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Lieber Andreas

Zunächst einmal herzlichen Dank für diesen ausführlichen und inspirierenden Beitrag. Viele Deiner Gedanken zum möglichen Ende des heutigen Geschäftsbankenmodells kann ich nachvollziehen. Insbesondere die Kritik an der Geldschöpfung aus dem Nichts sowie die Frage, wem die daraus entstehenden Vorteile letztlich zugutekommen, halte ich für wichtige Diskussionspunkte.

Gleichzeitig sehe ich die Entwicklung etwas differenzierter.

Selbst wenn eine neue digitale Geldarchitektur mehr Effizienz, niedrigere Kosten und weniger Abhängigkeit von klassischen Banken bringen sollte, bedeutet das für mich noch nicht automatisch mehr Freiheit. Es könnte ein Schritt in diese Richtung sein – aber nur eine begrenzte Form von Freiheit.

Denn die eigentliche Herausforderung liegt meines Erachtens tiefer. Geld begrenzt unsere Freiheit bis heute, und auch neue Geldsysteme lösen weder menschliche Gier noch Machtkonzentration oder Kontrolle automatisch auf.

Hinzu kommt ein Aspekt, der mir oft zu wenig Beachtung findet: Hunderte Millionen Menschen weltweit verfügen weder über ein Bankkonto noch über anerkannte Ausweisdokumente oder eine stabile digitale Infrastruktur. Für sie spielt es kaum eine Rolle, ob das neue System über Banken, Stablecoins oder X Money läuft – sie bleiben weiterhin ausgeschlossen.

Bereits die heute üblichen KYC-Vorgaben setzen voraus, dass ich meine Identität offenlege, um überhaupt teilnehmen zu dürfen. Genau hier beginnt für mich ein grundsätzlicher Konflikt. Die staatlich definierte Identität ist letztlich ein Konstrukt, dem ich mich im Alltag zwar unterwerfen muss, das ich aber nicht mit meinem eigentlichen Wesen als Mensch gleichsetze.

Ein aktuelles Beispiel aus meinem eigenen Leben verdeutlicht das sehr gut:

Ich besitze seit einigen Jahren ein Konto bei SwissBorg. Damals habe ich mich als Schweizer mit Schweizer Wohnadresse registriert. Heute lebe ich jedoch mit einer paraguayischen Aufenthaltsbewilligung und möchte meine Daten entsprechend aktualisieren.

Dazu habe ich meine paraguayische Cédula (Identitätskarte) eingereicht. Diese wird jedoch nicht akzeptiert. Stattdessen fordert man einen Reisepass. Als Ausländer in Paraguay erhalte ich jedoch keinen paraguayischen Reisepass, solange ich nicht paraguayischer Staatsbürger werde. Praktisch bleibt mir also nur die Möglichkeit, wieder meinen Schweizer Pass hochzuladen, obwohl meine tatsächliche Lebensrealität heute eine andere ist.

Genau an solchen Beispielen erkenne ich, wie stark finanzielle Teilhabe zunehmend an staatlich definierte Identitäten gekoppelt wird. Gleichzeitig nimmt der internationale Informationsaustausch zwischen Finanzinstituten und Steuerbehörden laufend zu. Wer vollständig digital identifiziert ist, hinterlässt zwangsläufig immer mehr Datenspuren.

Ich verstehe die Argumente rund um Geldwäschebekämpfung und Kriminalität durchaus. Trotzdem bleibt für mich die Frage offen, ob wir tatsächlich mehr Freiheit schaffen oder lediglich von einer Form der Kontrolle in eine modernere und effizientere Form derselben Kontrolle wechseln.

Deshalb sehe ich die eigentliche Herausforderung nicht nur in der Reform des Geldsystems, sondern in der Frage, wie wir Wertstabilität, Privatsphäre, Selbstbestimmung und echte Zugänglichkeit für alle Menschen miteinander verbinden können.

Vielen Dank für Deine Gedanken und die wertvollen Impulse.

Herzliche Grüße Pierre

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