch Bekehrung und Kaderbildung; und einen Häresie-Apparat, der Abweichler exkommuniziert oder physisch vernichtet (NKWD, Stasi, Mao-Säuberungen).
Und genau wie die Anhänger der von uns in den Teilen 1 bis 5 untersuchten älteren Religionen lesen die Anhänger dieser neuen Religion ihre heiligen Schriften nicht wirklich. Die wenigsten Marxisten haben Das Kapital in voller Länge durchgearbeitet, die wenigsten Maoisten haben die Mao-Bibel logisch geprüft, die wenigsten Lenin-Verehrer haben den späten Lenin der Was tun?-Schrift gegen den frühen Lenin der Staat und Revolution gehalten und die offenen Widersprüche bemerkt. Was die Anhänger entwickeln, ist derselbe Fanatismus, den wir aus den älteren Religionen kennen — nur dass er sich „materialistisch” und „wissenschaftlich” nennt und genau dadurch immunisiert gegen jede Selbstprüfung.
Damit bin ich nicht der erste. Drei Schultern, auf denen diese Beobachtung steht, möchte ich namentlich nennen:
Eric Voegelin, deutsch-amerikanischer Politikwissenschaftler, hat 1938 in seinem Buch Die politischen Religionen den Marxismus, den Nationalsozialismus und den Faschismus zu „politischen Religionen” erklärt — säkulare Heilslehren mit Eschatologie, Erlösungs-Versprechen und Häretiker-Verfolgung
Raymond Aron, französischer Philosoph, in Opium der Intellektuellen (1955): der Marxismus ist der Heilsglaube für Intellektuelle, die die christliche Religion verworfen, aber ihre Sehnsucht nach Erlösung behalten haben — derselbe geistige Mechanismus, andere Vokabeln
Igor Schafarewitsch, russischer Mathematiker und Solschenizyn-Mitstreiter, in Der Sozialismus als Phänomen der Weltgeschichte (1977): der Sozialismus ist eine Variante uralter gnostischer Strömungen, die in der Antike als Häresie auftraten und im 19./20. Jahrhundert nur einen neuen Namen bekamen
Was ich dieser Tradition hinzufüge — und was sich erst nach Poe und nach Quigley ergänzen lässt: Voegelin sah die politische Religion als geistige Selbstverirrung der Aufklärung. Aron sah sie als Verirrung der Intellektuellen-Klasse. Schafarewitsch sah sie als Wiederkehr des Gnostischen. Keiner von ihnen hat den Werkstatt-Befund — dass diese politische Religion bewusst gebaut wurde, von einer benannten Akteurs-Schicht, mit Personen, Adressen, Bankkonten. Genau das liefert Poe: Marx als britischer Agent, Engels als Mitfinanzierer, die Russische Revolution als von London logistisch erst ermöglichte Operation. Dasselbe Schema wiederholte sich dreißig Jahre später in China, diesmal stärker aus Washington und New York gesteuert — Owen Lattimore und die „China Hands” im amerikanischen State Department sabotierten die nationalistische Kuomintang und ermöglichten so Maos Übernahme 1949; Anthony Kubek hat diese amerikanische Steuerungs-Operation in How the Far East Was Lost (Henry Regnery 1963) Quelle für Quelle belegt. Erst Poe macht aus der Beobachtung „der Kommunismus ist eine Religion” die schärfere Aussage „der Kommunismus ist eine konstruierte Religion mit identifizierbaren Konstrukteuren”. Und damit ist Teil 6 nicht nur ein politischer Anhang an die Religions-Serie, sondern ihre Vollendung: Die Werkstatt-Hypothese, die in den Teilen 1 bis 5 für Judentum, Christentum, Islam und Scientology entwickelt wurde, gilt auch für die scheinbar “wissenschaftliche” Konkurrenz-Religion des 20. Jahrhunderts. Alte Religionen kapern und neue Religion bauen sind zwei Modi derselben Operation — selbe Werkstatt, selbe Werkzeuge, selber Zweck.
Eine philosophische Pointe noch dazu, weil sie zu Teil 5 zurückbindet. Das zentrale Glaubensbekenntnis des Kommunismus, der dialektische Materialismus, gibt sich anti-religiös. Aber er ist selbst ein Glaubensakt — und zwar einer mit schlechteren Karten als die Behauptung eines Schöpfergottes. Wer behauptet, dass nichts existiert außer Materie, behauptet damit eine metaphysische These, die er nicht empirisch beweisen kann — denn empirisch beobachtbar wäre höchstens, dass innerhalb der Materie keine zusätzlichen Geister-Teilchen herumfliegen, nicht aber, dass es jenseits der Materie nichts gibt. Und wer dann zusätzlich behauptet, das eigene Bewusstsein, mit dem er gerade diese These formuliert, sei selbst nur ein Resultat toter Materie, sägt am Ast, auf dem er sitzt: ein bloßes Materie-Resultat hat keinen Wahrheitsanspruch, sondern ist nur ein biochemischer Vorgang. Die Behauptung „es gibt nichts Geistiges” schlägt sich also mit sich selbst, sobald sie formuliert wird. Die Behauptung „es gibt einen Schöpfer” hat dieses Selbstwiderlegungs-Problem nicht. Sie ist methodisch sparsamer, weil sie das beobachtbare Faktum — dass Bewusstsein existiert und Welt geordnet ist — nicht wegerklären muss, sondern in einen umfassenderen Rahmen stellt. Wer aus dem Materialismus heraus die älteren Religionen als „bloßen Aberglauben” abtut, steht auf einem Glaubensfundament, das die kritische Prüfung weniger gut übersteht als das, was er gerade als „Aberglauben” abtut.
Damit sind wir, durch die Hintertür der City-of-London-Werkstatt, wieder am Ausgangspunkt von Teil 5: zwischen Werkstatt-Schicht und geistiger Substanz unterscheiden. Der Materialismus ist die Werkstatt-Schicht des Kommunismus, hochglanzpoliert als Wissenschaftlichkeit — und genauso ablösbar von einer dahinterliegenden geistigen Wirklichkeit wie die jeweiligen Schicht-Konstruktionen der älteren Religionen ablösbar sind von ihrer ursprünglichen Substanz.
Hier noch einmal die Liste meiner Religions-Serie, falls Dir noch einer fehlt:
Teil 1 — 9. Mai 2026: Iran, Israel, USA — wer macht aus Religion den Vorwand für den 3. Weltkrieg? — Scofield-Dispensationalismus als City-of-London-Werkstatt-Produkt, Hieronymus’ Vulgata-Eingriffe, Iran-Vorgeschichte
Teil 2 — 11. Mai 2026: Wer hat aus Scientology eine Sekte gemacht? — Die feindliche Übernahme der Scientology, die ich von 1971/72 an live miterlebt habe
Teil 3 — 12. Mai 2026: Warum man heute nicht mehr „die Juden” sagen darf — und wer von der Schweigespirale profitiert — Statthalter-Strategie mit acht historischen Beispielen, die Akteurs-Disziplin als Schutz gegen die Antisemitismus-Falle
Teil 4 — 13. Mai 2026: Was ein Theologe an meinem Artikel beanstandet — und warum die These der staatlichen Übernahme einer Religion dadurch eher schärfer wird — Hieronymus-Korrektur mit Dr. Neuhoff, Anschluss zur akademischen Religionsgeschichte (Gmirkin)
Teil 5 — 13. Mai 2026: Was ich glaube, und warum ich diese Serie trotzdem schreibe — Persönliche Standortbestimmung: Schöpfergott, Pantheon und Geistwesen, Faust als Warnung, der bleibende Wert der heiligen Schriften jenseits ihrer Werkstatt-Verformungen
Teil 6 — heute, 17. Mai 2026: Der vorliegende Beitrag. Der theoretische Rahmen, mit dem ich Richard Poes Buch How the British Invented Communism (And Blamed It on the Jews) (Encounter Books 2024) lese.
Teil 7 — in den kommenden Tagen: Der Gang durch das Poe-Buch. Die sieben Teile des Werks im Detail


Da ich seit 2020 sehr viel lese und dadurch vermehrt in den Kaninchenbau runter gestiegen bin, bekam ich eine immer grössere Neugierde in viele Dimension. Deine Artikel inkl. das letzte Buch über Trump (steht noch an zu lesen) haben mich begeistert. Warum, vieles ahnte ich oder von anderen Autoren teilweise aus anderen Gesichtspunkten erwähnt, ergab bei mir ein Bild das Du mir nun helfen konntest es a) zu bestätigen und b) noch weitere Lücken zu schliessen. Eigentlich ist das alles himmeltraurig, gleichzeitig ein riesen grosses Glück live zu erleben wie dieses über jahrtausende böse Konstrukt am zerfallen ist, und hoffentlich zum Guten wendet. Herzlichen Dank für diese Arbeit
Wow Andreas. Du arbeitest an einem mächtigen Vermächtnis. Ich hoffe auf noch viele Artikel von dir. Für mich bist du aktuell einer der wertvollsten Autoren unserer Zeit.
Alles Qute.